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Drei massgebende KuratorInnen über die Veränderung der Museumslandschaft durch private Sammler

Kann der Besitzer mit seinem Privatmuseum machen, was er will?

Interview: Patrik Landolt und Stephan Ramming

Das Flick-Museum macht - neben Fragen der geschichtlichen Verantwortung - auch tief greifende Veränderungen in der Museumslandschaft deutlich: Private Museen konkurrieren zwischen Kunstmarkt, Kapital und Mainstream zunehmend die öffentlichen Häuser. Braucht es eine ordnungspolitische Offensive?

WoZ: In den letzten Jahren sind in der Schweiz einige private Museen eröffnet worden. Weitere, wie diejenigen für die Sammlungen von Stephan Schmidheiny oder Friedrich-Christian Flick, sind in Planung. Bedeutet diese Entwicklung eine signifikante Veränderung der Museumslandschaft?

Beat Wismer (Direktor des Aargauer Kunsthauses in Aarau): Zusammen mit dem Anwachsen der Zahl von Kunstvereinen und Kunsthallen, das wir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in der Schweiz beobachten konnten, bedeuten die neuen Privatmuseen eine massive Veränderung der Situation für die alteingesessenen, staatlichen Museen. Das Phänomen der Fondation Gianadda in Martigny ist bekannt: In einer für staatliche Museen finanziell schwierigen Zeit werden private Museen eröffnet, die offensichtlich ohne finanzielle Sorgen in den zentralen Bereichen Marketing und Werbung mit ganz anderen Strategien arbeiten, als dies staatliche Museen könnten.

Bice Curiger (Chefredaktorin der Kunstzeitschrift «Parkett» und Kuratorin, unter anderem am Zürcher Kunsthaus): Gianadda bedient den klassischen, vielleicht gar populistischen Bereich der Kunst. Die neueren Privatmuseen bedienen eher den Bereich der Gegenwartskunst. Dort sieht man auch das Potenzial der privaten Initiativen, die einen Bereich abdecken, der vernachlässigt wurde. Das rührt nicht zuletzt daher, dass in den staatlichen Museen schwerfällige Strukturen und kleine Etats eine eigenwillige, passionierte Ankaufs- oder Ausstellungsstrategie sehr mühsam machen können. Diese Unterschiede reiben sich und stehen jetzt sichtbar im Raum.

Guido Magnaguagno (seit Januar 2001 Direktor des privaten Tinguely-Museums in Basel. Er arbeitete während 21 Jahren am Kunsthaus Zürich, zuletzt als Vizedirektor): Ich erachte die Veränderungen ebenfalls als gravierend. Zunächst kommen sich die verschiedenen Museen vom Publikum her in die Quere. An einem Kolloquium zum Thema war der Tenor klar: Die Schweiz mit der höchsten Museumsdichte weit und breit hat Probleme mit dem Publikum. Ich sehe das jetzt in Basel, wo zwischen der privaten Fondation Beyeler und dem städtischen Kunstmuseum Rivalitäten um das Publikum entstanden sind.

WoZ: Ist der Kampf um das Publikum der wichtigste Aspekt in der Konkurrenzsituation zwischen privaten und staatlichen Museen?

Curiger: Wenn wir vom vielleicht idealistischen Bild des Museums als Ort für die Auseinandersetzung mit Kunst ausgehen, möchte ich die Hallen für neue Kunst in Schaffhausen erwähnen als ein Beispiel für ein privates Museum, das nun nicht gerade vom Publikum gestürmt wird. Die Hallen für neue Kunst zeigen, dass ein Privatmuseum nicht immer zum Ziel hat, täglich dreitausend BesucherInnen abzubuchen.

