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Gender-Debatte in Buchform: «Hand aufs dekonstruierte Herz»

Sprechen Sie Gender?

Annette Hug

Können sich Spezialistinnen in Gender-Studies und feministische Aktivistinnen überhaupt noch miteinander unterhalten? Aktuelle Verständigungsversuche geben Anlass zu Hoffnung.

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass wir uns mit dem völligen Auseinanderfallen der Realität zufrieden geben müssen, einem nicht mehr rückbindbaren Pluralismus, in dem jede ‘ihrs’ denkt und macht und jeder ‘seins’.» Kurz bevor sich Claudia Koppert diesen Satz selber glaubte, hat sie zusammen mit Beate Selders einen Verständigungsversuch in Buchform herausgebracht. «Hand aufs dekonstruierte Herz» heisst der schmale Band, und der Titel gibt auch schon die Methode bekannt: Ganz persönlich soll gesprochen werden.

Angesichts des Grabens zwischen DekonstruktivistInnen und jenen, die von diesen Theorien nichts wissen wollen, greifen die Herausgeberinnen auf eine Tradition der neuen Frauenbewegung zurück und setzen bei den subjektiven Erlebnissen an. «Politik in der ersten Person» zu betreiben, war einer der wichtigsten Ansprüche der Bewegung, Frauen sollten sich als die Expertinnen für das eigene Leben und seine Bedingungen etablieren. Heute, da sich diese Bewegung zunehmend aufsplittert, haben sich sieben Autorinnen vorgenommen, von eigenen Erfahrungen auszugehen und sich damit einer Sprache anzunähern, die den Graben zwischen den verschiedenen Theorie- und Politiksprachen überbrückt.

Bei diesem Versuch tauchen allerdings auch die meisten Verständigungsschwierigkeiten auf, die Diskussionen in den vergangenen Jahren so kompliziert gemacht haben. Zum Beispiel läuft das oft wiederholte Argument, dekonstruktivistische Positionen zielten an den «realen Problemen» oder «sozialen Wirklichkeiten» der meisten Frauen vorbei, immer noch ins Leere. Denn gerade die Frage, wessen Wirklichkeit und welche Art der Probleme als real und damit relevant gelten, ist in der dekonstruktivistischen Diskussion zentral. Dekonstruktivismus geht davon aus, dass keine wahren Aussagen über die materielle Wirklichkeit, zum Beispiel über den Körper, gemacht werden können. Das heisst nicht, dass es diesen Körper nicht gibt, aber jede Aussage darüber ist eine sprachliche Konstruktion und damit in gesellschaftliche Machtverhältnisse verstrickt. Die Frage ist in dieser Logik nicht, was «real» und damit «wahr» ist, sondern wer welche «Realität» konstruiert und was diese Konstruktion bewirkt.

Neue weibliche Lebensentwürfe

«B. will weniger arbeiten und sich seelisch noch etwas entwickeln (...), M. bereitet nach x Jahren in verschiedenen Frauenprojekten den Durchstart im ersten Arbeitsmarkt vor; A. macht ihre Habilitation über ein Thema, das sie hochspannend findet, mir aber leider nicht erklären kann; F. will ein zweites Kind ...», so beschreibt Koppert ihren Freundinnenkreis und damit die Situation einer Bewegung, die nicht mehr in Kollektiven funktioniert. Die unter anderem von Judith Butler formulierte These, dass der biologische wie auch der politische Begriff «Frau» eine Konstruktion sei, die immer auch Lebensmöglichkeiten verwirft, erscheint in Kopperts Artikeln als etwas Neues, das mit der Frauenbewegung, die ihr verloren gegangen ist, auf den ersten Blick nichts mehr zu tun hat.

