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Palästina

Mutanten, Illegale, Tote

Von Daniel Ryser, Ramallah

Schikanen an den Checkpoints, plattgemachte Häuser, enteignete Olivenbäume und jetzt noch der Bruderkrieg. Unterwegs zwischen Hebron und Ramallah.

«Die Besatzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.»
Vierte Genfer Konvention

«When they kick at your front door, how you gonna come?
With your hands on your head or on the trigger of your gun?»
The Clash: «Guns of Brixton»

Auch die Appelle von Mustafa ­Barguti, Informationschef der Palästinensischen Autonomiebehörde, konnten die Eskalation nicht verhindern. Er kam unangekündigt an eine Veranstaltung, an der ich auch war, es war Mittag und heiss und ältere Männer hatten gegen die Mauer demonstriert, die Mauer, die nicht einfach nur die 300 Kilometer lange Grenzlinie entlang geht, dann wäre sie ja nur 300 Kilometer lang, sondern quer durch das Westjordanland, entlang all den illegal erstellten Siedlungen Israels, und deswegen ist sie mehr als doppelt so lang, nämlich 700 Kilometer, und Mustafa Barguti, der palästinensische Informationsminister, griff zu einem Megafon in den Bergen bei Betlehem, mit Blick auf das Herodium, den künstlichen Berg, den sich Kaiser Herodes bauen liess zur Zeit von Jesus, und sagte: «Wir müssen uns gemeinsam wehren, wenn wir uns nicht gemeinsam wehren, dann gehen wir unter, dann ist dies das Ende der paläs­tinensischen Sache.»

Doch wenn sie sich jetzt gegen die Besatzungsmachtmutanten wehren, dann ist das ihr Ende, denke ich, als wir einen Tag später im Niemandsland zwischen Betlehem und Hebron auf einem Feld stehen und ein Bagger sich durch Olivenhaine frisst, um weiter illegal Land zu zerstören, fertig, aus, Ende. Ben, ein israelischer Anarchist, schwingt sich auf einen Bagger und brüllt «Israel - Faschistenstaat», und eine Sekunde später guckt er und gucke ich und gucken wir alle in Läufe von Maschinengewehren, und Ben, der sich mit einer Gruppe israelischer AnarchistInnen ständig im Westjordanland aufhält, um zusammen mit Paläs­tinenserInnen gegen den Mauerbau zu demonstrieren, sagt, der Inlandgeheimdienst habe jetzt erstmals öffentlich deutliche Warnungen ausgesprochen, wenn sich weiter Israeli vor Bagger werfen, dann würden auch Israeli erstmals Ziel ihrer «Operationen», und das, sagt Ben, heisst nichts weiter, «als dass sie auch auf uns schiessen».

«Das ist nicht euer Land»

«Verpisst euch, ihr beschützt Terroristen», hat mir eine Frau in Hebron nachgerufen, eine Siedlerin, die in einer illegalen Siedlung mitten unter 100 000 PalästinenserInnen lebt, bewacht rund um die Uhr von 2000 SoldatInnen, die den SiedlerInnen Straffreiheit garantieren, und das alles, weil sich Abraham irgendwo in der Nähe in einer Quelle gewaschen hat. Über der Quelle steht: «Zionismus ist Rassismus». Und daneben: «Gas the Arabs. Jewish Defense League». «Was tut ihr hier?», fragte mich die Siedlerin. Gute Frage.

«Was tut ihr hier?», frage ich einen israelischen Soldaten in den Bergen auf dem Feld mit Ben und anderen, «das ist nicht euer Land», sagt eine Frau von einem christlichen Hilfswerk, und der Israelmutant sagt: «Es ist mein Land, es war schon immer mein Land», und jetzt stürzt das ganze Land auch noch in einen Bruderkrieg. Bam, bam, bam, Blut und Terror, und als die Leibwächter von Mahmud Abbas in meinem Gepäck an einem dieser irren Tage eine Kippa finden, die ich einem jüdischen Freund als Geschenk mitbringen will, lassen sie mich laufen, mit Kippa, aber nervös waren sie, und einer schwenkte die Kippa wie ein gebrauchtes Kondom, und einer sagt später: «Junge, Junge, das hätte ganz schön ins Auge gehen können, das hier ist kein freies Land, wo du sagen kannst, das ist mein gutes Recht und so weiter.» Ein Leibwächter von Abbas, der früher persönlicher Leibwächter von Jassir Arafat war, ein harter Hund, zwei Schüsse ins Bein, einen in den Kopf, abgefangen vom Helm, als die Mutanten mit ihrer Panzerübermacht angedonnert kamen, um es den Palästinensern ein weiteres Mal heimzuzahlen. Ohne den 11. September 2001 hätte Ariel Scharon die Mauer niemals so schnell und gegen so wenig Widerstand hochziehen lassen können.

