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Medientagebuch

Das Leiden betrachten

Von Lotta Suter

Wenn mir Kriegsbilder den Schlaf ­rauben wollen, denke ich an Susan ­Son­tag. Die 2004 verstorbene US-amerikanische Gesellschaftskritikerin schrieb, es sei moralisch und psychologisch infantil, ständig aufs Neue überrascht und erschreckt zu sein über die Gräuel, die Menschen einander antun. So urteilte ausgerechnet eine Intellektuelle, der Gewaltdarstellungen ein Leben lang und bis zuletzt schlaflose Nächte bereiteten. Zwischen naivem Entsetzen und zynischer Abgestumpftheit gibt es einfach keinen komfortablen Ort, um das Leiden anderer zu betrachten.

Im Fall von Israels Gaza-Offensive dokumentieren die grossen Medien in den USA - anders als 2003 beim Angriff auf den Irak - seit Kampfbeginn die Verheerungen des Kriegs. Allerdings tun sie das meist in dem stupiden Eins-links-eins-rechts-Format, das ein für allemal inhaltliches Argumentieren und Abwägen ersetzen soll. Die «New York Times» zum Beispiel zeigt seit Kriegsbeginn beinahe täglich paarweise platzierte Fotos von der betroffenen Zivilbevölkerung in Gaza und Israel. Zwecks Herstellung einer Instant-Objektivität werden palästinensische und israelische Opfer dabei aneinandergekettet wie Häftlinge einer Strafkolonie.

Liest man nur schon die Bildunterschriften, so erkennt man, dass das ­gezeigte Leiden proportional nicht so ausgewogen ist wie die Bildanordnung. In Gaza sehen wir verletzte und tote Menschen, oft Kinder. Die Bilder aus Israel zeigen verängstigte, aber unverletzte Menschen in den süd­israelischen Hafenstädten Aschkelon oder Aschdod. Als die israelische Armee in Gaza eine Uno-Schule bombardierte und dabei Dutzende Zivilpersonen tötete, brachte die «New York Times» ein Foto des Dschabalija-Flüchtlingslagers - und daneben ein gleich grosses Foto vom Begräbnis des israelischen Soldaten Nitai Stern, der in Gaza von einem israelischen Panzer getötet ­wurde.

Israel habe den Propagandakrieg bereits verloren, behauptete der ­«Tages-Anzeiger» vor kurzem. Gegen die Bilder von verzweifelten Eltern, die leblose Kinder in überfüllte Spitäler tragen, könne auch die sorgfältigste Gegenstrategie der israelischen Regierung wenig ausrichten. Ich bin da nicht so sicher. Viele meiner FreundInnen hier in den USA beklagen zwar mit mir zusammen die humanitäre Situation im Nahen Osten. Aber sie weigern sich, das Leiden von israelischer beziehungsweise palästinensischer Seite zu messen, zu vergleichen und nach den Verantwortlichkeiten zu fragen. Um politisch nicht weiterdenken zu müssen, ziehen sie es vor, sich in ihrem kindlich-moralischen Entsetzen über die Gewalt einzupuppen.

Gaza ist in den US-Medien ein anderer Krieg als in der europäischen oder gar in der arabischen Berichterstattung. Nicht nur die pseudosymmetrische Bildauswahl, auch die ausgewählten Informationsquellen suggerieren dem US-amerikanischen Publikum, dass es sich in Gaza um einen harten, aber gerechtfertigten Krieg gegen den Terror handelt. Denn zitiert werden von den grossen privaten TV-Stationen wie NBC oder ABC vorab israelische Militärs und Zivilpersonen, kaum palästinensische Stimmen; und unabhängige JournalistInnen hat Israel ja aus Gaza verbannt. Auf arabischer Seite läuft eine ähnliche Manipulation. Diese inszenierte Öffentlichkeit hat der Journalist Habib Battah auf der Al-Dschasira-Website überzeugend demontiert - nur wird dieser TV-Sender in den USA nicht ausgestrahlt. Am Ende, schreibt Battah, nehmen das arabische und das US-amerikanische Medienpublikum den Konflikt um Gaza vollkommen unterschiedlich wahr: Das Kampfgeschehen, die Siegesfantasien, ja selbst die Landkarten sind inkompatibel geworden.

Nicht einmal die unschuldigen Opfer der Gewalt lösen unter diesen Umständen spontanes Mitgefühl aus. Manche Menschen in den USA ­sehen selbst die Fotos von verletzten oder toten Kindern in Gaza in erster Linie als Hamas-Propaganda. Susan Sontag hat auch diese Möglichkeit der Polarisierung durch Kriegsbilder gedanklich bereits vorweggenommen: Beim Betrachten des Leidens von ­anderen, warnt sie, gebe es kein garantiertes humanitäres «Wir».


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