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Wie weiter mit dem Flick-Museum?
Das grosse Schweigen nach dem Knall
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Die Flick Collection reitet sich, die Galerie Hauser & Wirth und das «Zürcher Kunstwunder» in einen Schlamassel, über den plötzlich niemand mehr öffentlich sprechen will.
Gibt es in Politik oder Wirtschaft ein der Öffentlichkeit bekanntes Problem, wird kommuniziert - gemäss den neuesten Handbüchern um jeden Preis und gleichgültig welchen Inhalts. Weil Adolf Ogi das wusste, verhinderte er in der Bellasi-Affäre Schlimmeres. Für Adtranz waren nicht die zweitausend gestrichenen Stellen das Problem, sondern wie Herr Rexrodt dies kommunizierte. Wenn der Swissair wieder einmal ein Flugzeug abstürzt oder der Verwaltungsrat abtritt, wird Beatrice «Ich weiss warum» Tschanz an der Medienfront in die bedingungslose Informationsoffensive geschickt. Tschanz erklärte nach dem MD-11-Absturz etwa, dass die Hinterbliebenen von Katastrophenopfern sofort finanziell entschädigt werden.
Im Kunstbetrieb gelten andere Regeln. Die Flick Collection liess nach einwöchigem Hin und Her durch Peter Schüller, «wissenschaftlicher Mitarbeiter Kommunikation und Bildung», per Fax mitteilen, dass die «künstlerisch-wissenschaftliche Leiterin» schliesslich doch nicht reden will: «Aufgrund der vielen neuen Verpflichtungen ist Frau Dr. Meyer-Hermann nicht in der Lage, ein Telefoninterview zu führen.» Das ist merkwürdig, weil für die Flick Collection, so würde man vermuten, der Zeitpunkt «kommunikationsstrategisch» günstig wäre, neben der öffentlich geführten Debatte um die fragliche Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen der Kunst in der Sammlung öffentlich Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Dies umso mehr, als in der Diskussion um die Frage, ob aus dem fetten Geldtopf der Familie Flick Flüssiges in den Entschädigungsfonds fliessen muss, in der Öffentlichkeit mittlerweile Einigkeit herrscht - obwohl die Antwort freilich noch immer fehlt. Denn nachdem sich auch die nicht gerade als linkes Krawallblatt bekannte «Frankfurter Allgemeine Zeitung» unmissverständlich äusserte und sogar die NZZ - lediglich auf der Seite «Zürcher Kultur» statt im Feuilleton, aber immerhin - die in der Vorwoche von subalternem Pult vertretene Meinung ins Gegenteil verkehrte und Friedrich-Christian Flick empfahl, «dass ( ... ) in diesem Zusammenhang die Frage nach der Entschädigung der Zwangsarbeiter und also das Verhältnis zur Vergangenheit der Klärung» bedürfe, lautet der Konsens quer durch alle Lager: Solange die Familie Flick nicht zahlt, hätte ein Museum, dessen Exponate mit Geld aus dem belasteten Erbe der Flicks zusammengekauft wurden, mindestens ein massives Imageproblem - sogar in Zürich.
