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Chancen und Grenzen der Gender-Studies
Alles andere als eine Luxusdebatte
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Muss die Geschlechterforschung griffige Lösungen für den politischen Kampf bieten? Oder darf sie erst einmal nur Fragen stellen? Ein Plädoyer für die akademische Langsamkeit.
Bis vor wenigen Jahren führte die Geschlechterforschung alias Gender-Studies ein institutionelles Nischendasein, heute ist sie Teil der schweizerischen Universitäten: Der lange, aber erfolgreiche Weg zur Institutionalisierung der Geschlechterforschung wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung von Feministinnen im Parlament und in der Öffentlichkeit. Darum knüpfen sich politische Erwartungen an die Gender-Studies: Sie werden sowohl von aussen an sie herangetragen, sind aber auch in ihrem eigenen Selbstverständnis gegeben.
Die Frage ist, welche Form diese Erwartungen annehmen und wie über sie verhandelt wird. Die Kritik von Tove Soiland überzeugt in dieser Hinsicht nicht. Politisch sind die Gender-Studies gemäss Soiland nur dann, wenn sie direkt und explizit eine Antwort auf die Frage geben können, warum Frauen Männern ökonomisch und politisch untergeordnet sind. Gender-Studies sollten demnach griffige, handlich kompakte und überschaubare Lösungen bieten, die direkt für den politischen Kampf verwendet werden können. Alles andere, nicht sofort Verwertbare wird Teil einer Luxusdebatte, durch die sich die Gender-Studies dem Vorwurf aussetzen, von der Institution Universität verschluckt, verdaut und einverleibt worden zu sein.
Ist die Sache so simpel?
Soilands reduktionistische Vorstellung eines «direkten» Weges - im Sinne: Wir wissen schon, was die richtige Frage ist und müssen nur noch die Antworten zusammentragen - überspringt gerade die entscheidende Einsicht des Feminismus: seinen Pluralismus. Es ist in den letzten Jahren deutlich geworden, dass es im Feminismus nicht nur eine einzige Frage gibt, die zu lösen ist, weil es nicht nur eine Erfahrung von Diskriminierung, Unrecht und Entwürdigung von Frauen gibt. Das feministische Bewusstsein kann nicht wieder auf eine einzige Position reduziert werden, ohne dass damit anderes und andere gewaltsam unterdrückt und ausgeschlossen werden. Dem möchten wir die wissenschaftliche Offenheit der Gender-Studies entgegenhalten und behaupten, dass der politische Feminismus darauf angewiesen ist, dass er sich in den Gender-Studies kritisch reflektieren und in plurale Fragestellungen auffächern kann. Die Gender-Studies eröffnen damit die Möglichkeit neuer Einsichten, welche die feministische Politik mit ihrer tagespolitischen Agenda ergänzen und herausfordern können.
Die Forderung, die Gender-Studies müssten feministisch sein, darf also nicht so verstanden werden, als ob das Feministische der Wissenschaft äusserlich sei. Ein solcher Ansatz trennt den politischen vom wissenschaftlichen Feminismus, macht beide unbeweglich und lenkt von der wahren Herausforderung ab. Diese liegt darin, dass das Feministische der Gender-Studies nicht gegen das Wissenschaftliche, sondern im Medium der Wissenschaft zum Ausdruck kommt. Diese Qualitäten der Gender-Studies bestehen in der wissenschaftlichen Neugier, Komplexität, Langsamkeit, Kontinuität und Vielfalt.
Gender-Studies sind das wissenschaftliche Produkt des politischen Feminismus der siebziger und achtziger Jahre. Sie entstanden aus einer Kritik an Forschungstraditionen, die immer auch den Effekt hatten, Frauen von der Wissenschaft fern zu halten und ihre Diskriminierungserfahrungen unsichtbar zu machen. Die Einführung der Forschungskategorie «Frau» und später «Geschlecht» in Disziplinen wie Geschichte, Philosophie, Recht oder Ökonomie war darum eine feministische Errungenschaft. Sie öffnete den Blick und weckte die Neugier dafür, wie sich Geschlechterdifferenzen in Geschichte und Gegenwart realisieren, welche Probleme sie mit sich führen und welche Veränderungsmöglichkeiten sich durch ihre Analysen auftun. Da es gelang, diese Fragestellungen in die traditionelle Forschung und Lehre hineinzutragen, sind die Gender-Studies auch Ausdruck der Ermächtigung von Wissenschaftlerinnen in den letzten zwanzig Jahren.
