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Feminismus versus Gender? Die Replik einer Gendertheoretikerin

Die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen

Marion Strunk

Geschlechterforschung ist keine soziale Bewegung, wie es der Feminismus war. Sondern ein Studium, das spezifisch Kulturkritik und Kritikkultur betreibt.

Sagt jemand, das Spiel mit den Geschlechtern sei schon alles? Spielen heisst doch probehandeln. Versuchen, scheitern, verlieren, gewinnen, mit allen Schattierungen, die dazwischen liegen. Ein ernsthaftes Spiel bringt immer etwas hervor, sei es Einsicht oder Erkenntnis, Freude oder Verzweiflung. Und alle Spielenden wissen: Ein Spiel kann auch verdorben werden. Der Proberaum ist nur so lange Schutz- und Schonraum, als die Spielenden die Bedingung kennen und wissen, es darf frei nach der Methode von «trial and error» immer wieder neu begonnen werden. Daraus folgt, dass auch das Spiel um die Geschlechter, um das es hier geht, ein Prozess ist und kein Rezept.

Das Fressen vor der Moral

Mit einem «Aufruf zur theoretischen Reflexion» eröffnete Tove Soiland erneut die Debatte um «die Rede vom sozialen Konstrukt», diesmal verbunden mit einer Kritik an der institutionalisierten Geschlechterforschung, den Gender-Studies. Diese versäumten, «mit dem Aufzeigen des Konstruktionscharakters von Geschlecht auch bereits einen machtkritischen Beitrag zu leisten», bedienten einen «neoliberalen Karneval der Identitäten» und seien dabei längst «von einer neoliberalen Realität eingeholt» worden. «Das Spiel mit den Geschlechtern» entspreche demnach dem neoliberalen Wirtschaftskurs und seinen eingeforderten flexiblen Menschen: Flexibilität als das Zauberwort der globalen Marktwirtschaft - immer bereit, sich auf jeden Wechsel einzulassen, an der Arbeitsstelle, am Arbeitsort, in der Arbeitsform, aber unbrauchbar für Veränderung und «politisches Handeln».

Dem Spiel mit den Geschlechtern geht der Diskurs der Konstruktion/Dekonstruktion voraus (das Zauberwort der achtziger Jahre), der dieses Spiel in den Kontext der Geschlechterdifferenz stellt, also die Geschlechtlichkeit als sozial und kulturell konstruiert versteht und damit der Vorstellung einer organisch wirkenden Sexualität widerspricht. Das Spiel mit den Geschlechtern folgt der Einsicht in die zahlreichen Möglichkeiten von Subjektivität und Individualität, die aus den Gender- theorien entstehen können.

Allerdings macht das Spiel auch klar, dass es keine machtfreie Zone geben kann und keine Kommunikationsform, die nicht zugleich ein Machtgefälle wäre. Die klassischen Dualismen wie Natur/Kultur, Frau/Mann, Körper/Geist haben bekanntlich auf Totalität und gesellschaftliche Dauer abgezielt - die Ursache der bestehenden Machtverhältnisse sind sie aber nicht. Damit ist nicht gemeint, dass eine Subjektposition «Frau» nicht mehr eingenommen werden soll. Nur: Im Namen der Frau zu sprechen, verlangt eine fortlaufende Differenzierung und Kontextualisierung. Die Kritik an der Repräsentation (dem Sprechen für andere) ist zugleich Kritik am vereinnahmenden Begriff der Universalität. Die Setzung Mann/Frau zu dekonstruieren meint dann, die soziale Gewordenheit wahrzunehmen und für diese Wahrnehmung einen Ausdruck zu finden. Das kann nicht bedeuten, die «Materialität der Körper» ausser Acht zu lassen (siehe Judith Butler: «Kontingente Grundlagen», deutsch 1993). Aber Körper haben an sich noch keine Bedeutung, sie müssen medial vermittelt werden, als demografisches, ethnisches, medizinisches, sexuelles oder anderes Spezifikum, das sich mithin semantisch «auflädt». Trotzdem kann die Setzung Mann/Frau dem gesellschaftlichen Widerspruch von Gleichheit und Gleichstellung nicht entrinnen. Doch weder das einzelne Geschöpf noch die soziale Ordnung kann ursächlich der Anlass dafür sein. Vielmehr ist es die Verstrickung und gegenseitige Abhängigkeit in einer «conditio humana», die das Fressen vor die Moral stellt.