Magnaguagno: Das stimmt insofern, als man das Quotendenken im Museumsbetrieb nicht fördern sollte. Tatsache ist jedoch, dass kulturpolitisch gerade für die staatlichen Museen letztlich die BesucherInnenzahlen entscheiden. Nehmen wir das Beispiel Basel: Mendes Bürgi ist mit dem klaren Auftrag ans Kunstmuseum gewählt worden, Beyeler Paroli zu bieten. Wenn nach einem Jahr die Situation so schwierig bleibt wie jetzt und Bürgi hätte sechzigtausend BesucherInnen gegenüber dreihunderttausend von Beyeler eingespielt, würde das Fazit lauten: Bürgi hat seinen Job nicht gut gemacht. Davon bin ich überzeugt.

WoZ: Gibt es Unterschiede in der Art der Auseinandersetzung mit Kunst, wie sie private und staatliche Museen bieten?

Curiger: Ich will mit dem Beispiel Schaffhausen keinesfalls einem Elitismus das Wort reden, im Gegenteil. In den letzten Jahren wurde ja gerade Kunst gemacht, die eben nicht das Signal aussendet: Achtung, ich bin moderne Kunst. Der Kunst der letzten fünfzehn Jahre ist eigen, dass sie mit den Ambiguitäten arbeitet und verständliche Signale aussendet, gleichzeitig aber auch den Spezialisten weiter beschäftigen kann, wenn er sich darauf einlässt. An dieser Komplexität müsste man diskutieren. Museen scheinen mir heute oft Produzenten von schrecklichen Stereotypen. Bis man beispielsweise zu einer echten Auseinandersetzung mit Rothko gelangt, muss man erst einmal ganz viel wegschieben. Es geht um die Qualität der Auseinandersetzung, und von da müssten sich die Museen sehr viel einfallen lassen und sich sehr anstrengen. Dabei kann es weder um populistische Anbiederung noch um Elitismus gehen, sondern darum, dass als Museum in der Gesellschaft und aus der gegenwärtigen Kultur heraus, als sensibles Instrument, verantwortungsvoll nachgedacht und gehandelt wird.

WoZ: Diese Forderung gälte allerdings für staatliche wie private Museen.

Magnaguagno: Bice Curiger hat Recht, dass die schwerfälligen Strukturen der staatlichen Museen auf den Sexappeal des Neuen träge reagieren. Staatliche Museen haben zweifellos viel verschlafen, ich denke etwa an Strategien der Kunstvermittlung, an die Kunstpädagogik usw. Das Zürcher Kunsthaus möchte ich davon allerdings in gewisser Weise ausnehmen, wir haben uns beispielsweise als Erste um Fotografie gekümmert und nie, so wie das Beyeler jetzt macht, lediglich die Vermittlung von Klassikern betrieben, sondern immer auch neue Positionen zu vermitteln versucht. Diese Arbeit hat dann auch dazu geführt, dass täglich tausend Leute die Beuys-Ausstellung besucht haben. In diesem Sinne wollte man am Kunsthaus das grosse Publikum immer wieder an neue Positionen heranführen, so dass schliesslich viele Leute Bruce Nauman vielleicht einmal anschauen, ohne ihn unbedingt «verstehen» zu müssen. Ich glaube schon, dass Vermittlungsarbeit, wie sie Beyeler mit Events wie «Food and Art» betreibt, nicht unbedingt an die diffizilen Ansprüche an die Wahrnehmung heranführt, für die Rothkos Malerei von ihrem Selbstverständnis her steht.

Wismer: Gut, aber das sind andere Themen. Stellen wir doch einfach fest: Gegenwartskunst wird gerne und häufig gesehen. Die bestbesuchte Ausstellung für Gegenwartskunst funktioniert allerdings ganz ohne Vermittlung: die Kunstmesse Art in den Basler Muba-Hallen. Gleichzeitig gibt es in Basel das Museum für Gegenwartskunst, das erste seiner Art in der Schweiz. Es ist, man muss es leider sagen, schlecht besucht. Ich will damit nur klar machen: Es gibt grundsätzlich ein grosses Potenzial an interessierten Menschen.

WoZ: Können die staatlichen Häuser ohne privates Engagement überhaupt überleben?