Auf den zweiten Blick erkennt die Autorin altbekannte Probleme, zum Beispiel die Spannung zwischen der Forderung nach individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und der politischen Notwendigkeit des Kollektivs. Aber die neuen Ansätze bringen sie in Bezug auf diese Probleme nicht weiter. Dagegen fordert sie einerseits eine Analyse der Frauenbewegung als Teil einer übergeordneten, sozioökonomischen Entwicklung in Richtung Individualisierung und Flexibilisierung, andererseits kommt sie auf die Realitäten zu sprechen, die ihrer Meinung nach jeder gesellschaftlichen und sprachlichen Konstruktion vorausgehen: die Geburt, die Situationen des körperlichen Ausgeliefertseins, der Tod, die Tatsache, dass Frauen die Kinder gebären. Und damit gelangt sie zu ihrer Grundkritik an Butler: Sie stelle sich diesen Voraussetzungen nicht, sondern biete eine intellektuelle Scheinfreiheit an, indem sie alles als Konstruktion behandle.

Patricia Purtschert erzählt eine ganz andere Geschichte. In den neunziger Jahren erwachsen und feministisch geworden, stiess sie zu einer Frauenbewegung, die ihren Höhepunkt überschritten hatte. «Die ehemalige Stärke des Feminismus, seine waghalsigen Projekte, die stürmischen Widerstandsbewegungen und die visionären Aufbrüche waren immer schon vorbei. Obwohl sie sich mit eigenen persönlichen Aufbrüchen, Oppositionen und Visionen mischten.»

Auf gesetzlicher Ebene war die Gleichstellung erkämpft worden, im Bildungsbereich die Koedukation durchgesetzt. Junge

Frauen hatten mehr Möglichkeiten als ihre Mütter, Berufe zu lernen und auszuüben. Doch viele nützten sie nicht, und die Geschlechterverhältnisse in den politischen und ökonomischen Machtgremien blieben eigenartig starr. «Das Projekt einer schönen neuen Geschlechterordnung war auf die Trägheit der politischen, gesellschaftlichen und unternehmerischen Strukturen gestossen. Die angestrebten Veränderungen ereigneten sich nicht nur in einem langsamen Tempo, sondern nahmen auch ungeplante Wendungen. Damit begannen feministische Gewissheiten zu schwinden. Das Opferparadigma drohte vom analytischen Befreiungsinstrument zum Denktabu zu werden. Die Begrenztheit eines einfachen Analysemusters, das von männlichen Tätern und weiblichen Opfern ausgeht, verlangte nach alternativen Erklärungsmodellen.»

Das Private ist politisch

Für Purtschert standen Frauen ihrer Generation vor der Herausforderung, in einer Zeit «postideologischer Ernüchterung» grosse Ziele in einem widersprüchlichen Alltag umzusetzen und dabei auch auf die eigenen Widersprüchlichkeiten und Grenzen zu stossen. Butlers Vorstellung, dass auch das Intimste - die eigene Geschlechtsidentität - eine Konstruktion innerhalb gesellschaftlicher Machtdispositive sei, eine Norm, die man wiederholen muss, um verständlich und gesellschaftsfähig zu sein, befreite von bewegungspolitischen Moralvorstellungen. Denn im Zwang, Normen zu wiederholen, wird das Verfehlen der exakten Wiederholung interessant.

Es konnte in dieser Art zu denken nicht mehr Ziel sein, zur perfekten, befreiten Frau zu werden, vielmehr wurde es interessant, den traditionellen, den modernen wie auch den feministischen Vorstellungen davon, wie Frauen sein sollten, nicht zu genügen. Die «Kombinatorik» von Biofood und Bigmac, Minirock und Lederhosen, Demo und Rave wurde interessant. Dabei beschreibt Purtschert nicht das viel getadelte Spiel mit Geschlechtsrollen, das als Revolution verkauft werde, sondern den Versuch, in Anerkennung der Schwierigkeit grundsätzlicher Veränderung eine Lust an kleinen Veränderungen beizubehalten. Das führt sie zur Frage: «Warum sollte jener Feminismus, der das Private zum Politischen erklärt hat, der Umsetzung im Privaten nun das Politische absprechen?»

Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich vielleicht aus den Überlegungen zur Anwendung der Dekonstruktion in politischen Organisationen. Das, was Butler theoretisch herleitet, beschreibt Purtschert als Erfahrung jüngerer Frauen, die spät zur Frauenbewegung gestossen sind. Dazugehören hiess auch, vorgegebene Ausschlüsse mitzumachen. Wie ging frau zum Beispiel in einer lesbischen Subkultur mit der eigenen, heterosexuellen Vergangenheit um, wenn sie sie nicht zur «Vorstufe» degradieren wollte?