Mithin wäre es eine überholte, da idealistische Annahme, der Diskurs von Gender könne auf ökonomische Fragen wie «Lohndifferenz, Arbeitsteilung oder Zugang zu Ressourcen» (Soiland) unmittelbar einwirken. Dafür bräuchte es die Umsetzung jener Utopien, von denen wir weiter denn je entfernt sind, 150 Jahre nach Marx und Engels, dreissig Jahre nach 68 und ein halbes Jahrtausend nach Thomas Morus’ «Utopia». Zu kurz greift Soilands Argument, wenn es sich auf eine einzige Position, und die Kritik an Gender-Studies auf den scheinbar falsch verstandenen Machtdiskurs von Judith Butler abstützt, die den späten Foucault nicht gelesen habe und deshalb am juridischen Machtbegriff des frühen Foucault hängen bleibe. Das mag für Butlers Arbeit aus den neunziger Jahren zutreffen, wird jedoch von der Publikation ihrer Frankfurter Vorlesungen 2002 widerlegt («Kritik der ethischen Gewalt» ist ja gerade die Auseinandersetzung mit dem Spätwerk Foucaults). Selbst wenn nicht von der Hand zu weisen ist, dass Butlers Diskurstheorie weniger eine Gesellschaftsbeschreibung entwickelt als vielmehr den Versuch, Subjektivität zu thematisieren und zu differenzieren, kann ihr die grundsätzlich politische Motivation nicht abgesprochen werden. Und ebenso wenig den Gender-Studies, wie sie Butler vorführt. Sie schlägt, vermittelt über Parodie und Ironie, die Haltung der Subversion vor, die innerhalb von revolutionären Bewegungen - man denke zum Beispiel an Comandante Marcos in Chiappas - durchaus Schlagkraft besitzt. Die Gender-Studies selber sind keine soziale Bewegung, wie es etwa der Feminismus war, sondern ein Studium, das in einem spezifischen Sinn Kulturkritik und Kritikkultur betreibt.

Schöpferisches Gegengift

Konstruktion/Dekonstruktion kann als Verfahren gelten, diese Kritik aufzunehmen. Das Begriffspaar verweist auf das Entwerfen und Gestalten, auf den Auf- und Umbau. Sein Thema ist nicht nur die Veränderbarkeit von «Wirklichkeit» via Fakten, sondern die Veränderung der Frage selber. Daraus folgt: Was gemacht worden ist, kann verändert werden. «Weder bringt die Norm das Subjekt als notwendige Wirkung hervor, noch steht es dem Subjekt völlig frei, die Norm zu missachten, die seine Reflexion in Gang setzt; jede Handlungsfähigkeit, auch die der Freiheit, steht in Bezug zu einem ermöglichenden und begrenzenden Feld von Zwängen», schreibt Judith Butler («Kritik der ethischen Gewalt», 2003, S. 28). Was sich differenzieren lässt in individuelle, gesellschaftliche, bewusste und unbewusste Zwänge. Es geht um Handlungsmöglichkeiten, also darum, Varianten zu entwickeln, die eine Alternative zu den Vorgaben bilden, und das ist immer auch eine Frage von Identität und Macht, wie sie im Kontext der Vorgaben erscheint. Die Betonung liegt auf den Unterschieden, dem Unterscheiden, der Hervorbringung des Unterschiedes, und der Zweck besteht darin, diesem Prozess des Unterscheidens (Differenz) Ort und Raum (Darstellung und Sichtbarkeit) zu schaffen. Solches Handeln kann sich nicht auf das «Ganze» richten wie der utopische Entwurf, das hiesse, das Handeln zu instrumentalisieren. Handlungen geschehen situativ und kontextuell, besonders wenn sie innovativ sein wollen. Ihre visionäre Kraft entwickeln sie in der Intensität, mit der sie geschehen. Entscheidend für das Verfahren Konstruktion/ Dekonstruktion innerhalb der Gender-Studies ist gerade die Verhinderung von Ideologie und Fundamentalismus durch die Entwicklung eines Gegenmodells oder einer Art von schöpferischem Gegengift.

