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Familie Flick zahlt nichts zur Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen

Die blutige Hinterlassenschaft

Von Hans Leyendecker

Die Appelle und flehentlichen Bitten deutscher Politiker an die Vertreter des Mittelstandes, doch bitte für die Entschädigung der Zwangsarbeiter des Dritten Reiches zu sammeln, haben etwas rührend Hilfloses. Mittelständische Betriebe sind meist Zuliefererbetriebe und müssen die Lücken füllen. Weil bei einigen der grossen Namen dieser Republik die Kälte regiert, fehlen immer noch 1 400 000 000 Mark für die zugesagte Summe, und jede Woche sterben tausende Opfer. Der Geiz ist ein Meister aus Deutschland.

Zwar richtet sich der Aufruf der von 16 Konzernen gegründeten Initiative bislang ausschliesslich an Unternehmen, aber wird der Ausschluss von Privatpersonen der historischen Verantwortung gerecht? Durch die Fron und Pein der Zwangs- und Sklavenarbeiter oder durch Arisierung sind auch riesige Privatvermögen angehäuft worden. Weil sich das Kapital in internationalen Labyrinthen organisiert, ist die blutige Hinterlassenschaft längst gewaschen worden, doch die Erben sind nicht anonym. Sie heissen beispielsweise Horten oder Flick.

Der Name der Flick-Dynastie ist manchen Jüngeren nur noch aus den bunten Blättern bekannt, obwohl er ein Stück deutscher Industriegeschichte darstellt. Friedrich Flick (1883 bis 1972), ein knarziger, willensstarker Siegerländer, den sie an der Börse den «Geier» nannten, war der ungekrönte König an der Ruhr. Sein Konzern wurde zu einem der führenden Stahl- und Kohlekonzerne in Deutschland und wuchs zu Adolf Hitlers grösstem Rüstungslieferanten heran. Der Alte sorgte dafür, dass die Geschäfte alle Zeit ungestört von politischen Seitenwinden verliefen. Er spendete kräftig an diverse Zirkel, natürlich auch an die Nazis. Heinrich Himmler holte persönlich im Berliner Büro der Flick-Gruppe Bares ab. Besonders enge Beziehungen pflegte Flick zu Hermann Göring (der nach der Machtergreifung der Nazis Reichsminister wurde und zum Zuständigen für die Mobilisierung der Wirtschaft im Dienste des Hitler’schen Rüstungsprogramms aufstieg). Die Freundschaft wuchs, als Flick ihm 1938 ein Drittel der Harpener Bergbaugesellschaft überschrieb und im Gegenzug die arisierten Braunkohlegruben der tschechisch-jüdischen Familie Petschek übernahm. Flick war Mitglied der NSDAP und des «Freundeskreises Reichsführer SS Himmler». Die Vermutung allerdings, der Alte sei ein Nazi gewesen, ist irrig. Ihm ging es immer ums Geschäft, wer das Land regierte, war ihm weitgehend Wurscht, solange die Regierenden spurten. Ein Kommunist - hier sind wir auf sicherem Grund - war Flick nie.

Nichts ohne den Familienrat

1944 hatte der Flick-Konzern 120 000 Beschäftigte. Vierzig Prozent der Gesamtbelegschaft bestand aus Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Diese Zahl lässt natürlich nicht den dauernden Wechsel erkennen; die Toten wurden nicht gezählt. Flick-Destinatär Himmler war ein Anhänger der Idee «Vernichtung durch Arbeit», was den Konzernherren allerdings aus Gründen der Betriebsabläufe weniger gefiel.

1947 wurde Flick in einem der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse wegen Sklavenarbeit, Ausplünderung besetzter Gebiete und seiner Beziehungen zur SS zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Über das Leben der Zwangsarbeiter bei Flick wurden grässliche Details bekannt, aber das Gericht bescheinigte dem Industrieführer, dass er das Sklavenarbeitsprogramm der Nazis weder ausgearbeitet noch in Gang gesetzt habe. Flick behauptete, die Arbeitsämter hätten zugeteilt, man habe keine Möglichkeit gehabt, die Zuweisung der Zwangsarbeiter zu verweigern. Er sei nur ein Rad in der Maschinerie gewesen und habe «mit den Wölfen geheult». Bereits 1950 wurde der Alte aus der Haft entlassen. Eine unternehmerische Begabung wie er, die aus eins und eins leicht vier machte, wurde für den Wiederaufbau dringend gebraucht. Weil durch Krieg und Kriegsfolgen ein Grossteil der Substanz des Unternehmens verloren gegangen war, schachtelte er den Konzern neu und war bereits 1960 wieder der reichste Mann Deutschlands. Er gab sich als Gönner.

So einer musste sich immer vieler Bittsteller erwehren. Anfang der sechziger Jahre erschienen Abgesandte von rund 1300 ungarischen Jüdinnen, die Zwangsarbeiterinnen in den Fabriken Flicks gewesen waren. Flicks Vertreter handelten eine Entschädigung von fünf Millionen Mark aus. Den Betrag hätte Flick aus der kleinsten Westentasche zahlen können, aber er unterschrieb die Vereinbarung nicht, weil er einen Handel mit den Opfern wollte. Sie sollten ihm eine Ehrenerklärung ausstellen und anerkennen, dass es weder humanitäre noch moralische Gründe für eine Zahlung gebe. Erst 1986, der Flick-Konzern war für rund 5,3 Milliarden Mark an die Deutsche Bank verkauft worden, wurde das Geld überwiesen. Man war mittlerweile um den Ruf besorgt.