Jetzt fordert Angela Merkel im TV gerade Friedenstruppen. Angela, das hättest du lieber früher gefordert, und nicht nur du, sondern auch dein Vorgänger und all die anderen, die ganze EU, die Berichte zu Palästina aus politischen Gründen zurückhalten, Berichte, die die ganze üble Sache, die von Israel betriebenen Vertreibungen, beim Namen nennen würden, sagen würden, dass die Sache bis zum Himmel stinkt.

Alte Männer wollen zur Arbeit von Ramallah nach Jerusalem und kommen nicht durch beim Checkpoint in Kalandia, weil gerade etwas kaputt ist oder eine Bewilligung fehlt, «Bye, bye, old man», ruft eine junge Faschistensoldatin und klatscht hinter der bombensicheren Trennscheibe mit ihrer Kollegin ab, «Give me five, haha, diesem Araber haben wir es gezeigt», sagt ihr fieses Lachen. Sie hat gerade keine Lust, die alten Männer durch den Checkpoint zu lassen, und weil sie sich nicht rechtfertigen muss, brüllt sie auf Hebräisch irgendwelche Befehle über einen Lautsprecher in den bombensicheren Raum. Es geht bei den Checkpoints und der Mauer nicht um Sicherheit, es geht darum, eine Volkswirtschaft zu verunmöglichen, sagt Amnesty International, aber wer hört schon auf die?

«Hat der Gast auch gegessen?»

«Das Ziel der israelischen Regierung ist es, die Palästinenser auszurotten», sagt eine alte Bäuerin in den Bergen, während sie mir ein Mahl serviert. Sie ist die Mutter des stellvertretenden Bürgermeisters, der ist bei den Kommunisten, sie selbst ist auch Kommunis­tin, sagt sie.

Der tote Sohn war Hamas, sagt sie. Der, der für unbestimmte Zeit im Gefängnis sitzt, sei Islamischer Dschihad. Sie hat zwanzig Enkelkinder von ihren lebenden und toten und im Gefängnis sitzenden Söhnen und fast so viele Schafe und Land, das ihr Mann bewirtschaftet, und das Haus wird gerade aufgestockt, weil all die vaterlosen Enkelkinder irgendwo schlafen müssen. Von der Wohnzimmerwand strahlen Jassir Arafat und ­Gamal Abdel Nasser und Saddam Hussein und Che Gue­vara, und der US-amerikanische Präsident sei der Teufel, sagt die Bäuerin, die sich und dreissig Männer und Frauen und Kinder selbst versorgt im Gebirge zwischen Betlehem und Jenin.

Die Palästinenser seien in fünfzig Jahren ausgerottet, sagt sie, dazu sei «The Wall» da, um Palästina in ein grosses abgeschottetes Elend zu verwandeln, ein Getto, und um Land zu stehlen, und wir essen ihre Gurken und Tomaten und ein Schaf und trinken süssen Tee, und dann platzt der stellvertretende Bürgermeister von der PFLP, der Kommunistischen Palästinensischen Volksfront, herein, mit dem Handy am Ohr, und entschuldigt sich telefonierend tausendmal für die Verspätung und sagt: «Wir müssen los, oh, Mama, hat der Gast auch gegessen?», und er zeigt, wo sich gleich um die Ecke die Bulldozer gegen die Genfer Konvention durch das Gelände fressen und 300 Olivenbäume zerstören.

«Das ist Südafrika», sagte Mahmud von der Fatah und Bürgermeister von Umm Salmuna. Die Mauer sei einzig und allein da, noch mehr Land zu annektieren, sagt er, während er mich in seinem alten blauen Peugeot durch die Hügel fährt in die nächste grössere Stadt, wo ein Kleinbus wartet, der mich mit Arbeitern durch das «Tal des Feuers» zurück nach Ramallah fährt, vorbei am grossen Kalandia-Checkpoint, dem Tor Richtung Jerusalem, das mit seinen Scheinwerfern und Wachtürmen und Scharfschützen und schwer bewaffneten Soldaten und Befehlen durch Lautsprecher und dem Stacheldraht auf der acht Meter hohen Mauer, die sich bis zum Horizont erstreckt, die Westbank wie eine grosse kontaminierte Zone erscheinen lässt, wo jeder erschossen wird, der zu fliehen versucht.