Curiger: Die Schweizer Museen haben eine Tradition mit strukturellen Mischformen. Beispiel Kunsthaus Zürich: Teil der Trägerschaft ist der private Verein, die Kunstgesellschaft Zürich, gleichzeitig wird das Kunsthaus zu einem guten Teil von Stadt und Kanton finanziert. Über den Verein VZK wiederum fliesst sehr viel privates Geld und damit auch ein Engagement von privater Seite ins Haus. Das bewirkt Verhältnisse, die, im Gegensatz zu den viel hierarchischeren Strukturen etwa in Deutschland, durchaus Möglichkeiten bieten, mit Engagement und einer klaren Haltung zu arbeiten.

Wismer: Es gibt heute kein Schweizer Museum ohne Geld von Privaten oder aus der Wirtschaft. In Aarau können wir unserem Auftrag längst nur noch mit privaten Geldern genügen. Für das Ausstellungsprogramm müssen wir mit knapp neunzigtausend Franken vom Kanton jährlich etwa eine halbe Million von privater Seite generieren. Diese Mischstruktur hat aber auch Vorteile: Sie macht handlungsfähiger und flexibler zugunsten eines attraktiven Ausstellungsprogrammes.

WoZ: Haben es die Museen verschlafen, eine offensive Museumspolitik zu betreiben?

Magnaguagno: Das trifft seit Mitte der siebziger Jahre zu. Nehmen wir die Frage der Neubauten: Wenn Flick Rem Koolhaas bauen lässt, ist das für Zürich der erste Museumsneubau seit sehr langer Zeit. Das Kunsthaus Zürich wird jetzt mit zehn Jahren Verspätung gerade mal saniert, und dann kommt irgendwann der Neubau. Ähnliches gilt für die Sammlung: Wir haben zwei Werke von Bruce Nauman. Jetzt kommt einer mit ganz vielen Naumans. Warum sind die nicht im Kunsthaus? Weil wir es jenseits von Spardruck und anderen Problemen verpasst haben, eine offensive Museumspolitik zu betreiben. Wenn wir die Sammlung des Kunsthauses aus der Perspektive Schmidheiny/Flick betrachten, müssen wir feststellen, dass sie unerhörte Löcher hat. Als hätten wir die letzten dreissig Jahre gar nicht gesammelt. Dies ist für ein Museum mit dem Auftrag und Anspruch, eine Kontinuität der Kunstgeschichte zu dokumentieren, eine Niederlage.

Curiger: Es liegt aber nicht nur an der Museumspolitik, sondern auch am fehlenden Diskurs. In den USA beispielsweise hat der Stolz auf Künstler wie Jackson Pollock auch zu einer gewissen Strenge in der Rede über Kunst geführt, die sich im Laufe der Zeit sehr positiv ausgewirkt hat, bei allen Problemen, wenn der Diskurs mit dem Mainstream in Berührung kommt. In der Schweiz konstatiere ich die fast vollständige Abwesenheit einer diskursiven Kunstkritik. Es gibt zwar einen Kunstjournalismus, der sich aber vorwiegend auf Skandälchen und neurotisch auf Beziehungsgeschichten stürzt. Auch die Medienhäuser machen es JournalistInnen schwer, Kompetenz zu erarbeiten. Es liegt also nicht nur an den Museen, sich zu öffnen und die schwierige Situation zu entschärfen.

WoZ: Inwiefern haben die staatlichen Museen im Hinblick auf das lokale Schaffen eine Verantwortung?

