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Zürcher Kulturpolitik unter Beschuss

Den Druck auf Flick erhöhen

Interview: Patrik Landolt

Der Zürcher Gemeinderat Niklaus Scherr (Alternative Liste) fordert, dass der Stadtrat Bedingungen an ein Flick-Museum formuliert.

WoZ: Sie haben im Zürcher Gemeinderat eine Interpellation eingereicht mit Fragen an den Stadtrat. Was soll die Politik in Sachen Flick-Museum ausrichten?

Niklaus Scherr: Mit einer öffentlichen Diskussion möchte ich dazu beitragen, dass der Druck auf Herrn Flick erhöht wird, damit er sieht, dass wir in Zürich die Frage der Entschädigung von ehemaligen NS-ZwangsarbeiterInnen nicht als eine Nebensächlichkeit betrachten. Friedrich-Christian Flicks Grossvater war einer der wichtigen Helfershelfer der Nazis und hat im grossen Umfang Zwangsarbeiter ausgebeutet. Das Geld der Erben verpflichtet.

Möchten Sie ein Flick-Museum in Zürich verhindern?

Nein. Ich würde es abwegig finden, über Bauauflagen oder über die Denkmalpflege Schikanen zu konstruieren. Als erstes möchte ich mit meiner Interpellation, dass der Stadtrat Transparenz über die Vorgänge schaffen muss. Wichtig ist mir, dass die Sensibilisierung der öffentlichen Meinung fortgesetzt wird, die in den vergangenen Tagen in den Medien begonnen hat. Der Milliardär Friedrich-Christian Flick dürfte sich wohl um eine Debatte im Zürcher Gemeinderat scheren … … es ist mir klar, dass eine Interpellation im Gemeinderat die Reichen dieser Welt nicht beeindrucken wird. Auch Marc Rich wird es wenig gekümmert haben, als an der Limmat über den Brief von Josef Estermann an Bill Clinton debattiert wurde. Aber ganz um die Politik kommt Flick nicht herum, wenn er in Zürich ein Museum haben will. Ich glaube, dass es langfristig für den Stifter eines Museums sehr ärgerlich sein könnte, wenn er zu spüren bekommt, dass er unter diesen Bedingungen nicht willkommen ist.

Sie fordern also, dass die Stadtregierung für ein Museum mit dem Namen Flick ganz konkrete Bedingungen stellt?

Ja. Der Stadtrat sollte Schritte unternehmen und mit Flick reden. Es wäre doch gar nicht so abwegig, dass jemand, von dem man hört, dass er ein offener Mensch ist und geistig die Tradition der Familie nicht fortführt, aus seinem eigenen Vermögen zahlt; erst recht, wenn die anderen Familienmitglieder sich nicht zu dieser Geste durchringen können.

Nun war in Zürich schon länger bekannt, dass Flick ein Museum eröffnen will. Wie erklären Sie sich, dass die Politik nicht schon früher Fragen gestellt hat?

Ich vermute, dass viele Politiker die Brisanz eines Flick-Museums nicht erkannt haben. Der Fall Flick-Museum und der Brief von Estermann in Sachen Marc Rich zeigen, dass sich eine Haltung breit gemacht hat, die nicht mehr nach der Herkunft der Gelder fragt. Je mehr die kulturellen Institutionen von privaten Geldern abhängig sind, desto weniger Fragen werden gestellt. Man ist dankbar, wenn jemand spendet. Bei grösseren Summen wächst die Dankbarkeit ins Unermessliche.

Die «Basler Zeitung» wunderte sich, mit «welcher bürokratischen Geschmeidigkeit die Flick Collection ins städtische Konzept integriert worden ist». Muss in Zürich eine Debatte um die Kultur nachgeholt werden?

Die neunziger Jahre waren in Zürich geprägt durch subventionstechnischen Stillstand. Faktisch - die Teuerung mitberechnet - führte dieses Sparen vielerorts zu Kürzungen der Subventionen. Die grossen Häuser, die für ein finanzkräftiges Publikum spielen, versuchten, dieses Vakuum mit Geld von Sponsoren zu beschaffen. Aber es wurde nicht erwogen, ob sich dadurch Abhängigkeiten entwickeln oder die Prioritäten von den Geldgebern und nicht von einer demokratisch strukturierten Öffentlichkeit gesetzt werden. Da private Geldquellen eine immer wichtigere Rolle zu spielen begannen, glaubte sich die Politik entlastet, darüber nachzudenken, ob man bereit sei, für Kultur mehr Gelder bereitzustellen, und wie man dafür politische Mehrheiten finden könne.

