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Warum Flicks Museumspläne nicht überall auf Begeisterung stossen

Flicks Erbe in Zürich

Von Patrik Landolt und Anna Schindler (Mitarbeit Stephan Ramming)

Auf dem Gelände des ehemaligen Modellmagazins der Sulzer-Escher Wyss AG im boomenden Zürich-West-Quartier, zwischen dem Zürcher Schauspielhaus im Schiffbau und der WoZ-Redaktion, westlich des Mobimo-Hochhauses, soll ein neues Museum für eine der grössten privaten Sammlungen moderner Kunst gebaut werden. Wie Meldungen der Tagespresse zu entnehmen war, hat Friedrich-Christian Flick, der Enkel des deutschen Rüstungsfabrikanten Friedrich Flick, den weltweit angesehenen Architekten Rem Koolhaas damit beauftragt, für seine über 2500 Werke umfassende Sammlung ein Museum zu bauen.

Ein Privatmuseum mit dem Namen des deutschen Rüstungsfabrikanten, der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wegen Sklavenarbeit, Ausplünderung besetzter Gebiete und seiner geschäftlichen Beziehungen zur SS zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, in der Bankenstadt Zürich? Ein Museum ausgerechnet mit dem Namen jener Erben, die sich stahlhart weigern, die historische Verantwortung für die Verbrechen der Vorfahren zu tragen und bis heute nicht zur Wiedergutmachung bereit sind? (Siehe Beitrag von Hans Leyendecker.) Ein weiterer Beweis für die «Käuflichkeit» der Schweiz? Oder einfach historische und politische Unbedarftheit? - Die Frage, ob ein Flick-Museum in Zürich von der Öffentlichkeit überhaupt erwünscht ist, wurde bislang nicht diskutiert.

Der Wechsel der Liegenschaft in den Besitz des Flick-Erben ging diskret vor sich. Erst die Nennung von Rem Koolhaas im Februar war der Flick Collection ein Pressecommuniqué wert. Die Interessengemeinschaft Hardturmquartier hat sich mit dem Flick-Museum bis heute noch gar nicht beschäftigt. Jean-Daniel Blanc, Präsident der Interessengemeinschaft Hardturmquartier und Mitglied der Zürcher SP, bemängelt, dass die BewohnerInnen über die Museumspläne nicht informiert worden seien. Schliesslich sei es fürs Quartier nicht unerheblich, welche Art von Museum gebaut und welche Funktion dieses haben werde.

Der Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann bestätigt, dass Friedrich-Christian Flick ihn telefonisch über die geplante Flick Collection in Zürich informiert hat. «Es hängt jedoch nicht von meiner Zustimmung als Stadtpräsident ab, ob Friedrich-Christian Flick seine Sammlung in einem privaten Museum zugänglich macht», sagt der in Zürich für Kulturelles zuständige Estermann auf Anfrage der WoZ. Ob ein Flick-Museum politisch erwünscht sei, wurde hingegen nicht erörtert. Estermann weiss jedoch um die Brisanz eines Flick-Museums in der Limmatstadt. Er betont deshalb, er finde es persönlich wichtig, dass die Familie Flick «die historische Verantwortung übernimmt und einen angemessenen Beitrag zur Entschädigung der Zwangsarbeiter des Dritten Reiches leistet».

Dass ein Museum eines Flick-Erben für eine Stadt nicht den gleichen Stellenwert hat wie etwa eine Sammlung Beyeler, darauf machen vor allem Mitglieder der jüdischen Gemeinde aufmerksam. Rolf Bloch, Präsident des Schweizer Holocaust-Fonds, findet das Verhalten von Friedrich-Christian Flick auf einer moralischen Ebene unsympathisch. «Er verschanzt sich hinter der Familie. Mit einer grossen Geste an die Opfer - und nicht ans Kunstpublikum - könnte er seine Distanzierung von den Nazi-Vorfahren glaubwürdiger machen», kommentierte Bloch. Den Widerspruch von Kunst-Mäzenatentum und historischer Verantwortung, der in der Person Friedrich-Christian Flick zum Ausdruck kommt, bringt Ellen Ringier, Mitglied des Stiftungsrates der «Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus» sowie Präsidentin der «Stiftung Jugend für Akzeptanz und Toleranz» («Rock gegen Hass») auf den Punkt. Sie kennt Friedrich-Christian Flick persönlich und beschreibt den Kunstliebhaber als offen und sympathisch. Sie zeigt sich begeistert darüber, dass die Zürcher Kunstwelt ein neues Museum mit moderner Kunst bekommt. Im gleichen Atemzug betont aber auch Ellen Ringier, dass die Familie Flick sich der Frage der Entschädigung der Zwangsarbeiter des Dritten Reiches stellen sollte.