Es scheint eine Ironie, wenn diese Errungenschaften nun mit Berufung auf den Feminismus wieder rückgängig gemacht werden sollen. Damit wiederholt sich faktisch die traditionelle Abwertung weiblicher Intellektualität - denn tatsächlich werden die Gender-Studies zum jetzigen Zeitpunkt mehrheitlich von Frauen betrieben (was allerdings weder so bleiben muss noch sollte). Paradoxerweise trifft sich in dieser Kritik weiblicher Wissenschaftspraxis der feministische Utilitarismus, wie er in Soilands Argumentation aufscheint, mit der Mainstream-Wissenschaft. Beide argumentieren zwar gegensätzlich - dort mit dem Einfordern unmittelbaren politischen «Nutzens», hier mit der Verteidigung der «reinen» Wissenschaft -, verbinden sich aber darin, dass sie den Sinn einer bislang von Wissenschaftlerinnen dominierten und an Geschlechterfragen ausgerichteten Forschungspraxis infrage stellen.
Gegen die Ungeduld
Die Gender-Studies eröffnen einen Raum, in dem das Nachdenken über Geschlecht und die Art und Weise, wie wir - auch und gerade als Feministinnen - Geschlecht konzipieren, stattfinden kann. Dazu gehört auch, dass Kategorien, die feministisches Handeln und Denken anleiten, überprüft werden. Während beispielsweise der Begriff der Geschlechterhierarchie in gewissen politischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen sinnvoll eingesetzt wird, lohnt es sich darüber nachzudenken, was dieser Begriff stillschweigend mit sich führt. Was wird übersehen, wenn immer schon die Prämisse gilt, dass sich Geschlechterbeziehungen als Hierarchien konstituieren? Gerade im Bereich der Gesellschaftstheorie zeigt sich, dass Machtbeziehungen nicht nur durch die Kategorien des Geschlechts, sondern auch durch Ethnizität, Religion oder sexuelle Orientierung strukturiert werden. Damit stellt sich die Frage, wie diese verschiedenen Kategorien zusammenhängen, wie sie sich normativ verdichten und wie sie in Ökonomie, Recht, Familie und Staat politisch wirksam werden. Umgekehrt geht es darum zu fragen, wie Geschlecht, Ethnizität oder Religion durch die diskursiven und institutionellen Praktiken einer Gesellschaft konstituiert werden und wie sich dies wiederum im Bereich des Normativen verfestigt. Wir denken nicht, dass der isolierte Blick auf ökonomische Verhältnisse, wie ihn Soiland fordert, der Komplexität solcher Fragestellungen angemessen ist. Gerade in Bezug auf das Verhältnis von Ökonomischem und Symbolischem unterbietet sie damit das Reflexionsniveau, welche sich die Gender-Studies (und auch der Marxismus) erarbeitet haben.
In der Wissenschaft sollte es keine Denkverbote geben. Ein solches Denkverbot äussert sich heute weniger durch offene Zensur als vielmehr durch Zeitdruck. Wenn Ökonomie und Politik schnelle Lösungen und Antworten verlangen, dann sprechen sie der wissenschaftlichen Reflexion ihre Berechtigung ab. Denn jedes Infragestellen braucht Zeit und führt die befragten Begriffe in ein Verwendungsmoratorium. Wie kann, fragt etwa die Philosophin Martha Nussbaum, der feministische Dekonstruktivismus den Begriff Frau infrage stellen, wenn wir mit diesem Begriff doch täglich gegen die Unterdrückung der Frauen auf der ganzen Welt kämpfen müssen? Dieser Position der Ungeduld kann entgegengehalten werden: Wie können wir das Unbekannte denkbar machen und neue Erkenntnisse gewinnen, wenn wir über die Begriffe, die unsere Analysen anleiten, nicht mehr nachdenken dürfen? Die kurzfristige Perspektive ist selten die nachhaltige. Wenn die Gender-Studies gesicherte Positionen nicht reflektieren, sondern bloss verteidigen, dann geben sie gerade die Freiheit auf, die sie sich erschlossen haben.