Maulkorb, Schweigen, Lavieren
Doch nicht nur Dr. Eva Meyer-Hermann und die Flick Collection hüllen sich in Schweigen. Geisterte zwischenzeitlich das Gerücht von einem «Maulkorb» für Christoph Marthaler und Stefanie Carp vom Zürcher Schauspielhaus durch die Kolportagenküche, sind es vor allem ProtagonistInnen aus der einschlägigen Zürcher Kunstszene, die keine Lust mehr zeigen, namentlich zitiert zu werden. Man wolle nichts mehr sagen, weil einem alles verdreht und als Vorwürfe wie Neid oder plattes Konkurrenzdenken wieder um den Kopf geschlagen würde, hiess es mehrfach. Ähnliches gilt für die mit der Flick Collection geschäftlich, personell und, wie im Betrieb üblich, freundschaftlich verbandelte Galerie Hauser & Wirth. Von dort wird einem aus dem Vorzimmer seit zehn Tagen beschieden, dass «bei Gelegenheit zurückgerufen» werde. Die Gelegenheit fand sich nie. Trotz der kunstmafios riechenden Omertà gegenüber der Öffentlichkeit wird innerhalb des Betriebes heftig diskutiert und gestritten. Bice Curiger, Jacqueline Burckhardt und Bernhard Bürgi, Topshots in der Zürcher Kunstszene, liessen in der NZZ verlauten, die «wiedergegebene Behauptung, wir würden Friedrich-Christian Flick bei seinen Ankäufen beraten, entbehrt jeder Grundlage». Warum ist das Thema «Flick Collection» ein Minenfeld?
Die Gründe liegen auf der Hand. So lange nicht klar ist, was Friedrich-Christian Flick mit seiner Sammlung zu tun geruht, ist, übrigens nicht nur in Zürich, für die vielen irgendwie mit der Flick Collection verbundenen Institutionen, Galerien, KuratorInnen, VerlegerInnen usw. ungewiss, wie sie sich verhalten sollen. Diese Ungewissheit führt zu möglicherweise fatalen Ausrutschern. Der Schweizer Christoph Vitali, dem als Leiter des von Hitler gebauten Hauses der Kunst in München die Ehre zufallen soll, im nächsten Jahr die Flick Collection erstmals zu zeigen, sagte in der «Süddeutschen Zeitung» auf die Frage, ob Flick mit seiner Sammlung den Namen seiner Familie reinwaschen wolle: «Das scheint mir eine sinnvolle Entscheidung, um die Art zu tilgen, wie das Vermögen zusammengekommen ist. Die grosszügigen Engagements Reemtsmas sind doch etwas ganz Ähnliches. Hier wird das Friedensinstitut mit einem Vermögen finanziert, das durch den Verkauf von Tabak - einem menschenverachtenden, tödlichen Stoff - entstanden ist.»
Dämpfer für Expansion von Hauser & Wirth
In Zürich dagegen weiss man: Jede Bewegung ist die falsche und kann das Leben - sprich Teilhabe am Kunstkuchen - kosten. Das gilt nicht nur für Dr. Eva Meyer-Hermann und ihren schön gepolsterten Sessel der «künstlerisch-wissenschaftlichen Leitung» der Flick Collection, sondern insbesondere für die Galerie Hauser & Wirth, die ein enormes geschäftliches Interesse daran haben dürfte, dass die zu einem grossen Teil und in Millionenwerten von Hauser & Wirth bestückte Flick Collection an Zürichs bester Lage in einem Museum öffentlich ausgestellt wird. Das Flick-Museum wäre nach der glanzvollen Eröffnung der St. Galler Lokremise 1999 ein weiterer Schritt in der Strategie von Hauser & Wirth, ihre Marke auf dem Kunstmarkt zu verteuern. In St. Gallen funktioniert das prächtig: Die Lokremise wird als Repräsentationsschaufenster hauptsächlich für die Galerie-eigene Sammlung von Hauser & Wirth verwendet. Denn was im Museum steht, gehört zum Kanon, und was zum Kanon gehört, erzielt höhere Preise. Je ausgeklügelter und architektonisch eindrücklicher das Museum, desto besser funktioniert die Kanonisierung und damit die Wertsteigerung. Dafür bürgt im Hinblick auf die Pläne in Zürich allein der Name des Museumsarchitekten Rem Kolhaas. Flick selber, ganz Ästhet, träumte in einem Interview von mehr: «Vielleicht gelingt es uns sogar, einen ganz neuen Museumstypus zu erfinden.» Gelänge dies, böte das Ausstellungsambiente sozusagen optimalste Bedingungen für die Preissteigerung. Davon profitiert wiederum die Galerie Hauser & Wirth, die von den VertragskünstlerInnen mit neuen Werken für den Verkauf an die Sammlung und auf dem Markt versorgt werden. Aber auch das Umfeld profitiert, weniger bekannte KünstlerInnen, kleinere Galerien und Museen, GrafikerInnen, DruckerInnen, VermieterInnen, das ganze «Zürcher Kunstwunder» im Löwenbräu-Areal und an den anverwandten Orten. Sollte also das Museum nicht in idealer Nähe zum Hauser-&-Wirth-Headquarter in Zürich, sondern anderswo gebaut werden, wäre das für die Kunstszene insgesamt ungünstig.
