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Die Schlacht um Nadschaf
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Seit letzter Woche kämpfen US-Truppen und offizielle irakische Einheiten gegen die Miliz von Muktada as-Sadr. Die Regierung von Ijad Allawi kämpft auch um ihre Legitimität.
In den Kampfpausen zeigt sich die Verwüstung. Vor allem die Altstadt von Nadschaf ist wie ausgestorben, die Geschäfte bleiben geschlossen. Die wenigen, die sich auf die Strasse trauen, räumen den Schutt weg, anscheinend unbeeindruckt vom Gefechtslärm in der Nähe. Sie versuchen, die im Chaos drohenden Plünderungen zu verhindern. Die Telefonleitungen und die Strom- und Wasserversorgung sind unterbrochen. Nach den tagelangen Kämpfen sind viele EinwohnerInnen aus der Innenstadt Nadschafs geflohen, zu Verwandten in ruhigeren Quartieren oder in anderen Städten. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist unbekannt, das irakische Gesundheitsministerium sah sich nicht in der Lage, entsprechende Angaben zu machen. Die US-Truppen gaben bekannt, sie hätten mehr als 300 Kämpfer getötet.
Wer die Schlacht um Nadschaf begonnen hat, bleibt vorderhand unklar. US-Militärs sagten, ihre Truppen seien am letzten Donnerstag vom Gouverneur von Nadschaf zu Hilfe gerufen worden, als Milizionäre eine Polizeistation in der Altstadt angegriffen hätten. Ahmed asch-Schaibani hingegen, ein Sprecher des schiitischen Klerikers Muktada as-Sadr, beschuldigte die US-Truppen, das Haus as-Sadrs umzingelt zu haben. Zu den heftigsten Kämpfen kam es auf dem riesigen Friedhof Wadi as-Salam. Die Milizionäre von as-Sadr mussten den Friedhof schliesslich räumen. Die Marines gaben an, grosse Waffenvorräte gefunden zu haben. As-Sadrs Kämpfer sollen aus den Gewölben heraus gekämpft und den Friedhof auch vermint haben.
Im Kampf um Nadschaf wird sich zeigen, ob Ministerpräsident Ijad Allawi und seine Übergangsregierung die Unterstützung der Mehrheit der irakischen SchiitInnen gewinnen können - oder ob sie einen womöglich entscheidenden Rückschlag einstecken müssen. Die meisten der schiitischen Persönlichkeiten und Parteien haben sich zwar gegen die Anwesenheit und das Verhalten der Sadr-Milizen in Nadschaf ausgesprochen, aber gleichzeitig zeigten sie sich verärgert über das militärische Vorgehen der US-Truppen und der Übergangsregierung.
Der Schiitische Politische Rat drohte gar, die bevorstehende Nationale Konferenz zu boykottieren, sollte der Konflikt mit as-Sadr nicht friedlich gelöst werden. Er verurteilte die militärische Eskalation durch die multinationalen Truppen und bezeichnete diese als Besatzungstruppen. Der Rat forderte sie auf, ihre Operationen zu beenden und den vorher geltenden Waffenstillstand wieder einzuhalten. Und sogar Ibrahim Dschaafari, der Anführer der schiitischen Dawa-Partei und einer der Vizepräsidenten der Übergangsregierung, rief die ausländischen Truppen auf, Nadschaf zu verlassen. Die regulären irakischen Kräfte könnten in dieser allen Muslimen heiligen Stadt die Gewalt alleine beenden.
In Bagdad setzen Vertreter von as-Sadr derweil auf die Uno. Am Samstag kamen sie mit dem Uno-Repräsentanten Jamal Benomar zusammen, der - gemeinsam mit einigen hochrangigen Irakern - einen Waffenstillstand zu vermitteln versucht. Benomar gab bekannt, dass as-Sadrs Gesandte eine Verhandlungslösung wollten. «Kurz gesagt: Sie möchten mit der Regierung zusammenkommen und eine Einigung erreichen.» Doch es gibt kaum Anzeichen, dass die Regierung und die US-Kommandanten einen Waffenstillstand akzeptieren werden. Im Gegenteil, die Kämpfe verschärften sich seit Dienstag weiter.
