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Haiti

Revolte gegen den Hunger

Von Hans-Ulrich Dillmann

Die steigenden Lebensmittelpreise vergrössern die Armut weiter. Die Menschen versuchen inzwischen, sogar von Erde satt zu werden.

Die Proteste gegen steigende Lebensmittelpreise in Haiti gehen auch diese Woche weiter. Am Dienstag versuchte eine Menschenmenge in der Hauptstadt Port-au-Prince den Präsidentenpalast zu stürmen. Die im Land stationierten Truppen der Uno setzten Tränengas und Gummigeschosse gegen die Protestierenden ein, die den Rücktritt von Staatspräsident René Preval forderten. In der im Südwesten des Landes gelegenen Hafenstadt Les Cayes zogen tags zuvor Demonstrierende durch die Strassen. Mitglieder eines privaten Wachdienstes schossen dabei in die Menge, die das Haus eines Senators stürmte. Ein Mann wurde getötet.

Begonnen hatten die Proteste vergangenen Donnerstag, als über 2000 Menschen in Les Cayes auf die Strasse gingen. Sie riefen: «Wir haben Hunger» und «Runter mit den Preisen». Demonstrierende begannen Geschäfte zu plündern, es kam zu Strassenschlachten mit den Uno-Blauhelmtruppen in der Stadt. Am Freitag gingen die Proteste weiter. Dabei wurden Barrikaden errichtet und Uno-Fahrzeuge in Brand gesetzt. Die Blauhelme setzten Schusswaffen ein, angeblich als Reaktion auf Schüsse von Protestierenden, die einen Posten der Uno-Truppen angegriffen hatten. Vier Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben, drei Dutzend wurden verletzt.

Über die Stadt ist inzwischen eine nächtliche Ausgangssperre verhängt worden. Ausserdem wurden weitere Uno-Truppen in die Region verlegt. Seit dem Sturz von Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide 2004 befinden sich rund 9000 Soldatinnen und Polizisten im Auftrag der Uno im Lande.

Auch in Gonaïves, der viertgrössten Stadt des Landes, und in Petit Goâve, knapp neunzig Kilometer südlich der Hauptstadt, ist es zu Demonstrationen gekommen. Allerdings seien die Proteste friedlich verlaufen, sagte eine Uno-Sprecherin.

Der haitianische Ministerpräsident Jacques-Edouard Alexis zeigte in einer Erklärung Verständnis für die Forderung der Protestierenden, die Preiserhöhungen der letzten Monate zurückzunehmen. Allerdings, so sagte er, erschwerten die Gewalttätigkeiten die Arbeit der Regierung im «Kampf gegen Korruption und Drogenhandel».

Von den 9,5 Millionen Einwohner­Innen Haitis muss rund die Hälfte mit umgerechnet einem Franken oder weniger pro Tag auskommen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt von Gelegenheitsarbeiten. Fast zwei Millionen Haitianer­Innen leben inzwischen im Ausland. Vergangenes Jahr unterstützten die EmigrantInnen ihre Verwandten im Heimatland mit 1,8 Milliarden ­Franken.

Im Durchschnitt nimmt eine Person in Haiti täglich nur drei Viertel des Mindestbedarfs von 2100 Kilokalorien zu sich. Ein grosser Teil der Kinder, die in Armut leben, bekommen nur eine Mahlzeit pro Tag. Das typische Gericht in Haiti besteht aus Reis und Bohnen, das mit etwas Billigfett aufgewertet wird. Fleisch gibt es selten. Der Kilopreis für Reis hat sich innerhalb von einem Jahr um 24 Prozent verteuert und liegt nun bei rund Fr. 2.50. Im gleichen Zeitraum ist der Preis für Fleisch um gut 12 Prozent, für Mehl um 31 Prozent und für Brot um 27 Prozent gestiegen.

Manche HaitianerInnen versuchen inzwischen sogar von Erde satt zu werden. In den Armenvierteln machen Rezepte für «Sandguetzli» die Runde. Die gelbe Erde aus der Region von Hinche wird mit billigem Pflanzenfett und Salz vermischt und die Masse dann gebacken. Diese Erde wird eigentlich seit langem von Schwangeren und Kindern als Heilmittel gegen Sodbrennen und als Kalziumquelle geschätzt. Aber auch hier machen sich die Preissteigerungen des vergangenen Jahres bemerkbar. Der Sand für rund 100 «Guetzli» kostete vor einem Jahr noch Fr. 3.80. Heute müssen die Käufer dafür eineinhalb Franken mehr auf den Ladentisch legen.


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