Die Nachkommenschaft des Gönners steht nicht auf den Kriegsverbrecherlisten, sondern in den Verzeichnissen der wirklich Reichen. Sohn Friedrich-Karl Flick ist mittlerweile 74 Jahre alt, hat seinen Steuersitz in Österreich; sein Privatvermögen wird auf mindestens zehn Milliarden Mark geschätzt. Einmal im Monat erhält er einen gut hundert Seiten dicken Bericht über die Entwicklung des Vermögens.

Die Enkel des Alten, Gert-Rudolf (genannt Muck) und Friedrich-Christian (Mick), hat das «manager magazin» jüngst auf je 1,4 Milliarden Mark Vermögen taxiert, doch das scheint übertrieben; jeweils eine Milliarde Mark ist realistischer. Der Besitz ihrer Schwester Dagmar wird auf 500 Millionen geschätzt. Rund hundert Millionen Mark sind der Mutter Barbara geblieben.

Zur Entschädigung sei die Zeit nicht reif

Im Familienrat ist gelegentlich über Zwangsarbeit und Entschädigung gesprochen worden, und Barbara Flick, die Schwiegertochter des Alten, gilt als die Hardlinerin des Familienstammes. Sie findet, dass die Zwangsarbeiter vergleichsweise gut behandelt wurden. Eine Frau wie aus Stahl. Zu ihren Gesprächspartnern zählt der alte Flick-Verteidiger und ehemalige Flottenrichter Otto Kranzbühler, der in Nürnberg vom Kampf gegen die «rote Flut» sprach und sich mehrfach über den notwendigen Einsatz von Zwangsarbeitern verbreitet hat: «Eine Nutzniessung», erklärte er 1990, «zieht die Industrie aus jedem Einsatz von Arbeitern genauso wie aus dem Einsatz von Kapital, von Werksmitteln. Man müsste die Industrie schon aufgeben, wenn man nicht aus dem Einsatz von Mitteln einen Nutzen ziehen wollte.»

Mick und Muck sind anders: normale Weltbürger mit jüdischen Freunden. Beide scheuen den Konflikt und die Öffentlichkeit; sie sind Lebemänner und Schöngeister zugleich. Mick besitzt eine der wertvollsten Privatsammlungen der Gegenwartskunst, vermutlich 2500 Werke. Er schätzt besonders Gerhard Richter und Sigmar Polke und will von den Künstlern Aufschlussreiches über Krieg, Rassismus und totalitäre Regime erfahren. In Zürich plant er derzeit ein Privatmuseum. Bruder Muck, der im Stadtteil South Kensington eines der schönsten Häuser Londons bewohnt, sammelt ebenfalls Bilder und hat vor Jahren der Universität von Oxford rund 800 000 Mark gespendet, um einen Lehrstuhl für «Europäisches Denken» zu finanzieren. 1995 erschien in der «Times» der Artikel eines hoch geachteten britischen Historikers: «Warum Ehre für einen Kriegsverbrecher?» Eine Diskussion über die «Sünden des Grossvaters» («The Daily Telegraph») setzte ein, und schliesslich zog der Enkel, der von so herausragenden Figuren wie Lord Weidenfeld und dem Philosophen Isaiah Berlin unterstützt worden war, die Spende zurück.

Danach wurde in den englischen Blättern erst recht über Zwangsarbeit debattiert. Flick schrieb einen öffentlichen Brief, in dem er sich «mit tiefer persönlicher Scham» von den Taten des Grossvaters distanzierte, und erklärte dem «Jewish Chronicle», es sei «durchaus möglich», dass die Überlebenden des Holocaust von einem Flick entschädigt würden. Er sei aber nur ein Mitglied der Familie, und über solch wichtige Angelegenheiten müsse der Familienrat entscheiden. Dafür sei die Zeit nicht reif und überhaupt: Könne man menschliche Tragödien mit Geld bezahlen?

Als sich Gert-Rudolf Flick vor ein paar Jahren von Frau Donatella scheiden liess, erhielt sie insgesamt 32 Millionen Pfund. Donatella kaufte ein Haus in der Nähe des Hydeparks; es war das letzte Domizil von Winston Churchill. Im Haus des früheren Premiers wird Sebastian Flick, der Urenkel des Alten, aufwachsen. Das ist für einen Teil der Familie ebenso bedeutend wie für den anderen Teil die Erwartung, dass ab Juni 2002 im Haus der Kunst in München eine Ausstellung mit dem Titel «Flick Collection» gezeigt wird. Die Alten freut besonders, dass das Haus von Paul Ludwig Troost geplant wurde, den Hitler «als den grössten Baumeister seit Schinkel» bezeichnet hat.

Erstveröffentlichung in der «Süddeutschen Zeitung» vom 26. Februar 2001.

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