Ambivalenz des Dazwischen

Das aufklärerische Postulat der Selbstbestimmung, der Subjektentwurf der Moderne, hat suggerieren können, es gebe ein Ausserhalb, von wo aus Widerspruch und Widerstand entwickelt werden könnten. Die heutige Herausforderung ist die Arbeit innerhalb der Gegebenheit, im Verzicht auf das utopische Ausserhalb, aber nicht ohne nach Veränderbarkeit zu trachten. In diesem Kontext mag der Begriff der Ambivalenz jene Lesarten eröffnen, die für eine «Strategie der Gleichzeitigkeit» relevant sein können.

Ambivalenz wird hier also mit Unentscheidbarkeit übersetzt, was nicht Abstinenz bedeuten soll. Ambivalenz formuliert ein Dazwischen, das sich vom Entweder/Oder, Weder/Noch entfernt und ein Sowohl-als-auch einbringt, und damit Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit fordert. Denn: Machtausübung und Machterleiden müssen sich nicht notwendigerweise ausschliessen. Der Kontext, die Situation entscheidet über die Ausrichtung und eröffnet möglicherweise jenes Handeln, das Theodor W. Adorno unter «produktivem Widerspruch» verstand.

Die Flexibilität (nach Richard Sennett) könnte eventuell auch dazu dienen, dem viel gepriesenen neoliberalen Markt das Futter zu entziehen, statt es ihm zu liefern, doch kann sie ebenso wenig als Diktat gemeint sein wie die Gender-Theorie. Ausserdem hat der Markt zu jeder Zeit das Subjekt, ob flexibel oder stabil, ausgeweidet und gefressen, denn der Markt ist älter als der Neoliberalismus. Aus der Sprache der Ökonomie könnte ebenso die foucaultsche «Selbsttechnologie» als Selbstmanagement entstehen, also die Ich-AG mit dem Leitsatz: «Regiere dich selbst!» Hierarchie in der Arbeitswelt aufheben und dezentralisierte Netzwerke bilden, das wäre das aktuelle wirtschaftliche Credo. Fluide Subjekte für fluide Märkte oder auch «managing diversity». Das neue Modell von Fiat heisst Multipla.

Kann ein Label aber ein Argument dagegen sein, Flexibilität anders und besser zu nutzen? Flexibilität könnte ja auch Handlungspotenzial bedeuten, nutzbar für eine kreative Anwendung. Die «Gouvernementalitätsstudien» Foucaults, auf die sich der kritische Einwand von Tove Soiland gegen die Gender-Studies bezieht, sind ja gleichermassen in die neoliberale Variante des Marktes eingegangen. Eigenverantwortung und Selbstsorge werden dabei als geschlechtsneutrales Konzept angeboten, um zu einer Neuauflage von Individuierungspraxis zu werden, die dann allerdings wiederum das autonome Subjekt der Moderne bestätigt, und was wäre das anderes als das männliche (siehe Katharina Pühl, Susanne Schulz, 2001).

