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Zürcher Stadtrat: Ja zur Flick Collection

Warum begrüssen Sie Flick, Herr Estermann?

Interview: Patrik Landolt und Stephan Ramming

WoZ: Sie haben ein persönliches Treffen mit Friedrich-Christian Flick angekündigt. Haben Sie Herrn Flick schon getroffen?

Josef Estermann: Ich habe kein Treffen angekündigt, sondern auf Anfrage bestätigt, Herrn Flick zu treffen. Das Treffen hat stattgefunden. Der Stadtrat hat danach seine Position gefestigt und öffentlich kundgetan.

Was haben Sie mit Friedrich-Christian Flick besprochen?

Ich sehe keinen Anlass, das Gespräch mit Herrn Flick hier wiederzugeben. Es war ein persönliches Gespräch, das nicht für die Presse bestimmt Ist.

Haben Sie Herrn Flick auf die Stiftung der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter angesprochen?

Darüber haben wir intensiv gesprochen.

War das Gespräch so ergiebig, dass der Zürcher Stadtrat nachher Flicks Privatmuseum per Communiqué willkommen hiess?

In der Tat begrüsst der Stadtrat das Projekt Herrn Flicks, seine Sammlung zeitgenössischer Kunst öffentlich zugänglich zu machen. Sie besitzt höchste Qualität und setzt einen Schwerpunkt in einem Bereich, der in unseren Museen nicht sehr ausgebildet ist. Die Absicht, Werke bedeutendster Künstlerinnen und Künstler nicht hinter Mauern zu verschliessen, sondern der Allgemeinheit zugänglich zu machen, kann nur unterstützt werden. In der öffentlichen Diskussion wurde Herrn Flicks Projekt mit dem deutschen Fonds für ZwangsarbeiterInnen verknüpft. Auch hierzu hat der Stadtrat Stellung bezogen. Zwar hätten seine Mitglieder persönlich anders entschieden als Herr Flick. Aber sie respektieren seinen Entscheid, vorläufig zehn Millionen in einen anderen Fonds einzuzahlen und sich damit ebenfalls gegen Intoleranz, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu engagieren.

Also genügt dem Stadtrat die Geste von Herrn Flick, zehn Millionen für eine private Stiftung bereitzustellen?

Für Herrn Flick geht es nicht um eine Geste oder eine Abgeltung. Er beabsichtigt, sich nicht nur mit Geld, sondern auch ganz persönlich in dieser Stiftung zu engagieren. Das ist eine Haltung, die Respekt verdient, und diesem hat der Stadtrat auch Ausdruck gegeben.

Nun wendet sich der Sprecher des Fonds der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen in einem WoZ-Interview entschieden gegen die Äusserung von Herrn Flick, dass in seinem Fall die Beteiligung an der Wiedergutmachung für die ZwangsarbeiterInnen eine Privatsache sei. Gilt in Bezug auf die Wiedergutmachung der NS-Verbrechen das, was in Deutschland gesellschaftlicher Konsens ist, in der Schweiz nicht?

Über die Frage, wie Herr Flick seiner Verantwortung nachkommen und sein privates Geld einsetzen will, hat nur er und nicht die Schweiz zu entscheiden. Wir Schweizerinnen und Schweizer sollten uns unserer eigenen Sache zuwenden und, um nur ein Beispiel zu nennen, endlich den Solidaritätsfonds verabschieden. Mir behagt unsere schweizerische Attitüde, Lehrmeister der Nationen zu spielen, nicht, jedenfalls solange sich unsere Moral in der Entrüstung über andere erschöpft und den Tatbeweis durch eigenes Handeln schuldig bleibt.

Sind Sie der Meinung, dass es zu moralisch ist, das Anliegen zu vertreten, dass die Opfer, in diesem Fall die ZwangsarbeiterInnen, von den Kriegsgewinnlern entschädigt werden?

Nein, keineswegs, die Berechtigung dieses Fonds ist absolut unbestritten. Ich bitte Sie, zur Kenntnis zu nehmen, dass ich persönlich anders entschieden hätte. Aber die Frage stellt sich nicht mir, sondern Herrn Flick, und wenn er sein Geld anders, aber nicht weniger respektabel einsetzt, ist dies gleichfalls zu würdigen.

Vielleicht wissen Sie mehr über die genaue Bestimmung der Privatstiftung von Herrn Flick. An seinem Mediengespräch war darüber nichts Näheres zu erfahren. Finden Sie es nicht zumindest irritierend, dass Herr Flick aus dem grossen öffentlichen Konsens über die Zwangsarbeiterentschädigung ausbricht und meint, etwas Eigenes, Privates machen zu müssen? Hätten Sie als Sozialdemokrat nicht lieber eine öffentliche Lösung und nicht ein solch neoliberales, vages Stiftungsgebilde?

Was heisst hier schon neoliberal? Ist privat und gemeinnützig neoliberal? Ich habe keinen Anlass, Herrn Flicks Zusicherung zu misstrauen, und fände es in höchstem Masse unfair, wenn man ihm schlechte Absichten unterschieben wollte.

Friedrich-Christian Flick ist nicht der Einzige, der in Zürich ein Privatmuseum eröffnen will. Haben Sie als Stadtpräsident Vorstellungen darüber, wie die Stadt mit den privaten Sammlungen und privaten Museen umzugehen gedenkt?

Ich habe das Interview der WoZ mit Beat Wismer, Bice Curiger und Guido Magnaguagno mit einigem Schmunzeln gelesen. Es scheint fast, als ob Kunst zum öffentlichen Monopol erklärt werden wolle; sie soll von Privaten offenbar nur unter bestimmten Bedingungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden dürfen. Das finde ich absurd. Ich hätte zwar gern mehr Geld für öffentliche Museen und einen grösseren Etat für zeitgenössische Kunst. Aber aus der schwierigen Situation öffentlicher Museen abzuleiten, dass privaten Museen ein «Service public» auferlegt werden müsse, scheint mir ein - gelinde gesagt - waghalsiger Schluss zu sein.

Nun wird ja vielen Stiftungen Steuerfreiheit gewährt. Hätte im Gegenzug die Öffentlichkeit nicht auch Anrecht auf bestimmte Forderungen an Stiftungen?

Das ist eine andere Frage. Stiftungen sind nur steuerfrei, wenn sie gemeinnützig sind. Und der «gemeine Nutzen» muss selbstverständlich ausgewiesen sein. Der «Dienst an der Öffentlichkeit» kann bei einer Sammlung in ihrer freien Zugänglichkeit bestehen. In diesem Sinne kann die Steuerbefreiung an Bedingungen geknüpft werden. Aber wenn sich jemand nicht um Steuerbefreiung bemüht, steht es in seinem freien Ermessen, ob und wie er seine Sammlung dem Publikum zugänglich machen will.

Nun plant Friedrich-Christian Flick, für sein Museum eine Stiftung einzurichten. Werden Sie darauf hinwirken, dass eine Vertretung der Stadt im Stiftungsrat Einsitz nehmen wird?

Über eine Stiftung haben wir bisher nicht gesprochen. Darum hat sich diese Frage auch gar nicht gestellt.

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