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Die Berichte der Attac-Spionin

Weiss Nestlé noch mehr?

Von Dinu Gautier

Im Sommer hat Nestlé einem Waadtländer Zivilgericht Unterlagen ausgehändigt, die eine Securitas-Spionin mit dem Decknamen Sara Meylan über die Waadtländer Sektion der Organisation Attac angefertigt und dem Nahrungsmittelkonzern übergeben hatte.

Über den Inhalt ist bisher bekannt geworden, dass die Spionin eigentliche Fichen erstellt hat, wobei sie nicht nur Aussehen und Auftreten, sondern auch Privatadressen und persönliche Ambitionen der GlobalisierungskritikerInnen interessierten (siehe WOZ Nr. 32/08).

Nun liegen diese 77 Seiten umfassenden und mit «Vertraulich» beschrifteten «Zwischenrapporte» und «Protokolle» auch der WOZ vor.

Interessante AHV-Demo

Über die Attac-Sitzungen hat Meylan jeweils eine Zusammenfassung von bis zu sieben Seiten geschrieben, inklusive TeilnehmerInnenliste. Ausführlich dokumentiert hat Meylan den Inhalt der Diskussionen und die Daten kommender Veranstaltungen, wobei auch solche darunter sind, die nur indirekt etwas mit Nestlé zu tun haben. Beispielsweise eine Demonstration gegen die AHV-Revison im Herbst 2003 oder Vorbereitungsworkshops für Blockaden gegen das Weltwirtschaftsforum im Januar 2004.

Was die politischen Inhalte angeht, scheint sich Meylan besonders für Aktivitäten der kolumbianischen Gewerkschaft Sinaltrainal interessiert zu haben. Diese bezichtigt Nestlé, paramilitärische Killer zu bezahlen. Genauso spannend fand sie offenbar auch die Reisen eines brasilianischen Wasserpolitikaktivisten in die Schweiz.

Die Spionin fichiert sich jeweils auch gleich selber. Im «Zwischenrapport» vom 9. September 2003 heisst es etwa: «Sara, etwa 22 Jahre» und «halblange Haare, etwa 1.70 m.» Offenbar eine Sicherheitsmassnahme, um zu verhindern, dass sie auffliegt, falls ihre Rapporte in falsche Hände geraten. Konsequent ist ihre Verschleierungstaktik aber nicht: «Er wirkte misstrauisch und hat ununterbrochen aus dem Augenwinkel meine Notizen gelesen», schreibt sie auf einen Plan zur Sitzordnung eines Treffens, auf dem sie selber auch verzeichnet ist.

Verdächtige Lücken

Dennoch ist eines sicher: Die Spionin war keine Dilettantin. Die Berichte wirken professionell und dürften kaum ohne Tonbandaufnahmen zu bewerkstelligen gewesen sein. Ab und zu musste sie auch kaltes Blut beweisen. Einmal, so Meylan, habe ein Attac-Mitglied dar­auf hingewiesen, dass Nestlé, wenn der Konzern denn wolle, die Mittel habe, herauszufinden, was Attac plane. Vielleicht sei ja gerade jemand von Nestlé zugegen. «Alle lachten, und wir sagten uns, dass man das wirklich nie wissen kann», schreibt Meylan.

Klar ist, dass Nestlé offensichtlich nicht alles Material herausgerückt hat. Die Chronologie weist grössere Lücken auf und die letzte Seite, auf der drei - im öffentlichen Raum fotografierte - Attac-AktivistInnen zu sehen sind, endet mit einem Zwischentitel. Vor Gericht ist der Anwalt von Attac aber abgeblitzt, als er Massnahmen zur Sicherstellung weiterer Dokumente verlangte. Was Nestlé zurückbehielt und ob es darum ging, weitere SpionInnen zu decken, wird die Zukunft zeigen.

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