Wismer: Man muss unterscheiden zwischen der Sammlung und dem aktuellen Schaffen. Bereits hier liegt ein Dilemma: Es gibt eine Verpflichtung, durch die Präsentation und kunsthistorische Arbeit die Sammlung und damit auch die lokale Geschichte des Museums zu vermitteln. Andererseits macht nur schon die räumliche Situation die Förderung des aktuellen Schaffens kompliziert. Allerdings kann sich diese Situation für uns in Aarau so auswirken, dass wir sozusagen im provinziellen Windschatten für Zürich diese Rolle übernehmen. Ich denke an die grossen Varlin- oder Robert-Müller-Retrospektiven, wichtige Künstler aus Zürich, für deren Werkschau sich das Kunsthaus Zürich nicht hergeben mochte. Von einer solchen Haltung, die sich ausschliesslich auf grossen Erfolg versprechende Ausstellungen profiliert, können wir in der Provinz, wo ein solcher Erfolgsdruck weniger dominiert, profitieren.

Curiger: Natürlich müssen die staatlichen Museen ihre «historischen Batterien» als Chance nutzen und nicht nur als schwere Last empfinden. Es gilt aber auch, das Museum aus der heutigen Zeit heraus zu denken. Kunst kann ja nicht nur Gegenstände, sondern muss auch eine Haltung meinen.

Magnaguagno: Ich glaube nicht, dass die staatlichen Museen ein Programm mit Gegenwartskunst machen können. Das würde eine ganz andere Finanzierungsstruktur bedingen in dem Sinne, dass für das Kunsthaus Zürich die fünfzigprozentige Eigenfinanzierung mit 350000 BesucherInnen jährlich nicht mehr zu erreichen wäre. Dies ist mit einem geschickten Mix zu erreichen, indem die publikumswirksamen Ausstellungen experimentellere möglich machen.

WoZ: Wenn wir dies einmal als Bestandesaufnahme für die Situation in den staatlichen Museen stehen lassen wollen: Wo liegen die Schwierigkeiten für private Museen?

Curiger: Private Sammlungen sind oft eine Art Darstellung einer Biografie, indem sie eine bestimmte Sammlerleidenschaft dokumentieren. Oft werden sie dann zu einer Zeitkugel und lösen sich von der Kunstgeschichte ab. Das liegt auch daran, dass die Stifter mit testamentarischen Festlegungen den Dialog erschweren, indem die Werke im Extremfall nicht ausgeliehen oder reproduziert werden dürfen.

Magnaguagno: Private Museen haben im Gegensatz zu den staatlichen keinen Bildungsauftrag. Das sieht man an den Öffnungszeiten: Bei Privatmuseen sind sie oft eingeschränkt und sprechen so nur ein kleines Publikumssegment an. Die Frage der Öffnungszeiten scheint mir beispielsweise ein Indikator zu sein, wie ernst es Flick mit seinen Vermittlungsabsichten meint, die er jetzt so stark betont. Ich erinnere an das Bührle-Museum, das gerade mal an zwei Nachmittagen geöffnet ist und damit einfach dem Minimum genügt, das gesetzlich notwendig ist, um als Stiftung in den Genuss der Steuerfreiheit zu kommen.

WoZ: Gibt es nicht auch eine Veränderung bei den Sammlern? Der Sammler alten Typs hat doch sehr oft den Besitz im Alter oder nach seinem Tod der Öffentlichkeit zurückgegeben und staatlichen Museen vermacht. Die Sammlungen von Schmidheiny oder Flick dagegen sind so gross, dass sie nur schon von der Infrastruktur her die Möglichkeiten eines staatlichen Museums sprengen.

Wismer: Das ist historisch ein neuartiges Phänomen. Wir könnten damit kaum umgehen. Die Schenkung einer grossen Sammlung für ein mittelgrosses Schweizer Museum mit der Verpflichtung, den grössten Teil der Sammlung zu zeigen, würde kurzfristig zu einer Implosion der Institution führen und wäre langfristig eine riesige Belastung für die Öffentlichkeit. Es ist, zumindest in Europa, tatsächlich ein neues Phänomen, dass der Kunstsammler heute sein eigenes Museum baut. Früher kamen diese Sammlungen in ein öffentliches Institut. Jetzt werden sie als Privatinitiative öffentlich. Wenn das Kunsthaus Zürich die Flick Collection bekommen hätte, hätte das einen ungeheuren Druck für die Erweiterung des Kunsthauses bewirkt.