Ich möchte behaupten, dass die neue Generation mit Flexibilität anders umzugehen weiss, weil sie in der heterogenen, multiplen Wirklichkeit neue Möglichkeiten der Entfaltung erkennt, die sich für die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen interessiert. Ganz abgesehen davon, dass das Konzept der multiplen Identitäten die Brüchigkeit der klassischen Begriffe von Nation, Klasse, Rasse verdeutlicht hat, bezeichnet es positiv, dass sich Individuation aus verschiedenen Bezügen und Verortungen erschliesst, von denen different Gebrauch gemacht werden kann, insbesondere in der Konfrontation der Kulturen (man denke etwa an ein dunkelhäutiges Gesicht, aus dem ein breites Züridüütsch spricht).

Die Frage bleibt, wie mit Unsicherheiten umzugehen ist, angesichts des Falls eines Kultur- und Gesellschaftsverständnisses, das Sicherheit anzubieten vorgab und, solange der Sozialstaat währte, diese teilweise auch einzuhalten vermochte. Wie können die Unterschiede, Verschiedenheiten, Flexibilitäten jenseits von Vereinnahmung, Missbrauch, Hierarchisierung in der heutigen Gesellschaft Raum gewinnen, als ein «in between space» (Homi Bhabha, 1994)? Und wie können Gleichzeitigkeit und Vielstimmigkeit ein Handeln motivieren, das politisch ist im Sinne von Einflussnahme, Einmischung? Im Bewusstsein, dass die plakative Subversion von einer agilen Marktstrategie stets vereinnahmt und zur eigenen Optimierung verwendet wird? Die Genderforschung ist also zweifellos mit der Aufforderung konfrontiert, den paradoxen Zusammenhang von Flexibilität und Stabilität der Geschlechterordnung zu diskutieren, sprich: «doing gender» und «undoing gender» wahrzunehmen.

Für ein Leben in der Schwebe

Die Gender-Studies, eine vergleichsweise junge Wissenschaft, haben sich zur Aufgabe gemacht, die nach wie vor bestehende Geschlechterhierarchie in Theorie und Praxis kritisch aufzunehmen und sie zu einem Forschungsgegenstand mit praktischen Anwendungsmöglichkeiten zu machen. Innerhalb von Bildungsinstitutionen sollen sie eine Ausbildung ermöglichen und Kompetenzen vermitteln, die eine berufliche Praxis eröffnen. Sie schliessen sich damit dem wissenschaftlichen Standort an, wie er zunächst in den Geistes- und Kulturwissenschaften ebenso erkundet wurde wie die feministischen Studien. Von diesen unterscheiden sich die Gender-Studies zwar in spezifischen Fragestellungen, sie können sie aber durchaus als Forschungsfeld einschliessen, ebenso wie die Queer-Theorien, postkolonialen Theorien oder Medientheorien, woraus eine fruchtbare Interdisziplinarität entstehen soll. Die kulturwissenschaftlich orientierten Gender-Studies, wie sie die HGK Zürich anbietet, legen den Fokus auf die Analyse der «Visuellen Kultur», auf deren Medien und ihre Kommunikation. Sprache und Bilder reagieren auf Machtverhältnisse, sie transferieren sie durch Darstellung, sie bringen sie nicht, wie Soiland moniert, selber hervor. Geschlecht als soziale (sozioökonomische) Strukturkategorie fungiert dabei höchst wirksam als Platzanweiserin.

Es kann jedoch von einer Ausbildung höchstens verlangt werden, dass sie Methoden und Verfahrensweisen bereitstellt, die von der Veränderbarkeit durch Kritik ausgeht, und so Veränderung von Wissen ermöglichen. Eine soziale oder gar politökonomische Bewegung kann sie nicht sein. Weil Ausbildung Vermittlung ist, nicht Vorschrift oder Anleitung. Diese will mit Gender-Studies ein umfassendes Spektrum von Handlungsräumen eröffnen, die für ein derzeitiges und künftiges «Leben in der Schwebe» produktiv sein sollte.


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