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Big brother award

Die üblichen Verdächtigen

Von Etrit Hasler

Wer gewinnt die Betonstatuen?

Als vor neun Jahren das Archiv Schnüffelstaat Schweiz (ASS), die Swiss Internet User Groups (SIUG) und das Konzeptbüro der Roten Fabrik in Zürich zum ersten Mal die Big Brother Awards verliehen, schien das Thema noch weit hergeholt: Die Fernsehserie «Big Brother», bei der sich Menschen freiwillig der konstanten Überwachung durch ein voyeuristisches Fernsehpublikum aussetzten, flackerte gerade zum ersten Mal über die Mattscheiben, und an bio­metrische Pässe dachte noch niemand.

Im Rahmen eines satirischen Anlasses «im Stil einer Hollywoodgala», wie die OrganisatorInnen damals schrieben, wurden die «Preise, die niemand will» an Personen, Institutionen oder Unternehmen verliehen, «welche das persönliche Grundrecht auf den Schutz der Privatsphäre missachten und/oder die Überwachung und Kontrolle von Personen oder von Personengruppen fördern».

Alltag geworden

Das Konzept der Awards hat sich seither kaum verändert, die Zeiten schon: Videoüberwachung ist in der Schweiz zum Alltag geworden, in Einkaufszentren, in Bussen und Zügen oder gar auf öffentlichen Plätzen; Grossunternehmen erstellen mithilfe von Kundenkarten Profile der KonsumentInnen und nicht zuletzt werden zur Abwehr einer vermeintlichen Bedrohung der Inneren Sicherheit zunehmend riesige Datenbanken erstellt, mit diffusen bis willkürlichen Kriterien.

Das Thema ist allgegenwärtig, auch in den Medien: Kein Wunder also, liest sich die Liste der Nominierten wie eine Best-of-Sammlung von WOZ-Artikeln der letzten zwölf Monate. So finden sich in der Kategorie «Staat» unter anderen der Kanton Zürich mit seinem neuen Polizeigesetz, der Berner Gemeinderat mit dem umstrittenen neuen Bahnhofsreglement, der Bundesrat mit seiner Operation Reisswolf in der Tinner-Affäre sowie die Fachgruppe 9 der Staatsanwaltschaft Basel, die im Dienst des Bundesamts für Polizei unter anderem Basler GrossrätInnen fichierte.

Auch in der Kategorie «Business» (in der sich zum ersten Mal mehr Nominierte befinden als in der Kategorie «Staat») finden sich alte Bekannte, der prominenteste Fall darunter die Bespitzelung von Attac-Mitgliedern durch MitarbeiterInnen der Sicherheitsfirma (und Bahnpolizeibetreiberin) Securitas AG im Auftrag des Nahrungsmittelgiganten Nestlé. Die Firmen wurden separat nominiert und befinden sich laut Aussagen der Awards-Veranstalter in «aussichtsreicher Position» für den Gewinn der unbeliebten Betonstatuen.

Dass sich besonders viele Nominationen im Bereich des Sports sammeln, überrascht angesichts der Jagd auf «gewaltsuchende» Fussballfans nur wenig. Hier reichen sich Staat und Privatwirtschaft die Hände: Von staatlichen Datenbanken (Hooldat, Stadt Zürich) bis zu privaten Schnüffelaktionen (beispielsweise im Rahmen einer Euro-08-Ticketverlosung durch den Schweizer Fussballverband) ist hier alles vorhanden, was in den letzten zwölf Monaten Schlagzeilen gemacht hat. Hie und da auch ein Kuriosum, etwa der Appenzeller Basketballclub Blesshounds, der rauchenden Junioren mit Schweisstests nachschnüffelte - notabene ohne Einwilligung der Eltern.

Am elektronischen Pranger

Ein relativ neues Phänomen kam hinzu: der elektronische Pranger. Nominiert ist etwa die Schmähplattform rottenneighbour.com, auf der alle ihre ungeliebten NachbarInnen anonym als «Nutte» oder «Betrüger» betiteln dürfen. Oder die Website okdoc.ch, auf der ÄrztInnen nach Kriterien wie «Allgemeiner Stil und Stimmung in der Praxis», «Wartezeit» oder «Parkmöglichkeiten» bewerten werden.

Die GewinnerInnen werden von einer Fachjury gekürt, der unter anderen SP-Nationalrat Paul Rechsteiner, WOZ-Redaktionsleiterin Susan Boos und «NZZ-Folio»-Redaktionsleiter Daniel Weber angehören.

Die Jury wird auch einen Lebenswerk-Award verleihen. «Nur wer sich in seinem ganzen Leben hartnäckig für besondere Schnüffeltaten verdient gemacht hat, kann ihn erhalten. Nur wer sich nicht hat beeindrucken lassen von parlamentarischen Vorstössen, von Antischnüffelstaat-Initiativen oder von Datenschutzbeamten», ist dieses Preises würdig, hiess es in einer früheren Laudatio. Die Nominierten in dieser Kategorie werden zwar erst am Abend selber bekannt gegeben, aber es wäre kaum eine Überraschung, wenn auch sie in letzter Zeit in der WOZ aufgetaucht wären.


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