Magnaguagno: Auch der Nachlass von Tinguely wäre für jedes Museum eine Hypothek gewesen. Es gibt Sammler, die überlegen sich viel und differenziert, was geschehen soll: Sie geben beispielsweise die besten und kulturell wertvollsten Stücke dem öffentlichen Institut. Der Rest wird verkauft oder unter den Erben verteilt. Diese weitsichtige Mentalität ist heute selten geworden. Wenn eine Stiftung im Museum einen Platz bekommt, ist das ein Idealfall. Ich hätte mir dies auch von den Sammlungen Schmidheiny oder Flick erhofft. Zürich hat es verpasst, diese beiden Sammlungen - wobei die Schmidheiny-Sammlung viel wichtiger ist - in öffentliche Häuser zu bekommen. Ich habe nie etwas von einem Bestreben gehört, diese Sammlungen an ein öffentliches Institut zu ziehen.

Curiger: Meistens ist es schon für reiche Private eine finanzielle Überforderung, die Museen von morgens bis abends zu öffnen, zu bewachen, zu heizen. Kämen all diese Sammlungen in öffentliche Museen, würde es die SteuerzahlerInnen viel Geld kosten. Von daher finde ich es gar nicht so schlecht, dass die Flick Collection ein eigenes Haus bekommt.

WoZ: Gibt es nicht Unterschiede? Wenn ein Sammler seine Bilder der Öffentlichkeit schenkt, gehören die Bilder letztlich der Öffentlichkeit. In einem privaten Museum ist das anders. Ein privates Museum kann auch als zollfreies Kunst-Zwischenlager dienen. Kann der Besitzer mit der Sammlung nicht machen, was er will?

Magnaguagno: Diese Gefahr besteht. Auch wenn Herr Flick jetzt Pläne hat für ein Museum mit einem grossen Architekten, ist nicht auszuschliessen, dass er in zehn Jahren die ganze Sammlung in einen anderen Kontinent verlegt. Oder dass er die im Museum wertvoll gewordenen Werke gewinnbringend veräussert. Die Öffentlichkeit darf diese kulturpolitische Unsicherheit nicht aus den Augen verlieren.

WoZ: Ist jetzt nicht die Politik gefordert, Rahmenbedingungen für private Museen zu formulieren, wie sie ihre öffentliche Verantwortung wahrnehmen müssen? Bei anderen öffentlich relevanten Teilen der Gesellschaft wie Verkehr, Telekommunikation, Post usw. definiert der Staat ja auch den gesetzlichen Rahmen, in dem sich die Privatwirtschaft bewegen kann.

Wismer: Verschiedene Fragen müssten geklärt werden. Sie betreffen Öffnungszeiten oder Zugänglichkeit für das Publikum. Es könnte auch vereinbart werden, dass beim Verkauf von wichtigen Sammlungsteilen das Museum vor Ort ein Vorkaufsrecht hat.

Curiger: Verhindert werden muss, dass etwa Private in den Stiftungsurkunden Bestimmungen auf ewig festlegen, die dem Kunstwerk oder dem Interesse des Künstlers entgegenstehen: etwa, dass die Werke nicht abgebildet oder ausgeliehen werden dürfen.

Magnaguagno: Das ist eine wichtige Auseinandersetzung zwischen Politik, Gesellschaft und den Museen. Herr Flick trifft sich ja nächstens mit dem Zürcher Stadtpräsidenten Josef Estermann, und ich denke, im Gespräch müsste es, neben anderem, um diese Rahmenbedingungen gehen. Herr Flick hat an der Pressekonferenz für einen Privatsammler relativ viel Goodwill gezeigt mit dem Hinweis auf einen öffentlichen Anspruch und auf viel Vermittlungsarbeit.

WoZ: Also ginge es in der heutigen Umbruchsituation darum, Forderungen an den Service public der Museen, auch der privaten Museen, zu formulieren?