Das Direktorium des Zürcher Schauspielhauses, Christoph Marthaler, Stefanie Carp und Anna Viebrock, äussert sich zur Aussicht auf die künftige Nachbarschaft unmissverständlich: «Wir wünschen uns andere Nachbarn als ein Museum, dessen Exponate aus dem Flick-Vermögen zusammengekauft wurden. Es steht der Schweiz schlecht an, einer Sammlung, die in Deutschland wegen der Familiengeschichte der Sammler abgelehnt würde, nun in Zürich, auf so genannt ‘neutralem' Boden, sozusagen Asyl zu gewähren. Wir können den Gedanken nicht verdrängen, dass die Exponate dieser Sammlung mit Kriegsverbrecher-Geld und enteignetem, arisiertem jüdischem Vermögen bezahlt wurden. Die Kunst der Sammlung können wir nicht trennen vom Wissen darüber, dass sich die Familie Flick bis heute weigert, Entschädigungsgelder an ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zu bezahlen. Kunst ‘veredelt’ in diesem Fall nicht.»

Erste Entwürfe im Frühsommer

In der internationalen Welt der Kunst und Architektur stösst der geplante Museumsbau auf grosses Interesse. «Das ist unser viertes Projekt in Zürich West», sagt Jan Knikker, Pressesprecher von Koolhaas’ Büro OMA (Office for Metropolitan Architecture) in Rotterdam. Der Masterplan, das Schiffbauprojekt und der Vorschlag fürs Hardturmstadion kamen allesamt in der Stadt Zürich nicht zur Ausführung - beim privaten Flick-Museum sollte es jedoch keine Schwierigkeiten geben.

Ein Problem ist dagegen die begrenzte Quadratmeterzahl, die zur Verfügung steht: Friedrich-Christian Flick möchte nach Auskunft seines wissenschaftlichen Mitarbeiters Peter Schüller eine Ausstellungsfläche von 4500 bis 6000 qm, was der durchschnittlichen Grösse eines mittleren Museums entspricht, das Gebäude aber verfügt über weniger als 2000 qm. Die Stadt Zürich behindert jedoch den neuen Besitzer der Lagerhalle aus der Sulzer-Escher-Wyss-Konkursmasse mit keinerlei Auflagen: Das ehemalige Modellmagazin gehört zwar zur modernen Zürcher Industriegeschichte - die Maschinenfabrik Sulzer-Escher Wyss wurde ab 1890 vom Neumühlequai an die Hardstrasse verlegt und gab dem Platz 1917 seinen Namen -, es steht aber nicht unter Denkmalschutz. Im Gestaltungsplan sei eine Gebäudehöhe von 24 Metern vorgesehen, erläutert der zuständige Kreisarchitekt des städtischen Hochbauamtes, über allfällige Hochhausbauten müsste je nach konkreter Projekteingabe verhandelt werden. Wie der Vorsteher des Bauamtes, SP-Stadtrat Elmar Ledergerber, gegenüber der WoZ ausführte, liegt aber der Stadt noch kein Baugesuch von Seiten der Flick Collection vor. Überhaupt habe Ledergerber noch nie mit Friedrich-Christian Flick gesprochen. Erste Skizzen und Zeichnungen zum Flick-Museum sind von OMA nicht vor April zu erwarten - man steckt mitten in der experimentellen Anfangsphase. Die Flick Collection ist nach der Kunsthalle Rotterdam von 1992 und dem Auftrag für einen Ausstellungsraum im Guggenheim-Museum Las Vegas erst das dritte Museumsprojekt von Koolhaas.

Von Dieter Roth bis Pipilotti Rist

Nach Fahrplan soll das Flick-Museum 2004 seine Tore öffnen. Was Friedrich-Christian Flick darin an zeitgenössischer Kunst zu zeigen beabsichtigt, kann sich sehen lassen: Der Industriellenerbe besitzt die weltgrösste private Sammlung von Werken Bruce Naumans, umfassende Werkgruppen von Dieter Roth, Franz West, Martin Kippenberger und Sigmar Polke. Er kann das ganze Spektrum der Düsseldorfer Fotokünstler repräsentieren: von Bernd und Hilla Becher bis zu deren Schülern Thomas Ruff, Thomas Struth, Andreas Gursky und Candida Höfer.

