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Palästina

Auf dem Weg zur «Islamischen Lösung»

Von Subhi al-Zobaidi

Nach dem israelischen Krieg gegen den Libanon ändert sich auch die politische Landschaft in Palästina.

«Die vielschichtige Perspektive ist grundlegend für jede Darstellung von uns. Staatenlos, enteignet, vereinzelt sind wir oft unfähig, die ‹Wahrheit› unserer Erfahrungen zu erzählen oder ihr Gehör zu verschaffen.» Edward Said, 1986

«After The Last Sky» von Edward Said ist bis heute der einzige palästinensische Fotoessay. Said hat ihn gemeinsam mit dem Fotoessayisten Jean Mohr verfasst. Sie besuchen in diesem Buch verschiedene palästinensische Gemeinschaften in Palästina und der Diaspora. Said webt eine der schönsten Schilderungen, die die Geschichte der PalästinenserInnen erzählen. Er erzählt sie in Fragmenten, in Stückchen, Erinnerungen, Witzen, Situationen, Krankheitsbildern und Leidenschaften. Doch die Geschichte selbst ist nicht schön. Sie hat kein Ende, keine HeldInnen, nur Handlungen und Ungemach.

Das war 1986, ein Jahr bevor die erste palästinensische Intifada begann, und vier Jahre nachdem die israelische Armee in den Libanon einmarschiert war und die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO ins Meer und danach in ihre Zerstreuung getrieben hatte. Das war ein verzweifelter Moment für die PalästinenserInnen - sie waren geschockt, schwach und vereinzelt. Die PLO hatte seit ihren Anfängen in und um Palästina agiert. Jetzt war sie weit weggetrieben worden, nach Tunesien vor allem, und die PalästinenserInnen in Palästina blieben alleine zurück.

Inmitten dieser Ruinen reiste Said von Erinnerungen zur Gegenwart und in die Zukunft, und er erkundete versteckte, heimliche und verborgene palästinensische Leidenschaften und Fähigkeiten. Es ist kein weinerliches Buch über das «verlorene Paradies», sondern ein Schrei in die Gesichter der PalästinenserInnen. Schaut euch an, sagt er uns, schaut, wo ihr angekommen seid. Er schreibt: «Interessieren wir uns für Befreiung? Suchen wir Unabhängigkeit? Wir haben keine herrschende Theorie der palästinensischen Kultur, Geschichte, Gesellschaft; wir können nicht auf ein bestimmendes Bild zurückgreifen (Exodus, Holocaust, langer Marsch); es gibt keinen vollständig zusammenhängenden Diskurs, der uns entspricht, und ich zweifle, ob jemand zu diesem Zeitpunkt einen solchen Diskurs entwerfen könnte, ob wir ihm entsprechen würden. Verschiedenartig enthalten die Räume hier und dort die Vergangenheit, doch sie ergründen sie nicht. Sie zeigen ein Bauen ohne Ziel in einem nicht erforschten und nur zum Teil ausgemessenen Gelände. Ohne Zentrum. Atonal.»

Heute, zwanzig Jahre nachdem Said diesen Essay geschrieben hat, dreizehn Jahre nachdem die israelisch-palästinensischen Oslo-Verträge unterzeichnet worden sind, ein Jahr nachdem der PLO-Vorsitzende Jassir Arafat gestorben ist, fünf Monate nachdem die islamisch-konservative Hamasbewegung die palästinensische Parlamentswahl gewonnen hat, zwei Wochen nachdem Israel den gewählten palästinensischen Parlamentsvorsitzenden entführt hat und einige Tage nach der letzten israelischen Invasion in den Libanon, sind wir PalästinenserInnen in einer noch schlechteren Lage. Gemäss einem Bericht der Weltbank vom Mai dieses Jahres werden in den palästinensischen Gebieten bis im Jahr 2008 44 Prozent der Menschen arm sein. Die israelische Trennmauer reduziert das den PalästinenserInnen vom ursprünglichen Palästina verbleibende Land auf 22 Prozent. Gasa ist ein einziges grosses Gefängnis, und die Westbank ist in drei eingezäunte Ghettos zerstückelt.

Zu dieser düsteren Lage kommt hinzu, dass die PalästinenserInnen gespalten und orientierungslos sind. Die historische nationale Führung ist gestürzt - in ein einziges grosses Scheitern, genannt die Oslo-Abkommen. Der Aufstieg der Hamas bezeugt dies. Wir erleben den Tod von Oslo, den Niedergang jener, die diesen Deal abgeschlossen haben. Die Parlamentswahl hat das bewiesen: Sie brachte die Niederlage der nationalistischen Bewegung und den Sieg der «Islamischen Lösung».

Nach dem Auftritt der Hisbollah im jüngsten Krieg sieht sich die Hamas als Siegerin. Die Selbstgerechtigkeit der Hamas hat sich noch verstärkt; es fällt ihr noch schwerer, andere zu respektieren, politisch wie ideologisch wie praktisch. Für die Hamas gibt es nur die Hamas. Die anderen palästinensischen Fraktionen, vor allem die Fatah von Präsident Mahmud Abbas, sind nur Hindernisse auf ihrem Weg zum bevorstehenden, von Gott geschenkten Sieg.

Und wir anderen PalästinenserInnen? Ein Freund sagte mir: «Es ist, wie in einem Kino einen schlechten Film zu sehen. Du willst raus, doch die Ausgänge sind geschlossen. Du hast keine Wahl: Du musst den Film anschauen.» In diesem Film gibt es keine «passiven» ZuschauerInnen. Jeder und jede ZuschauerIn ist Teil des Films.



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