Wismer: Bei den Privatsammlungen ist es sehr wichtig, dass sie nicht nur öffentlich zugänglich sind, sondern dass auch bei einem privaten Museum tatsächlich der Museumsaspekt betont wird und museale Verpflichtungen und Verantwortungen übernommen werden. Da stellen sich tatsächlich Fragen nach einem Service public eines privaten Museums.

Curiger: Sollten solche Entscheide nicht den Einzelnen überlassen werden? Dieses Überdidaktische, das einem in vielen Museen auf den Wecker geht, darf doch nicht auch den Privaten verordnet werden.

Magnaguagno: Ich denke nicht an Zettel, die neben den Bildern aufliegen. Vermittlung ist nicht Didaktik. Ich denke an andere Rahmenbedingungen: die Beteiligung der Öffentlichkeit, etwa in der Zusammensetzung des Stiftungsrates, die Eintrittspreispolitik oder die Ausleihbereitschaft, die in den meisten Privatmuseen sehr restriktiv ist. Die Fragen entscheiden sich letztlich in Bereichen, wo es um die juristischen Konstruktionen geht, welche dem Privatmuseum öffentliche Verpflichtungen formulieren. Solche Verpflichtungen sind vollkommen legitim, insofern auch, als ein Privatmuseum von der Öffentlichkeit ebenfalls profitiert und mitgetragen wird - nur schon deshalb, weil es als Stiftung oder Schenkung von den Steuern befreit ist.

WoZ: Was bedeutet es, wenn Kunsthändler Museen eröffnen und - wie Hauser & Wirth in der Lokremise in St. Gallen oder die Fondation Beyeler in Basel - eine ganz neue Rolle im Markt spielen können?

Wismer: Ernst Beyeler und Hauser & Wirth unterscheiden sich stark. Beyeler, einer der bekanntesten Kunsthändler, besitzt eine Sammlung, die vom Mythos lebt, dass die Klassiker der Moderne durch die Hände von Beyeler gingen, er aber die besten Stücke für seine Sammlung behalten hat.

Curiger: Aber Beyeler war nicht bei der Entstehung neuer Entwicklungen oder bei der Avantgarde dabei, und Beyelers Hauptvermögen ist in den achtziger Jahren entstanden.

WoZ: In Zürich wurden in den letzten Wochen die Machtballungen zwischen der Galerie Hauser & Wirth sowie dem Financier, Sammler und Museumsgründer FriedrichChristian Flick kritisiert. In der Wirtschaft gibt es ein Kartellgesetz. Ruft die Verfilzungsgefahr im Kunstmarkt nach Regulierung?

Curiger: Es wird zum Problem, wenn die Situation total neurotisiert wird. Das kann so weit kommen, dass ich mir überlegen muss: Darf ich über einen Künstler schreiben, der bei dieser Galerie vertreten wird, ohne gerade wieder der Sippenhaft bezichtigt zu werden? An die Adresse einiger grosser Zürcher Zeitungen, die schon bei der Direktorenwahl im Kunsthaus ein Kesseltreiben veranstaltet haben, möchte ich sagen, dass Verschwörungstheorien gefährlich sind. Schon ganz zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als in Deutschland dank einem Museumsmann wie Hugo von Tschudi die französische Kunst der Moderne, also Cézanne, Matisse, Gauguin bis van Gogh, Einzug hielt, vermehrte sich Widerstand mit dem Argument, dies sei eine von (jüdischen) Kunsthändlern inszenierte Übernahme des Kunstgeschehens. Natürlich müssen wir von Macht reden. Auch die Zeitungen haben Macht. Es kommt darauf an, wie verantwortlich man damit umgeht.

