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Irak/Polen
Keiner hat gefragt
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Im Irak, wo polnische Truppen an der Seite der US-Armee stehen, sind bisher siebzehn Polen umgekommen. Nun wächst in Polen der Unmut.
Andrzej Andrzejczak kann sein Unglück nur schwer in Worte fassen: «Die Armee ist nicht schuld. Aber die Regierung. Sie hat die Jungs in diesen Krieg geschickt. Was für ein Krieg ist das? Hat denn jemand Polen angegriffen? Jetzt sind wir selbst Mörder geworden.» Immer wieder wischt sich Andrzejczak die Tränen aus dem Gesicht, seine Rede stockt.
Vor einem Monat ist sein Sohn Krystian als zehnter polnischer Soldat bei einem irakischen Überfall ums Leben gekommen.
Insgesamt haben seit dem Beginn des polnischen Einsatzes siebzehn Polen im Irak ihr Leben gelassen, neben dreizehn Armeeangehörigen auch zwei frühere Mitglieder der Sondereinheit «Grom», die als Bodyguards für eine US-Firma arbeiteten, sowie zwei Fernsehjournalisten.
Mit jedem der Toten hat sich in Polen die Stimmung verändert - gaben zu Beginn der polnischen Präsenz im Irak die BefürworterInnen den Ton in der öffentlichen Debatte an, während die Mehrheit der Bevölkerung gleichgültig schwieg, ist es nun umgekehrt. Selbst das politische Establishment denkt an den Rückzug oder zumindest an eine Truppenreduktion.
Am weitesten vorgewagt hat sich bislang die Bauernpartei PSL. Sie sammelt bereits Unterschriften für einen vollständigen Abzug der polnischen Soldaten aus dem Irak. Mehrere Millionen davon will Parteichef Janusz Wojciechowski zusammenbringen. Kein unrealistisches Ziel: Von den rund 38 Millionen PolInnen sind einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CBOS zufolge 73 Prozent gegen den Irakeinsatz. Wojciechowski kann daher für sich in Anspruch nehmen, als einer der Ersten öffentlich ausgesprochen zu haben, was die Mehrheit so oder so ähnlich denkt: «Das ist ein schmutziger Krieg, ein Krieg ohne jegliche moralische Berechtigung. Die Besatzerrolle widerspricht unserer nationalen Tradition.»
In der Warschauer Innenstadt, sonst nicht gerade eine Hochburg der Bauernpartei, fällt der Aufruf auf überraschend fruchtbaren Boden. AktivistInnen, die Unterschriften sammeln, treffen auf viele Interessierte. Manche lassen es sich nicht nehmen, auf die Unterschriftenliste einen zusätzlichen Kommentar zu setzen. «Schluss mit dem Mord an polnischen Jungs», «das ist nicht unser Krieg», «Schluss mit der Liebdienerei für die USA».
Den Rückzug befürworten neben der Bauernpartei inzwischen auch die rechtsnationale Liga der polnischen Familien LPR und die populistische Partei der Selbstverteidigung von Andrzej Lepper. Doch selbst in der regierenden Linkskoalition von Marek Belka sind Stimmen für einen Rückzug längst unüberhörbar. Am deutlichsten artikuliert das wachsende Unbehagen Izabela Jaruga-Nowacka von der kleinen Union der Arbeit, immerhin stellvertretende Regierungschefin: «Ich finde, dass die Unterschriftensammlung der Bauernpartei eine gute Aktion ist. Die Union der Arbeit war von Beginn an gegen diesen Krieg.»
Das scheint in diesem Herbst das modische Credo unter Polens PolitikerInnen zu sein: Mich hat zu Irak keiner gefragt, ich war ja immer schon dagegen. So argumentiert jedenfalls Parlamentspräsident Jozef Oleksy vom regierenden Bündnis der demokratischen Linken SLD: «Der Entschluss für den Irakeinsatz wurde von der Regierung gefasst, nicht von der Partei.»
Und selbst Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski, dem das polnische Kontingent im Irak untersteht, scheint sich seiner eigenen Meinung nicht mehr ganz sicher zu sein und kündigt unisono mit Präsident Aleksander Kwasniewski eine «bedeutende Reduktion des polnischen Kontingents» ab 2005 an, um freilich im gleichen Atemzug anzufügen: «Bündnisverpflichtungen, die wir eingegangen sind, haben wir zu erfüllen.»
Die regierende Linkskoalition hat sich mit ihrer bedingungslosen Unterstützung der USA in eine prekäre Lage manövriert: Der erhoffte Durchbruch im Irak ist ausgeblieben, und die blühenden Geschäfte, die Polens Wirtschaft nach dem Krieg am Euphrat hatte machen wollen, gibt es nicht. Überdies zeigten sich die USA bislang weder beim Streit um die Abschaffung der Visumspflicht für polnische BürgerInnen noch bei der versprochenen Unterstützung der polnischen Armee mit schwerem Militärgerät besonders generös.
So richtig zugeben wollte das in Polen allerdings lange niemand. Bis einem Mann der Kragen platzte, der zwar längst im politischen Abseits steht, dafür aber noch nie um eine kernige Formulierung verlegen war: «Mit Amerikanern muss man amerikanisch reden», sagte vor wenigen Wochen der frühere Präsident Lech Walesa. «Man muss mit ihnen Klartext reden, ihnen Rechnungen ausstellen. Wir zahlen heute mit polnischem Blut die Zeche für die Fehler amerikanischer Politiker. Und sie behandeln uns im Gegenzug wie das fünfte Rad am Wagen.» Anfang September zog auch der amtierende Präsident Kwasniewski nach und bemängelte ausgerechnet der «New York Times» gegenüber die Supermachtpolitik der USA. Eine Antwort auf die Frage, ob er die Truppenentsendung in den Irak bereue, verweigerte der Präsident.
Selbst der polnische Boulevard, der sich zu Kriegsbeginn noch hemmungslos in dramatischen Geschichten über die Kämpfe «unserer Helden» erging, druckt inzwischen immer wieder kriegskritische Geschichten. Unlängst titelte eines der Flaggschiffe der polnischen Yellow-Press, der «Super Express»: «Mit Gewalt in den Tod geschickt». Darunter stand die Geschichte eines im Irak getöteten Polen, der, um in der Armee bleiben zu können, seine Zustimmung zu Auslandseinsätzen geben musste - Irak und Afghanistan eingeschlossen.
WOZ vom 23.09.2004
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