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Die Flick-Sammlung komt nach Berlin

In Berlin verliert die Moral

Von Hans Leyendecker

Das rot-rote Bündnis zwischen PDS und SPD begrüsst die Flick-Collection in Berlin. Warum Kunst die Flick-Vergangenheit nicht verdrängen kann.

Menschen sind käuflich, Kunst ist käuflich, und im bettelarmen Berlin waren zu allen Zeiten so genannte Realpolitiker schon für kleine Erkenntlichkeiten zu haben. Da heisst es zugreifen, ehe es zu spät ist, einsteigen, bevor der Zug abgefahren ist. Mit melancholischen Idealisten ist kein Staat zu machen.

Deshalb ist es nur konsequent, dass in der rot-rot regierten Stadt der Steueremigrant Friedrich Christian Flick («Mick») nach langer vergeblicher Suche quer durch Europa endlich ein Domizil für seine Sammlung zeitgenössischer Kunst gefunden hat. Was von den Lokalgrössen in wohlgesetzten und bedeutsam klingenden Worten als grosser Schritt auf dem Weg zu einer Kulturmetropole gefeiert wird, entpuppt sich, von den schmückenden Beiworten gereinigt, als Abweg und Heuchelei.

Ein reicher Mann bekommt ein Denkmal gesetzt und darf den Familiennamen reinigen. «Besser als nix», hat der Komiker Karl Valentin mal gesagt, als er gefragt wurde, warum er ein Brillengestell ohne Gläser auf der Nase trage. Nix ist zu wenig für eine Stadt. Ein Politiker der PDS verteidigt das Unternehmen mit dem Verweis, es handele sich um einen Anstoss zur Diskussion über deutsche Vergangenheit. Braucht Berlin noch eine Leni-Riefenstahl-Sammlung?

Er sei davon «überzeugt», hat Mick vor Jahren seinem Onkel Friedrich Karl Flick (auch ein bekennender Steuerflüchtling) geschrieben, dass mit einer solchen «kulturellen Leistung der Name Flick auf eine neue und dauerhaft positive Ebene gestellt» werde. Strassburg, Dresden, Zürich wurden als Ausstellungsorte genannt. Daraus wurde nichts. Denn der Name Flick (daran muss ein paar Tage vor dem 70. Jahrestag der Machtergreifung durch die Nazis erinnert werden) steht für Geld, das nach Blut und Schweiss riecht. Micks Grossvater Friedrich Flick sen. war Hitlers wichtigster Rüstungslieferant und hat Tausendschaften von Sklavenarbeitern in seinen Fabriken zu Tode schuften lassen. Dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, war er mit Barem behilflich.

Geschlossene Familienarchive

Mick Flick hat ebenso wie andere Familienmitglieder von dem Alten ein riesiges Vermögen geerbt, und die üble Herkunft eines Teils des Geldes zumindest liess sich nie verbergen. Als Mick seine Bildersammlung in Zürich ausstellen wollte, gab es eine Debatte in der Zwingli-Stadt. Dutzende Kulturschaffender verfassten einen Aufruf und protestierten gegen Flicks «private Ablasswährung», die Kunst. In Oxford scheiterte Micks Bruder Gerd-Rudolf («Muck») am öffentlichen Widerstand, als er vergeblich versuchte, einen Lehrstuhl zu initiieren, der den Namen Flick tragen sollte. Geld stinkt nicht. Manchmal stinkt der Name.

Nun dürfen Enkel nicht für die Sünden der Grossväter zur Rechenschaft gezogen werden, aber bei den Flicks fällt auf, dass sie sich ihrer Familienvergangenheit nie gestellt haben. Anders als die Krupps, die Quandts oder die Siemens-Sippe haben sie ihre Familienarchive nie geöffnet und sind mit ihrer Geschichte, einer sehr deutschen Geschichte, nicht angemessen umgegangen. Während viele andere Privatpersonen Millionensummen in den Fonds für Zwangsarbeiter zahlten, haben sich die Flicks geweigert. Nur unter Druck hat Mick eine eigene Stiftung gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz gegründet, was eher ein Schachzug im Krieg um die Flick-Collection war. Der Enkel hat die Sturheit und Raffinesse seines Grossvaters geerbt.