Zu seinen Lieblingskünstlern gehören Francis Picabia und Marcel Duchamp - von Letzterem besitzt er zum Beispiel die berühmte Fahrradfelge auf einem Hocker. Mitte der achtziger Jahre begann er die amerikanischen Minimalisten zu sammeln: Carl André, Dan Flavin, Donald Judd, Richard Serra oder Sol Le Witt. Letzterer malte in Flicks Haus in Gstaad auf einer langen Wand eine weiss in weiss schimmernde Fläche, die Bergpanorama und Fieberkurve zugleich sein könnte. Mit dem Kunstkauf hatte Flick allerdings schon in den siebziger Jahren begonnen - und damals sammelte er ganz andere Künstler: Friedrich-Christian Flick besitzt hunderte von Fotografien aus dem Umfeld des Bauhauses. Sein Interesse für Künstler, die sich gegen Krieg, Rassismus und totalitäre Systeme auflehnen, brachte ihn zu Gerhard Richter. Vor einem Richter-Bild lernte er auch Anfang der neunziger Jahre den jungen St. Galler Galeristen Iwan Wirth kennen und schätzen. Die Verbindung hatte für beide Seiten lukrative Folgen: Der Mitbesitzer eines Galerieimperiums, zu dem heute zwei Standorte in Zürich und die Galerie von David Zwirner in New York gehören, ist mittlerweile Flicks wichtigster Kunsthändler. Das hat die Flick Collection in den letzten Jahren geprägt: Internationale Hauser&Wirth-Künstler wie Jason Rhoades, Paul McCarthy, Stan Douglas, Rachel Khedoori, Raoul de Keyser oder Luc Tuymans zieren die Sammlung ebenso wie die Schweizer Pipilotti Rist, Fischli/Weiss oder Roman Signer. Letzterer weihte Flicks Rückzugsort, eine Alphütte oberhalb Gstaad, mit einer Raketenarbeit ein. Und Dan Graham soll im Haupthaus unten im Tal den Pavillon für den Jacuzzi errichten dürfen.

Flick-Team schon in Zürich

Friedrich-Christian Flicks enge Verbindung zu Hauser & Wirth ist aber auch personeller Art: Eva Meyer-Hermann, die ehemalige Kuratorin der Kunsthalle Nürnberg, war vor anderthalb Jahren in die Schweiz gekommen, um zu fünfzig Prozent die Leitung der Sammlung Hauser & Wirth in der Lokremise St. Gallen zu übernehmen - angeblich auf Empfehlung von Friedrich-Christian Flick. Die andern fünfzig Prozent war sie von Beginn weg bei der Flick Collection engagiert, seit dem Herbst nun hat sie die Direktion der Flick-Sammlung voll übernommen. In St. Gallen folgt ihr Michaela Unterdörfer nach - Meyer-Hermanns ehemalige Mitarbeiterin an der Kunsthalle Nürnberg.

Mit der Bekanntgabe ihrer Direktorin sowie des Architekten hat die Flick Collection eine kleine Öffentlichkeit in Zürich auf sich aufmerksam gemacht. Tatsächlich aber hat das Flick-Team schon Anfang Jahr Fuss gefasst in Zürich West. An der Hardstrasse 305 sei die Gründung einer Stiftung zur Unterstützung, Förderung und Vermittlung zeitgenössischer Kunst in Vorbereitung, sagt Eva Meyer-Hermann. Hier wird der Aufbau des Museums geplant, in dem die Werkgruppen der Flick Collection in wechselnden Ausschnitten vorgestellt werden sollen. Neben der Bewahrung, Pflege, Erforschung und Präsentation der Werke aus der Flick’schen Sammlung gehe es darum, zeitgenössischer Kunst generell, nicht nur aus der Sammlung, eine Plattform zu geben, erklärt die Museumsdirektorin. Zudem bereitet sie für den Sommer 2002 eine umfassende Ausstellung in Christoph Vitalis Haus der Kunst in München vor.

Friedrich-Christian Flick kommt für alle Kosten des Projekts auf: Bausumme, Unterhalt des Museums, Löhne. Der Flick-Erbe scheint zur Imageverbesserung mächtig in Kunst zu investieren. Der Präsident der israelitischen Cultusmeinde Zürich Werner Rom aber hält fest: «Ein Flick-Museum gereicht nicht nur zur Zierde unserer Stadt. Wenn der Reichtum des Erben so gross ist, dass der Stadt Zürich ein Museum geschenkt werden kann, dann wäre Flick gut beraten, eine beachtliche Geste zu leisten mit direktem Bezug zur Geschichte der Familie und zur Herkunft des Geldes; etwa eine Stiftung in Zürich, die sich mit den geistigen Folgen Nazideutschlands auseinander setzt.» Werner Rom erwartet, dass der Zürcher Stadtpräsident handelt und Flick auf seine Verantwortung behaftet. Denn bei der Dimension und öffentlichen Wirkung eines Flick-Museums könne für Zürich nicht gelten: «Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.»

Die Behaftung der Erbengeneration auf ihre historische Verantwortung hat nichts mit Sippenhaft zu tun; insbesondere dann nicht, wenn sich der heutige Reichtum auf NS-Geschäften aufbaut. In Bezug auf die Flick Collection betont Jacques Picard, Historiker und Mitglied der «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg»: «Von der Geschichte der so genannten ‘Wiedergutmachungen’ her gesehen ist es angebracht, über den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Verantwortung die notwendigen Reflexionen anzustellen, um Projekten, welche für die Zukunft der Schweiz bestimmt sind, eine angemessene Perspektive zu geben.»

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