Die eigenen Erfahrungen, dekonstruktivistisch reflektiert, haben Purtschert zur Einsicht geführt, dass «neue Denkmodelle nicht nur aufklärenden und emanzipatorischen Anliegen zum Durchbruch verhelfen, sondern auch ausschliessende Wirkungen zeitigen. Damit wird es notwendig, auch jene Vorstellungen der Kritik zu unterziehen, die uns zu Freiheit verhelfen, und das heisst: gerade jene Vorstellungen, die uns lieb sind.» Sie entwirft die Vision eines offenen, undogmatischen, radikal demokratischen Feminismus, der seine eigenen Grenzen und Ausschlüsse beweglich hält und Solidarität nicht auf jene beschränkt, die schon dazugehören.

Dieser Vision steht eine Realität entgegen, die Purtschert ebenfalls andeutet, aber selbst nicht als Hindernis für ihre Vision bewertet. Die Frauenbewegung hat sich einerseits in Gleichstellungsbüros, Gender-Studies-Lehrstühlen und sozialen Einrichtungen institutionalisiert. Anderseits besteht sie in Form informeller Netzwerke, internationaler Dachorganisationen und feministischer Einsprengsel in der Antiglobalisierungsbewegung fort. Feministinnen bewegen sich also zunehmend in hierarchischen Institutionen oder in informellen Netzwerken, die sich gerade dadurch auszeichnen, dass nur dazugehört, wer eben dazugehört. Wo also ist der politische Ort, wo die neuen, radikal-demokratischen Visionen umgesetzt werden?

María do Mar Castro Varela plädiert in ihrem anregenden Beitrag für eine feministische Selbstkritik im Sinne der Dekonstruktion, aber auch für eine Repolitisierung des utopischen Denkens. Dabei weist sie auf einige Voraussetzungen von Politik hin: dass Leute sich einander verständlich machen können, Rechenschaft ablegen über das, was sie im Namen einer Vielzahl von Menschen tun. In einer Zeit, in der feministische Theoriebildung hauptsächlich an Universitäten unter dem Label Gender-Studies betrieben wird, stellt sich die Frage der Sprache mit neuer Brisanz. Die Frage: Wer will von wem verstanden werden? Was ist vom Anspruch der Politik in der ersten Person geblieben?

Do Mar erinnert an Audre Lorde, bell hooks und Gloria Anzaldua, für die es zentral war, sich zu fragen, wer das lesen würde, was sie schreiben, und ob es auch Frauen sein würden, die von bestimmtem Wissen ausgeschlossen wurden und deren Wissen und Können disqualifiziert wurde. «Die Forderungen, die an Intellektuelle gestellt werden, kommen von einem Ausserhalb der Institutionen», schreibt sie, und wie bei Purtschert stellt sich beim Lesen die Frage, wie sich dieses «Ausserhalb» politisch organisiert.

In einem sind sich die Herausgeberinnen, Patricia Purtschert und María do Mar Castro Varela einig: Die feministische Theorie braucht eine neue Hinwendung zum Ökonomischen. Diese überraschende Einmütigkeit verstärkt den Eindruck, dass sich die Autorinnen in den Kulissen eines Stücks bewegen, das schon zu oft gespielt wurde. Die Butler-Debatte könnte langsam abgesetzt werden, denn die Verständigungs- und Kombinationsversuche zwischen Dekonstruktion und Ansätzen in der Tradition der kritischen Theorie werden immer zahlreicher. Nicht zufällig zitieren verschiedene Autorinnen Nancy Fraser, die in minuziöser Denk- und Forschungsarbeit die Herausforderungen unterschiedlicher feministischer Ansätze aufnimmt und ihre konkreten Konsequenzen für eine feministische Politik des Sozialstaates untersucht.


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«Hand aufs dekonstruierte Herz»

Koppert, Claudia / Selders, Beate

Ulrike Helmer Verlag, 2003

160 Seiten, Fr. 23.80

Inhalt Dossier «Feminismus versus Gender»

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