Dass eine Flick-Collection nun ausgerechnet in der alten Reichshauptstadt ihren Platz finden soll, ist kurios und gleichzeitig eine Zustandsbeschreibung der Berliner Gesellschaft. Bei den Diskussionen in Zürich im Jahr 2001 war sich Christoph Marthaler noch sicher, dass die Kunst-Kollektion «in Deutschland wegen der Familiengeschichte der Sammler abgelehnt» würde. Aber im Souterrain des real existierenden Parlamentarismus in Deutschland ist die doppelte Moral der Normalzustand. Insbesondere der organisierten Linken haben Leute mit wirklich viel Geld immer schon mächtig imponiert. Moral ist auch nur ein Wort, und die Umgehung von Moral und Regeln zum eigenen Vorteil gilt mittlerweile als pfiffig.

Steuerflucht: 125 Millionen Euro

Die gelernte Pastorin Antje Vollmer, eine grüne Politikerin, erklärt allen Ernstes, man bekomme heutzutage «keine Stifter, wenn sie erst durch unsere protestantischen Bussrituale müssen». «Kunstpolitisch war Frau Vollmer immer auf einem Irrweg», sagt der Heidelberger Künstler Klaus Staeck, der auch 2001 den Zürcher Aufruf unterschrieben hat. Staeck, der sein Geld mit Kunsthandel verdient, war nie käuflich, und deshalb steht er bei manchen Leuten im Ruch, etwas verschroben zu sein. Als eine Art Personenschützerin des Herrn Mick fungiert seit einer Weile Monika Griefahn, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien (SPD), aber auf Leibwächter schiesst man nicht, und zudem hatte die Aktivistin mal vor einer Weile einen Ruf zu verlieren.

Alles ist an seine Zeit gebunden. Vielleicht kann auch ein Flick einen Neuanfang machen. Mick ist 1975 in die Schweiz gezogen und hat in dem Steuerparadies als «private investor» sein Vermögen vermehrt, das heute auf 500 Millionen Euro geschätzt wird. Grob über den Daumen gepeilt hat der 58-Jährige pro Jahr etwa fünf Millionen Euro an Steuern in Deutschland vermieden. Die Vermögenssteuer nicht berücksichtigt, hat er den deutschen Steuerbehörden etwa 125 Millionen Euro vorenthalten. Das ist etwa der Wert seiner Sammlung. Einer wie Flick darf im Land der Steueramnestie nicht heimatlos in der Fremde bleiben. «Ich bin Deutscher. Da sind meine Wurzeln. Heimat, Beständigkeit, Halt», hat Flick neulich gesagt. Da «sind Werte, mit denen ich aufwuchs und die mich heute beschäftigen». Die Schweiz sei nur seine «zweite Heimat». Flick soll in Deutschland dem Fiskus endlich geben, was des Fiskus ist.

Bei dieser Gelegenheit könnte er auch noch ein paar andere Kleinigkeiten ordnen. Neben seiner Sammlung sollte ein Dokumentationszentrum eingerichtet werden, das der Familiengeschichte und der Vergangenheit gewidmet ist. Auch sollte es nicht bei der Leihgabe bleiben. Wahre Mäzene (wie das Ehepaar Inge und Peter Ludwig) leihen nicht, sondern schenken. Denn ansonsten darf an der Uneigennützigkeit des Gebers gezweifelt werden. Durch die Präsentation im Museum wird der Wert einer Sammlung gesteigert, was für den Verleiher profitabel ist. Solcher Vorverdacht wäre Flick doch sicherlich unangenehm. Auch stört Aussenstehende, dass bei den Verhandlungen in Berlin eine mit Mick Flick verbandelte Firma eine Rolle spielte, die in einer Steueroase residiert.

Auch wenn das Stil im Hause Flick ist - es gibt Grenzen des Zumutbaren.

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