Fatal für die Galerie Hauser & Wirth, schlecht für das «Zürcher Kunstwunder» und bedauerlich für die kunstinteressierte Öffentlichkeit wäre indes - und das ist derzeit nicht auszuschliessen -, wenn Friedrich-Christian Flick angesichts des öffentlichen Drucks die Lust auf seine schönen Rem-Kolhaas-Pläne verliert, die Öffentlichkeit Öffentlichkeit sein lässt und die Sammlung wie viele andere private Kunstsammlungen in irgendeinem staubigen Zollfreilager zum Verschwinden bringt. Nicht in einem Museum öffentlich sichtbar, ist eine Sammlung viel schwieriger ausserhalb der exklusiven Galeristen- und Sammlerzirkel im Gespräch zu halten. Damit verlöre die Flick Collection für die Galerie Hauser & Wirth entscheidende Kraft als marktsteuerndes Instrument.
Noch ist es allerdings nicht so weit, und auch alle KritikerInnen und NeiderInnen der Galerie Hauser & Wirth wissen noch nicht, wie gross ihr Jubel und ihre Schadenfreude sein wird. Dass Leute aus dem inneren Kreis wie Curiger, Burckhardt und Bürgi zu Flick auf Distanz gehen, ist ein Signal. Klar ist jedoch, dass die Aureole des dreissigjährigen Galeristen-Wunderknaben Iwan Wirth an Leuchtkraft verloren hat. Denn so reibungslos wie in St. Gallen scheint jetzt die Strategie für das Flick-Museum in Zürich nicht aufzugehen.
Zwar regte sich auch in St. Gallen Widerstand gegen Wirths Museum, den Wirth jedoch mit dem Verzicht auf zwei Millionen städtische Subventionsfranken dank der schwerreichen Schwiegermutter Ursula Hauser locker aushebelte. So musste Wirth nicht auf Diskussionen eingehen, ob die Stadt im geplanten Stiftungsrat Kontrollfunktionen ausüben darf. Damit entzog er den Einwänden, dass er im Schosse eines von der öffentlichen Hand mitgetragenen Museums seine geschäftlichen Interessen als Galerist verfolgen könnte, die Grundlage. Befreit von öffentlichen Debatten, konnte Wirth «wieder die Kunst ins Zentrum» rücken und die Leitung der Lokremise nach seinem Gusto besetzen: mit Dr. Eva Meyer-Hermann. Meyer-Hermann wurde nicht nur auf Empfehlung von Friedrich-Christian Flick vom Nürnberger Kunstverein nach St. Gallen geholt, sondern sie arbeitete bald zu fünfzig Prozent gleichzeitig auch als Chefin der Flick Collection. Optimal kurze Wege zwischen Wirths Galerie, der Lokremise und der Flick Collection also; dem Geschäft bestimmt nicht abträglich: Übertragen auf die Politik würde das bedeuten, ein Mitglied der Exekutive sässe gleichzeitig in der Legislative und auch noch auf dem Richterstuhl.