Der Wunsch nach einem Feminismus, der nicht nur klare Fragen stellt, sondern auch richtige Antworten erhält, ist nachvollziehbar. Dennoch müssen wir uns daran gewöhnen, Fragen zu stellen, die vorerst immer neue Fragen eröffnen. Die Gender-Studies sind ein solcher Ort, an dem feministische Fragestellungen kontinuierlich verfolgt und reformuliert werden können. Dies ist auch eine Antwort auf die politischen Enttäuschungen, die Soiland anspricht. Mit der Einschätzung, dass sich zwischen Männern und Frauen oberflächlich vieles verändert, während ökonomisch und politisch alles beim Alten bleibt, beschreibt sie einen Utopieverlust, an dem viele Feministinnen leiden. Diese Desillusionierung zwingt uns aber auch dazu, Machtverhältnisse genauer und differenzierter zu denken. Weil die Gender-Studies diese Differenzierung leisten können, sind sie ein möglicher Ort feministischer Kontinuität (vgl. dazu den Aufsatz von Andrea Maihofer «Von der Frauen- zur Geschlechterforschung. Modischer Trend oder bedeutsamer Perspektivenwechsel?» im aktuellen «Widerspruch» Nr. 44/03). Die Gefahr, dass sich die politische Dringlichkeit eines Problems verflüchtigt, wenn es zu sehr zerstückelt wird, müssen die Gender-Studies dabei erkennen, aber auch aushalten können. Der Weg zurück in einen unkritischen Feminismus, der seine eigenen Prämissen nicht infrage stellt, kann keine Alternative sein. Ausserdem kann sich durch Differenzierung auch das Gegenteil ereignen: Fragestellungen werden wieder unter neuen Perspektiven zugänglich, und sich scheinbar ausschliessende Erkenntnisse können unter neuen Gesichtspunkten geordnet werden.
Kein monolithischer Block
Die Gender-Studies gibt es. Es gibt Arbeitsstellen, Forschungsprojekte, Studierende und Lehrende. Unter dem Begriff der Gender-Studies Schweiz versammelt sich eine enorme personelle, disziplinäre und methodische Vielfalt, die von Soiland unter einem einzigen theoretischen Ansatz zusammengefasst, abgehandelt und kritisiert wird. Welche Reduktion methodischer Ansätze und welche Anonymisierung von Forscherinnen ist dabei im Spiel? Was würde man sagen, wenn die schweizerische akademische Philosophielandschaft anhand ihrer einheitlichen Lektüre des amerikanischen Philosophen John Rawls abgehandelt würde? Judith Butlers Theorie, auf die Soiland in einer streitbaren Lektüre ihre Kritik an den Gender-Studies richtet, repräsentiert nicht den Stand der akademischen Gender-Studies in der Schweiz. So zeigen die Lehrpläne der verschiedenen interdisziplinär angelegten Studiengänge, dass in den Gender-Studies immer schon von einer inhaltlichen und methodischen Vielfalt ausgegangen wird.
Die Gender-Studies sind kein monolithischer Block, und sie finden auch nicht nur in der Akademie statt. Was sie sind und wer dazu gehört, ist offen. Die Institutionalisierung von Gender-Studies bedeutet deshalb nicht, sie auf die Universität einzuschränken. Sie verstärkt vielmehr die Möglichkeit, feministische Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, wie es ja auch in dieser WoZ-Debatte geschieht. Wenn wir hier Argumente über Gender-Studies austauschen, bleibt Soilands Frage, warum Frauen gegenüber Männern vielfach benachteiligt sind, immer noch offen. Das heisst nicht, dass die hier geführte Debatte nichts mit dieser Frage zu tun hat und noch weniger, dass sie nichts zu ihrer möglichen Antwort beiträgt - wenn auch indirekt, langsam und auf unabsehbare Weise.
Wir danken Ariane Bürgin, Brigitte Hilmer und Andrea Maihofer für ihre wertvollen Anregungen.
Katrin Meyer ist Assistentin und Lehrbeauftragte für Philosophie an der Universität St.Gallen.
Patricia Purtschert, Philosophin, Assistentin am Zentrum Gender-Studies Basel 2001-2002, zurzeit Forschungsaufenthalt an der University of California in Berkeley.
WOZ vom 17.07.2003
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Inhalt Dossier «Feminismus versus Gender»
WOZ vom 22.02.2007
WOZ vom 20.10.2005
WOZ vom 05.05.2005
WOZ vom 21.04.2005
Was ist Gender? Geschlecht zwischen Theorie, Ökonomie und Alltag - in Zürich wurde gestritten
WOZ vom 30.10.2003
WOZ vom 17.07.2003
Alles andere als eine Luxusdebatte: Chancen und Grenzen der Gender-Studies
WOZ vom 03.07.2003
Die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen: Feminismus versus Gender?
WOZ vom 05.06.2003
Sprechen Sie Gender? Gender-Debatte in Buchform: «Hand aufs dekonstruierte Herz»
Das unbekannte Objekt der Begierde: Jeffrey Eugenides’ Roman «Middlesex»
WOZ 21/03
Ein Aufruf zur theoretischen Reflexion: Das Spiel mit den Geschlechtern - eine Sackgasse?



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