Immerhin scheint Ministerpräsident Ijad Allawi zumindest eine Einigung mit Muktada as-Sadr selber nicht ganz auszuschliessen - trotz des kriegerischen Tonfalls, den er bei seinem überraschenden Besuch in Nadschaf am Wochenende anschlug. Er behilft sich dabei mit einem Trick. Die schwarz gewandeten Kämpfer seien gar nicht Kämpfer von as-Sadr, sagte Allawi, «sie benützen nur seinen Namen». Es seien Kriminelle, die Aufruhr nach Nadschaf gebracht hätten. Von as-Sadr habe er «positive Mitteilungen» erhalten. Die militärischen Operationen richteten sich nicht gegen as-Sadr und dessen Anhänger, und er glaube nicht, dass die Aufständischen zu dessen Mehdi-Armee gehörten - diese Aussage Allawis verärgerte aber das Umfeld as-Sadrs gehörig.
Ein Slum am Rand
Muktada as-Sadrs Kampf gegen Regierung und US-Truppen beschränkt sich nicht auf Nadschaf. Auch Medinat as-Sadr, der schiitische Zwei-Millionen-Slum bei Bagdad, geriet in Aufruhr. Denn zahlreiche AnhängerInnen von Muktada as-Sadr leben dort. Seine Milizionäre versuchen mit Waffengewalt, den Slum zu kontrollieren und die Regierung weiter unter Druck zu setzen. Die Behörden reagierten ebenfalls mit Gewalt, sie verhängten eine tägliche Ausgangssperre von sechzehn Uhr bis acht Uhr. Doch das verwandelte Medinat as-Sadr nur in einen gespenstischen, umkämpften, abgeriegelten Albtraum. Tal des Todes nennen die BewohnerInnen ihren Stadtteil mittlerweile. Die Kämpfer von Muktada as-Sadrs Mehdi-Armee platzierten Sprengsätze im ganzen Viertel. Das riegelt Medinat as-Sadr noch mehr ab; es ist schwierig, hinein- und hinauszugelangen. Auch wir kommen nur an den Stadtrand. Die alten Häuser wurden längst nicht mehr renoviert und sind in schäbigem Zustand. Manchen droht der Einsturz, wenn sie von einer einzigen Kugel getroffen werden. Abbas Jassin wohnt hier; wir schaffen es, miteinander zu reden. «Seit sechs Tagen habe ich nicht mehr geschlafen», sagt er. «Die Nächte waren taghell wegen der Explosionen und Gefechte.» Jassin brachte seine Familie in ein ruhigeres Viertel, doch die Kämpfe holten sie auch dort ein. Ein Milizionär ganz in Schwarz kommt hinzu. «Ich bin von der Mehdi-Armee, und ich werde bis zum Ende kämpfen», lässt er uns wissen. «Wir können nicht mehr länger hinnehmen, was läuft. Und wir werden unsere Vertreter in eine gewählte Regierung bringen.» «Sehen Sie, nur darum geht es», sagt ein anderer Bewohner der Häuser am Rande des «Tals des Todes»: «Wer darf die Mehdi-Armee und as-Sadr in der Nationalen Konferenz vertreten? Und dafür töten sie reihenweise Unschuldige.» Alle Unbewaffneten, die sich am Gespräch beteiligen, klagen aber auch die Regierung an. Sie unternehme nichts gegen die Sprengsätze, gegen den Terror. Und vor allem sei nichts davon zu bemerken, dass sie sich um die Verbesserung der Lebensumstände in Medinat as-Sadr bemühe. «Sie muss sich beeilen, wenn sie unser Viertel retten will», sagt Ala'a Ibrahim, der am Stadtrand wartet und nicht mehr in den Slum hinein kann.
WOZ vom 12.08.2004
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