Was sich die Menschen hier unten antun, kann man sich gar nicht vorstellen. Du kannst in der Schweiz sitzen und denken, das mit den Selbstmordattentaten ist schlimm, und es ist schlimm, Israel ist eine kaputte Gesellschaft mit Türstehern überall und Panik und Sicherheitsschleusen, aber wenn du ein ganzes Volk in seinem eigenen Land massakrierst, kannst du dann erwarten, dass sie dich lieben? Ist die Unsicherheit in Israel nicht eher ein sehr geringer Preis für das angerichtete Chaos, das eine ganze Region destabilisierte?

Bis das Kind tot ist

In Palästina herrscht ein permanenter Krieg gegen Frauen und Kinder und Alte, einer will heute sein schwer verletztes Kind durch den Checkpoint bringen, «Es muss ins Krankenhaus», brüllt er, die Soldaten halten ihn so lange auf am Checkpoint, bis das Kind tot ist, und niemand muss sich dafür rechtfertigen, und gerade ist ganz Ramallah abgesperrt, weil Condoleezza Rice mit Blaulicht und dreissig eingeflogenen, schusssicheren, weissen und schwarzen Jeeps und sieben identischen Limousinen angedonnert kommt, um dann im TV irgendwas von Fortschritten zu erzählen.

Ich weiss nicht, in welcher Welt sie lebt. Hier in Palästina redet niemand von Fortschritten, sondern von Untergang und von Depression, das sagen dir die Menschen ganz offen, sie sagen: «Nimmst du mich mit?», oder sie fah­ren einfach herum im Auto, was willst du auch machen, in einem Kaff mit deinem jungen Leben, wenn du das gottverdammte Kaff nicht verlassen darfst, weil es dir die Besatzungsmacht verbietet? Wie willst du von Fortschritten reden, wenn dich gerade eine Besatzungsmacht um dein ganzes Eigentum gebracht hat ohne Entschädigung, aus Sicherheitsgründen, wie sie sagen. Kollektivstrafe ist ein Kriegsverbrechen, aber sie spielen sich in der Weltöffentlichkeit als Heilsbringer auf und bauen sich Tag für Tag weitere Extremisten. Kurz nach der Checkpointkatastrophe, als das Kind starb, erschiesst ein Scharfschütze in der Nähe von Ramallah laut israelischem Statement «einen feindlichen Kämpfer, der sich an eine Siedlung angeschlichen hatte». Was dort nicht steht: Der Kämpfer war ein Kind. Mohammed Ibrahim Ismaili. Er wurde acht Jahre alt.

Heute haben die Läden zu. «Barbier», frage ich, während ich rasiert werde, «warum haben die Läden zu, es ist doch erst Mittag und ein Dienstag?» - «Es ist wegen dem Krieg in Gasa», sagt er. «Wir trauern, weil Palästinenser auf Palästinenser schiessen», sagt er, und die Stimmung ist seltsam, als am frühen Abend der Muezzin singt und in der Ferne Schüsse fallen, und ich gehe nach Hause und schliesse mich ein, und dort läuft al-Dschasira, und wenn man al-Dschasira glaubt, dann gibt es für die Palästinenser auf Dauer keine Hoffnung.

Abbas selbst war schon länger nicht mehr in Gasa, klärt mich sein Leibwächter am Telefon auf. «Weil wir nicht auf Hamas schiessen wollten, wir sind immerhin Brüder», sagt er, aber jetzt sei es zu spät, sagt er, und wenn er dieser Tage zur Arbeit geht, um den Präsidenten zu schützen, trägt er vier Pistolen und eine Maschinenpistole, die 900 Schuss macht pro Minute, und er fährt im Konvoi mit zwanzig Autos und einem Krankenwagen und vier Mercedes-Limousinen. Als ich aus dem Fenster schaue mit Blick auf das Haus des Präsidenten in Ramallah, verlässt Abbas es gerade, schon seit einer Stunde brachten Soldaten die Strasse unter Kontrolle, jetzt fährt er los, es ist ein Gradmesser für die Unsicherheit in der Region, dass bei jeder Fahrt, die er tut, bereits Stunden vorher Soldaten den ganzen Weg vom Haus zum Amtssitz unter Kontrolle bringen, Männer mit Maschinengewehren auf einer fünf Kilometer Strecke so aufgestellt, dass jeder mit jedem Sichtkontakt hat.

Und dann macht es rums!

Die Aliens zerstörten im besetzten Ost-Jerusalem in den letzten vierzig Jahren 80 000 palästinensische Häuser. Ein Thinktank, eingeflogen aus den USA, bastelt in einer properen Villa im properen westlichen Teil von Jerusalem rund um die Uhr an Propaganda, um das zu rechtfertigen. House Demolition geht so: Die PalästinenserInnen sagen, wir zahlen doch nicht der Besatzungsmacht Geld für Baubewilligungen, und die Besatzungsmacht erstellt täglich Lis­ten von solchen illegal gebauten oder veränderten Häusern, Tausende Häuser sind zurzeit noch auf dieser Liste, und dann kommen am Morgen das Armeeteam mit Scharfschützen und die Panzer und die Volvo-Bagger, und dann macht es rums!, und innerhalb von einer Stunde ist ein Haus einer Familie zerstört, die hier seit sechzig Jahren lebte und nun bei Verwandten Unterschlupf suchen wird.