Wismer: Die Machtballung ist eine Tatsache. Andererseits klagen wir in der Schweiz seit zwanzig Jahren, dass wir keine Galerien haben, die unsere besten Künstlerinnen und Künstler ins Ausland bringen. Wir haben es bei Hauser & Wirth mit einer Galerie zu tun, die mit einer grossen Professionalität arbeitet, einen internationalen Anspruch hat und sehr viel für die Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz macht. Das ist neu. In den siebziger Jahren kamen die Schweizer Künstler einzig mit Hilfe der Pro Helvetia ins Ausland. Die Schweizer Galerien haben, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Professionalisierung, die in den achtziger und neunziger Jahren international das Galeriewesen veränderte, verschlafen. Man kann nun über Hauser & Wirth schimpfen, wie man will, das Faktum bleibt, dass wir heute wieder Schweizer Kunst haben, die ihrer Qualität gemäss auch international wahrgenommen wird. Da stehen Hauser & Wirth sicher nicht ganz alleine, sie sind aber der Prototyp für eine völlig neue Galeristengeneration.

WoZ: Ist es nicht eine Gefahr, wenn eine Galerie von der Grösse und Potenz wie Hauser & Wirth den Kunstdiskurs massgeblich bestimmt? Oder besteht das Problem der Situation in Zürich darin, dass es hier nur einen Hauser & Wirth gibt und nicht - wie etwa in New York - zehn Galerien dieser Grössenordnung, womit Vielfalt und unterschiedliche Präferenzen wieder spielen?

Magnaguagno: Die Schweizer Kunstlandschaft wäre reichhaltiger, wenn wir mehrere Galerien dieser Potenz hätten. Jetzt haben Hauser & Wirth mit ihrem professionellen Drive und diesen guten Verbindungen eine gewisse Monopolstellung.

Curiger: Na und? Davon profitieren doch alle.

Magnaguagno: Da bin ich skeptisch. Wir müssten mit Zürcher Galeristen diskutieren. Die Vorwürfe und Beschuldigungen, die jetzt weit herum zu hören sind, kommen nicht von ungefähr. Letztlich geht es ums Geschäft. Wenn einer vom Kuchen ein so grosses Stück abschneidet und so viele reiche Sammler um sich schart, schafft das bei den anderen Frust. Man muss offen darüber diskutieren können.

Wismer: Der Vorwurf an Hauser & Wirth ist ja nicht, dass sie schlechte Kunst berühmt und teuer machen. Es ist vielmehr die Ohnmacht gegenüber diesem Riesengebilde, die viele verunsichert.

WoZ: Braucht es also mehr Kontrolle durch Kritik und Transparenz?

Curiger: Vielleicht muss ganz generell in der Kunst Qualität wieder an einem anderen Ort definiert werden. Vielleicht sollte man heute wieder etwas weggehen vom Fetisch des Objekts. Wie das in den sechziger Jahren mit gewissen Kunstrichtungen passierte, wo man auch versucht hat, aus dem kommerziellen Circuit auszubrechen. Und es passiert ja einiges. Es gibt junge Künstler wie San Keller, die geben wunderbare Signale in diese Richtung. Die machen Aktionen, die gar nicht verkauft werden können. Wer an die Kunst glaubt, findet immer neue Wege.

Wismer: Ich denke, wir befinden uns in diesem Gespräch an einem Punkt, der ganz nahe bei dem ist, worüber wir am Anfang gesprochen haben: öffentliches Museum - privates Museum. Schwierigkeiten zeigen sich, wenn Künstler, die von einer so potenten Galerie getragen werden, zum Beispiel an einer Biennale, in einer ganz anderen Kategorie auftreten können, als es die Künstler können, die von der offiziellen Schweiz, also vom Bundesamt für Kultur, geschickt werden. Es wäre für die Schweiz nie möglich, einen Künstler in Venedig so auftreten zu lassen, wie Jason Rhoades es konnte. Das war nur mit dem Geld einer solch potenten Galerie möglich. Im Grunde ist es dasselbe Problem wie bei den Museen.

Magnaguagno: Es ist wie im Kapitalismus: Wer kein Geld hat, gerät ins Hintertreffen.

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