Die Zürcher Kulturpolitik wird zurzeit wegen den Kostenüberschreitungen beim Bau der neuen Spielstätte des Schauspielhauses in Zürich West kritisiert. Die «NZZ» schreibt von einem «Skandal, dessen Schlüsselfigur Estermann» sei. Wie beurteilen Sie das Mass der Kostenüberschreitung?

Das Trommelfeuer finde ich lächerlich. Zurzeit hat jede Partei ihren Prügelknaben: Die einen können den SVP-Präsidenten der Zürcher Kantonalbank hauen, die SP schlägt den FDP-Verwaltungsratspräsidenten der SAir, und die FDP und die SVP dreschen auf den SP-Stadtpräsidenten ein. Das ist Teil der politischen Inszenierung. Aber es fallen zwischen den Kostenüberschreitungen beim Schiffbau und dem Skandal ums Kongresshaus in den achtziger Jahren strukturelle Parallelen auf: Wir haben para-staatliche Institutionen, die formell vom Staat unabhängig sind, die aber faktisch in Aufsichtsgremien von Abgeordneten der öffentlichen Hand kontrolliert werden. Durch diese Auslagerung der Struktur kann keine reelle parlamentarische Kontrolle stattfinden. Aber trotzdem muss, wenn etwas schief geht, der Staat zahlen. Es ist äusserst ärgerlich, dass beim letzten Kulturpaket, das zusätzliche sechs Millionen Franken verteilen konnte, das Schauspielhaus bevorzugt wurde und die Rote Fabrik vollkommen leer ausging. Und wenn jetzt vom Schauspielhaus nochmals ein Gesuch kommt, dann stellt sich die Frage, ob wir dieses Loch nun stopfen sollen, für das ein paar Abgesandte des Gemeinwesens die Verantwortung tragen.

Fordern auch Sie eine parlamentarische Untersuchungskommission?

Vorerst sollte sich die Finanzkontrolle und dann die Geschäftsprüfungskontrolle damit befassen.

Verbirgt sich hinter der Aufregung um die Kostenüberschreitung nicht ein Unwille der SVP und gewisse Kreise der FDP gegen die inhaltliche Ausrichtung des Schauspielhauses unter Christoph Marthaler?

Es gehört ja schon zum Ritual von Gemeinderatssitzungen, dass irgendein SVP- oder VPM-Exponent sich über pornografische oder sittenwidrige Ereignisse im Schiffbau beklagt. Wir Zürcher Gemeinderäte haben uns schon daran gewöhnt: Kultur und SVP schliessen sich aus. Aber weit über die SVP hinaus bis ins traditionelle Bildungsbürgertum hinein verkörpert der Schiffbau nach seiner glamourösen Eröffnung und den Auftritten der SP-Repräsentanz die Kultur einer mittelständischen Cüpli-SP. Es gibt sicher eine traditionelle Theaterklientel, welche die SP verwünscht, wenn sie beim Gang ins Theater beim Escher-Wyss-Platz aussteigen muss.

Hat in Zürich der Hang, um jeden Preis zu bauen und ein wirtschaftsfreundliches Klima zu betonen, die Grenzen so verschoben, dass auch SP-Politiker locker über Fragen von politischer Erwünschtheit und politischer Integrität hinwegsehen?

Die Ereignisse in Zürich nähren diesen Verdacht. Der Zeitgeist begünstigt heute Politiker, die nur noch die Begleitmusik zum wirtschaftlichen Geschehen liefern. Bauvorsteher Elmar Ledergerber identifiziert sich mit Grossbauten wie Eurogate oder Stadion, die von Privaten errichtet werden und wo er dann als Geburtshelfer mitgehandelt wird. Aber dort, wo die Akzente selber gesetzt werden müssten und die öffentliche Hand voll in der Verantwortung ist - ich denke jetzt ans Kasernenareal - passiert kaum etwas.

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