Jerusalemer Alltag. Ein Sprecher des Israeli Committee Against House Demolitions (ICAHD) sagt, dass die Regierung wisse, dass viele Selbstmordattentäter aus Familien kämen, deren Haus auf diese Art zerstört wurde, aber sie treibe die Zerstörungen voran, immer weiter, dieselbe Politik, und ignoriere diese alarmierende Tatsache, denn eigentlich sind ihnen die Bewilligungen sowieso egal, es geht um Vertreibung, um Demografie, es geht um die Wahrung der prozentualen Mehrheit der Israeli in Jerusalem, wie es die ehemalige israelische Ministerpräsidentin Golda Meir und der ehemalige Bürgermeister von Jerusalem Teddy Kollek Ende der sechziger Jahre nach dem Sechstagekrieg festgelegt haben: Israeli müssen immer 78 Prozent der Bevölkerung stellen. Doch Demografen sagen, dass bereits 2015 die Araber wieder die Mehrheit haben werden in Jerusalem, «Und deshalb», sagt Meir Margalit, ehemaliger Jerusalemer Stadtrat und Mitglied des ICAHD, «wird die Vertreibung mit aller Härte vorangetrieben.»

«Der Araber lächelt dir ins Gesicht»

«Nach israelischem Gesetz ist das alles legal», sagt Margalit mit einem Schulterzucken, aber was sei schon Recht aus dem Blickwinkel der Besatzung, in einem Land, das zwei verschiedene Gesetze kennt, eines für Israeli, eines für PalästinenserInnen, zwei verschiedene Strassensysteme, in dem die Bewegungsfreiheit der einen auf ein paar Kilometer eingeschränkt ist. Stell dir vor, deine Familie lebt in Winterthur und du in Zürich, und irgendwann wachst du auf, und dann stehen zwischen Winterthur und Zürich ein Checkpoint und eine Mauer, und du darfst da nicht mehr durch, aus Sicherheitsgründen, und du siehst deine Familie niemals wieder. Aus «Sicherheitsgründen». Und zum Wohle der westlichen Werte, der Aufklärung und der Freiheit.

Und Israel leistet sich dafür den Milliarden verschlingenden Irrsinn der Siedlungspolitik. Aber es gibt mächtige Männer im Hintergrund wie Erwin Moskowitsch, ein Kasinoinhaber aus Kalifornien, der seine Kasinos zu Nonprofitorganisationen erklärt hat, und den ganzen Gewinn, Milliarden US-Dollars, pumpt Moskowitsch in den illegalen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten, er hat das Hauptquartier der Polizei in Ost-Jerusalem neu bauen lassen, der gute Erwin, einen wahren Prachtbau hat er der Polizei geschenkt.

Dann stehe ich in einer Siedlung, die Israeli haben vorne ein Riesenaufgebot an Soldaten und Siedlungssecurity, und ich komm nicht rein vorne, wegen was auch immer. Vorne also alles zu, ein riesiges Sicherheitstrara, aber der Hintereingang ist nicht bewacht, und ich gehe rein, und eine freundliche Siedlerin schüttelt mir die Hand und sagt: «Der Araber lächelt dir ins Gesicht, und dann steckt er dir ein Messer in den Rücken.» Ihr Haus habe sie aus den USA einfliegen lassen, wie sich selbst und ihre Familie auch, sie sind aus Wisconsin gekommen, um hier zu sein, um sich das Land zurückzunehmen, das ihnen gehöre. Sie beruft sich auf die Bibel. «Gehen Sie auf keinen Fall nach Ramallah», sagt sie, «die Araber werden Sie aufschlitzen und massakrieren und im Strassengraben vergraben», und ich sage, «Danken Sie Gott, dass Sie die Mauer haben.»

Es ist nicht der Ort für eine Debatte. Wir schütteln uns die Hand, und ich gehe raus, und ein Siedlungs­security fährt mich in einem gepanzerten Auto an den Stadtrand und fragt immer wieder, was ich denn nur wolle in Ramallah, und dann wünscht er mir beim Aussteigen «viel Glück», als habe mein letztes Stündchen geschlagen, und ich laufe die Strasse entlang nach Ramallah, setze mich in ein Strassencafé und überlebe.

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