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Geschlechterverwirrung

Von Annette Hug

Beim Abendessen wurde es richtig interessant. Angeregt berichteten Dozentinnen verschiedener Universitäten und Schulen von ihren Arbeitsverhältnissen. Vom zunehmenden Druck, die eigene Stelle als selbständige Unternehmerin zu bewirtschaften. Von einer Schulleitung, die gewerkschaftliche Organisation und Gesamtarbeitsverträge als «kulturfremd» bezeichnet. Von der Notwendigkeit, gegen Lohnkürzungen, Kündigungen und Deregulierung auf die Strasse zu gehen. War dies Teil der heissen Gender-Debatte, zu der rund dreissig Expertinnen am 20. Oktober nach Zürich gekommen waren? Gaby Baldinger, Tove Soiland und Marion von Osten hatten dazu eingeladen, mit Unterstützung verschiedener Institute der Hochschule für Gestaltung und Kunst und der Universität Zürich. Die WOZ hatte den Stein mit einer Artikelserie zu Gender-Studies ins Rollen gebracht.

Es musste etwas dran sein an der Debatte, sonst wären sie nicht alle gekommen. Aber worum es eigentlich ging, wurde nur in Umrissen deutlich. Als sich am Schluss des Tages zum wiederholten Mal eine Moderatorin vor lauter Begriffsverwirrung in eine stille Ecke zurückzog, war unklar, wo wirklich Gegensätze bestanden, und wo vielmehr die altbewährte Feuilleton-Technik zum Zuge kam: Bau dir argumentativ eine Gegnerin auf, damit du eine profilierte eigene Position gegen sie entwickeln kannst.

Tove Soiland hatte die Behauptung aufgestellt, dass in den deutschsprachigen Gender-Studies methodisch einseitig über Geschlecht nachgedacht werde. Die Gender-Studies sind nach Soiland dominiert von der These, Geschlechter würden durch soziale Normen konstruiert. Das bedeute: Gender-Studies denken entweder falsch über den Zusammenhang von Macht und Subjekt nach, oder sie denken gar nicht darüber nach. Stattdessen betreiben sie Queer-Theorie und propagieren die Geschlechterverwirrung, die sie für politisch subversiv halten, ohne sich darüber Rechenschaft abzugeben, dass die propagierte Flexibilisierung sehr gut in die neoliberale Ordnung passt.

Dass die Realität der Gender-Studies sehr viel heterogener ist, als von Soiland dargestellt, wurde nicht nur behauptet, sondern auch demonstriert. Trotzdem: Ist die Frage nach der politischen Relevanz einer theoretischen Ausrichtung bereits eine «dogmatische Wolke» und ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft, wie von einigen behauptet? Die Wissenschaft der Gender-Studies kann sich nur weiterentwickeln, wenn sie sich durch solche Fragen immer wieder herausfordern lässt und wenn sie ihre Grundbegriffe kritisch reflektiert, war die Auffassung der Organisatorinnen.

Allerdings war es unmöglich, ein gemeinsames Verständnis der Begriffe Norm, Macht, Subversion, politisch oder Queer zu erarbeiten - dazu fehlte die Geduld. Lag das daran, dass die konkreten Unterschiede an Macht und Status zwar in der TeilnehmerInnenliste angedeutet waren, aber im Gespräch nicht offen zur Sprache kamen? Dabei könnte als Erfolg dieser Veranstaltung betrachtet werden, eine Grundsatzdiskussion über Gender-Studies zwischen Frauen von innerhalb und ausserhalb der Universitäten möglich gemacht zu haben.

Dass die Ökonomie im praktischen Alltag der Gender-Studies omnipräsent ist, wurde beim Abendessen deutlich. Eine der wenigen Klarheiten, die im Laufe des Tages entstanden, betraf den Stellenwert der Ökonomie in der Theorie. Tove Soiland (freischaffend) und Andrea Maihofer (Professorin am Zentrum für Gender-Studies der Universität Basel) hielten einmal den Konsens fest, dass Theorien zur Subjektivierung von Frauen und Männern mit Gesellschaftstheorien, auch mit Theorien über ökonomische Strukturen in Verbindung gebracht werden müssen. Dann inszenierte sich die Ökonomin Mascha Madörin als Verkörperung der Lücke in den Gender-Studies, prangerte das Fehlen empirischer Forschung über reale Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Frauen und Männern in der Schweiz an. Ein bisschen Empirie wurde aus der Runde gleich geliefert: An der Hochschule St. Gallen wird Gender in den kulturwissenschaftlichen Nebenfächern behandelt, aber in den ökonomischen Hauptfächern spielt das Geschlecht nach wie vor keine Rolle. Gender-Studies speisen sich vorwiegend aus kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. In der politisch wirksamsten Disziplin, der Ökonomie, konnte sich die Frage nach der Bedeutung des Geschlechts bisher nicht im selben Umfang einnisten.

Wie genau die Analyse des Vorgangs, in dem (zum Beispiel) eine Frau immer wieder zur Frau wird, mit der Analyse ihrer politischen und ökonomischen Position verknüpft werden kann, ist umstritten. Auch das wurde als Konsens festgehalten. Vielleicht als Ausgangslage einer künftigen Diskussionsrunde.


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