Bei so viel kunstbetrieblichem Geschick in strategischen Fragen ist es deshalb erstaunlich, dass Iwan Wirth offenbar mit Flick auf einen suboptimalen Sammler setzte, indem er die historische Belastung des Namens Flick unterschätzte oder - Gnade dem Spätgeborenen - gar nicht wahrnahm. Friedrich-Christian Flick selber offenbar auch nicht. In Zürich mit einem offiziellen Büro und Rem Kolhaas als Architekt für das Flick-Museum in Erscheinung zu treten, wenn in Deutschland die Debatte um die Äufnung des Entschädigungsfonds für NS-Opfer hochkocht, zeugt nicht gerade von einem politischen Gespür. Das hatte Flick als jetsettender Privatier mit einer kleinen Schwäche für die Kunst bislang auch nicht nötig.
Platzt Flicks narzisstischer Traum?
Ebenfalls nicht nötig hatte Flick den Rat seines Onkels Friedrich Karl Flick, der ihn bereits 1997 davor warnte, durch eine Bildersammlung den Namen Flick «auf eine neue und dauerhafte positive Ebene» stellen zu wollen, ein Ansinnen, das ihm der Neffe brieflich mitgeteilt hatte. Jetzt muss Friedrich-Christian beim Onkel, Verwalter des immensen Flick-Erbes und damit massgeblich für die Zahlung in den Entschädigungsfonds, als Bittsteller antraben, um seinen Traum verwirklichen zu können, mit einem Museum die Sammlung als sein Gesamtkunstwerk zu präsentieren und sich selbst ein Denkmal zu setzen. Ob Friedrich-Christian daran arbeitet, ist Spekulation. Vielleicht ist er auch in den kanadischen Rocky Mountains beim Heli-Skiing. Gehört hat bis jetzt niemand von ihm.
Somit hat die Freude an der Kunst dem narzisstischen Sammler einen Strich durch die Pläne mit der Kunst gemacht. «Eine Kunstkollektion solchen Ausmasses darf nicht im Privaten verborgen sein. Sie muss an die Öffentlichkeit», sagte Flick in einem Interview. Jetzt stellt diese Öffentlichkeit Fragen. Solange Flick Antworten schuldig bleibt, ist die Sache in der Schwebe. Für die Museumspläne, die Sammlung und für das schweigsam gewordene «Zürcher Kunstwunder».
Postskriptum: Nachdem der Wiener Künstler Franz West für Friedrich-Christian Flicks Zürcher Wohnung die Bestuhlung eingerichtet hatte, war Flick von Wests Po-Untersätzen so begeistert, dass er ihn bat, in einer seiner weit verstreuten Privatvillen etwas ähnlich Exklusives einzurichten. Denn «der Sammler sucht den intensiven Kontakt und intellektuellen Austausch mit den Künstlern», wie es in einem Beschrieb der Flick Collection heisst. West nahm das Angebot wahr und kippte einen Eimer rotzgrüne Farbe auf den Luxusteppich.
WOZ 13/01
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Inhalt Dossier «Flick Collection»
WOZ vom 23.03.2006
WOZ vom 02.09.2004
«Die Flicks»: Ein neues Buch verharmlost die Geschichte einer berüchtigten deutschen Dynastie
WOZ vom 22.07.2004
Geschichte, weich gespült: Deutsche Vergangenheitsbewältigung
WOZ vom 06.05.2004
Flicks fieses Geschenk: Flick Collection
WOZ vom 16.01.2003
In Berlin verliert die Moral: Die Flick-Sammlung komt nach Berlin
Zürich ohne Flick-Monument: Wie viel Diskussion verträgt Flick?
WOZ 17/02
Flicks Denkpause: Kein Flick-Museum in Zürich?
WOZ 25/01
Wie weiter, Herr Flick? Flick bleibt unter Beschuss
WOZ 15/01
Eine kulturelle Geldwaschanlage: Die Kunstsammlung E.G. Bührle
WOZ 14/01
Eine Charta für den Kunstbesitz: Kunstpolitik: Unverfrorenheit von rechts



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