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Malen in Bagdad
Soldaten in Öl
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Die Fassaden der irakischen Hauptstadt verschwinden hinter Mauern. Und findige Vermittler verschaffen den MalerInnen unerwartete Kundschaft.
Jeden Morgen steigen in Bagdad zwei US-amerikanische Apache-Helikopter dicht über der «Grünen Zone» auf und scheuchen die verschlafenen Krähen aus ihren Nachtlagern in den Johannisbrotbäumen am Tigrisufer. Die Helikopter umkreisen die «Grüne Zone» entlang dem neuen Schutzwall, einer bis zu vier Meter hohen Betonmauer, die die Amerikaner in monatelanger Arbeit zum Schutz dieses Hochsicherheitsgebietes im Zentrum Bagdads errichten liessen. Wenn Dia, ein Mitarbeiter im Elektrizitätsministerium, die Abu-Nawas-Strasse entlangfährt, schweift sein Blick auf die andere Flussseite. «Unter Saddam hat es das nicht gegeben», murmelt er. Die Zeit vergeht - an manchen Stellen ist schon das dichte Uferdickicht über den Schutzwall gewachsen.
Die Mauern vor dem Palasteingang, dem Erdölministerium und vor dem Fussballstadion irritieren die EinwohnerInnen von Bagdad. Hotels sind von Mauern umgeben, Strassen werden von Mauern geteilt, auch um ausländische Botschaften herum stehen Betonwälle. Von manchen Häusern kann man nur noch die Dachspitze erkennen. Mauern, wohin das Auge blickt. Die französische Botschaft immerhin hatte eine gute Idee: Sie liess KunststudentInnen von der Bagdader Akademie der Schönen Künste ihren Wall verschönern. Im farbenfrohen Grossformat zieren nun Szenen aus der mesopotamischen Geschichte und dem irakischen Alltagsleben die Mauern. Die typischen irakischen Stadthäuser, die Schenaschilhäuser, mit ihren charakteristischen schmalen Erkern aus Holz sind ebenso zu sehen wie Feen und Geister. Die Wärter in dem Häuschen gegenüber der Mauer finden es zwar schön, nicht mehr gegen grauen Beton zu starren, doch lieber sähen sie es, wenn die Mauern ganz verschwänden.
Nun sind die MalerInnen wieder in ihren kleinen Werkstätten im Stadtteil Karrada verschwunden, wo sie auf Kundschaft warten. Ihre Kopien von Werken von Klassikern wie Renoir oder Caspar David Friedrich verstauben, weil die ausländischen KundInnen ausbleiben. «Früher haben die Uno-Leute bei uns gekauft», sagt Bassim al-Kindi, der seine Bilder in seiner eigenen kleinen Galerie ausstellt. Der Strom ist mal wieder ausgefallen und damit auch die Klimaanlage. Schwitzend steigt er über eine schmale Treppe ins Obergeschoss. «Manchmal kommen ausländische Geschäftsleute oder Journalisten zu uns. Doch oft sitzen wir tagelang, ohne ein Bild zu verkaufen.»
Al-Muhan aus Kut hat da mehr Glück. Der Auftragsmaler teilt sich mit seinem Kollegen Salih Hamsawi eine Werkstatt. Früher malte al-Muhan jagende oder grasende Pferde, idyllische Flusslandschaften oder Strassenszenen aus Kurdistan, zügig und gekonnt, manchmal bis zu vier Bilder am Tag. «Heute sind andere Motive gefragt», sagt er und zeigt lachend ein Foto. Ein pausbäckiger hellhäutiger Mann mit einem Lorbeerkranz um den Kopf hält in seinem Arm eine strahlende, blonde junge Frau. In deren Locken sind bunte Blüten, um den Hals trägt sie eine Blumenkette. Al-Muhan kopiert das Foto - in Öl auf Leinwand. Es ist das Porträt eines amerikanischen Soldaten und seiner Frau in den Flitterwochen. Das neue Geschäft geht gut, sagt der Künstler. Ein grosses Bild, vierzig mal achtzig Zentimeter, kostet dreissig US-Dollar. Die Soldaten lassen ihre Fotos in die Werkstatt bringen, und tags darauf ist das Ölporträt fertig. Entdeckt hat das Geschäft ein findiger Übersetzer, inzwischen bieten viele diesen Service an und kassieren gut dabei. Wenn das Gemälde den Abnehmer erreicht, hat der Preis sich mit sechzig Dollar bereits verdoppelt. «Es ist ein gutes Geschäft», sagt Salih Hamsawi.
WOZ vom 15.07.2004
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