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Vogelgrippe

Eine tödliche Seuche der Slums

Von Mike Davis

Wenn die Epidemie erst einmal die asiatischen Grossstädte erreicht hat, könnte sie bald auch jene erwischen, die für die dortigen Zustände verantwortlich sind.

Ein Massensterben kann sich bald auch in Ihrer Nähe ereignen. Der Schuldige ist eine Mutation von Influenza A, die Variante H5N1: das sich rasant ausbreitende Vogelgrippen-Virus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gewarnt, dass dieses Virus eine tödliche globale Seuche verursachen kann.

Das tödlichste Massaker der Geschichte war die Grippewelle von 1918/19, bei der in einem Winter mehr als zwei Prozent der Weltbevölkerung starben (vierzig bis fünfzig Millionen Menschen). Viele WissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass die Epidemie von einem Vogelvirus ausgelöst wurde. (Eine vergangene Woche in «Science» veröffentlichte Studie belegt diese These.) Der Mensch ist wenig immun gegen eine solche Übertragung vom Tier.

Das biologische Reservoir für die Grippe ist die gemischte Landwirtschaft im Süden Chinas, wo frei lebende Vögel und Hausgeflügel, Schweine (ein weiterer Grippeträger) und Menschen auf Bauernhöfen und Märkten in intensivem Kontakt stehen. Die halsbrecherische Urbanisierung, eine rapide steigende Nachfrage nach Geflügel und Schweinefleisch und das, was im Magazin «Science» kürzlich als «dichtere Konzentration grösserer Geflügelfarmen ohne angemessene biologische Schutzvorkehrungen» bezeichnet wurde, schaffen optimale Bedingungen für die rasche Entwicklung von Viren und ihre promiskuitive Übertragung von einer Spezies auf die andere.

Die Grippe gleicht in der Tat einer Modeindustrie: Jeden Winter entstehen neue Stile (Glykoproteinhüllen), um neue Arten zu schaffen, doch dann, vielleicht alle dreissig Jahre, kommt es zu einer Revolution (der Sprung von Spezies zu Spezies), die eine tödliche Epidemie auslöst. Während der letzten Epidemie im Jahre 1968 starben eine halbe Million Menschen, doch von «Nature» und «Science» interviewte WissenschaftlerInnen befürchten, dass H5N1 kurz davor sei, sich eher in ein Monster à la 1918/19 zu verwandeln. Wir haben bislang lediglich die Bestätigung, dass die Übertragung durch direkten Kontakt mit Vögeln und ihrem Kot erfolgte, doch die gegenwärtige Virusvariante ist weitaus tödlicher als die Sars-Epidemie des vergangenen Jahres, die international so viel Schaden anrichtete. Ein Spitzenforscher hat deshalb gegenüber «Nature» erklärt: «Alle bereiten sich auf den schlimmsten Fall vor.» Derzeit untersuchen WHO-Beauftragte die besorgniserregende Möglichkeit, dass die erste Übertragung von Mensch zu Mensch in Vietnam bereits erfolgt ist.

Zudem breitet sich H5N1 mit sehr viel grösserer Geschwindigkeit aus als vorherige Vogelgrippen. Seit 1997 sind diese jedes Jahr ausgebrochen - ein Phänomen, das WHO-Forscher sich nicht erklären konnten, bis sie entdeckten, dass in ganz Asien Zugvögel in grosser Zahl starben. (Das West-Nil-Virus, ebenfalls eine Vogelkrankheit, konnte sogar über den Atlantik «fliegen».)

Die Entwicklung von H5N1 wurde begünstigt durch die schlechten Kontrollmassnahmen und die Geheimnistuerei der Regierungen in einem halben Dutzend Länder. Wie bei Sars leugnen die chinesischen Behörden eisern, eine Vogelgrippe vertuscht zu haben, doch der angesehene Virologe Kenneth Shortridge erklärte in einem Interview mit «Science», dass alle Anzeichen auf «natürliche Reservoirs in Südchina» hinweisen, wo die Krankheit bereits im letzten Oktober aufgetreten sein könnte.

Die moderate Grippeepidemie dieses Winters hat lebhaft gezeigt, wie schlecht selbst die reichsten Länder auf eine unmittelbar bevorstehende Epidemie vorbereitet sind. Die gegenwärtige Impfstoffherstellung könnte nicht mal einen Bruchteil der potenziellen Nachfrage decken. Eine wirkliche Epidemie würde die Welt vermutlich heimsuchen, lange bevor ein Impfstoff entwickelt und in grossen Mengen produziert werden könnte. Die potenziellen Beschleuniger einer neuen Seuche sind die riesigen Slums von Asien und Afrika. Die Konzentration von Armut ist in der Tat eine der wichtigsten Variablen in allen Modellen über die mögliche Ausbreitung der Epidemie.

Die Bustees von Kalkutta, die Chawls von Bombay, die Kampungs von Jakarta und die Katchi Abadis von Karachi sind, von einem epidemiologischen Standpunkt aus gesehen, von Benzin durchtränkte Landschaften, die nur auf einen Funken wie H5N1 warten. (Im Jahre 1918/19 starben zwanzig Millionen Menschen oder mehr in den armen, überbevölkerten und erst kurz zuvor ausgehungerten Teilen Britisch-Indiens.)

Vergangenen Herbst hat die Uno-Organisation für Stadtentwicklung, UN-Habitat, einen historischen Bericht mit dem Titel «The Challenge of Slums» veröffentlicht und gewarnt, dass die Slums auf der ganzen Welt in ihrem eigenen Treibhaus wachsen. Eine Milliarde Menschen sind derzeit in Shantytowns und illegalen Barackensiedlungen «eingelagert», und diese Zahl wird sich in den nächsten dreissig Jahren verdoppeln. Die AutorInnen des Berichts brachen mit der üblichen Uno-Vorsicht und machten den Internationalen Währungsfonds (IWF) und dessen neokoloniale Politik direkt für die Ausbreitung von Slums verantwortlich, deren Wachstum von der Kürzung öffentlicher Ausgaben und der Reduzierung lokaler Manufakturen begünstigt wird.

Während der Schuldenkrise der 1980er Jahre hatte der IWF fast die gesamte Dritte Welt gezwungen, die Zahl der im öffentlichen Dienst Beschäftigten zu reduzieren, die Währungen abzuwerten und ihre Binnenmärkte für Importe zu öffnen. Die weltweite Folge waren eine Explosion städtischer Armut und eine drastische Verringerung öffentlicher Dienstleistungen.

Ein Hauptziel der Sparprogramme des IWF war das öffentliche Gesundheitswesen in den Städten. In Zaire und Ghana zum Beispiel hatten die «Strukturanpassungsmassnahmen» die Entlassung von zehntausenden der im öffentlichen Gesundheitswesen Beschäftigten - Krankenhauspersonal und Ärzte - zur Folge. In Kenia und Simbabwe führte die Erfüllung der IWF-Forderungen zu einer immensen Reduzierung der Ausgaben für das Gesundheitswesen. Und in Südasien hinken die Investitionen in das öffentliche Gesundheitswesen der Ausbreitung der Slums weit hinterher. Dank dem globalen Neoliberalismus sind die Krankheitsüberwachung sowie die Reaktion auf Epidemien genau dort am schwächsten, wo sie am wichtigsten sind: in den Mega-Slums von Asien und Afrika. Dort könnte der Schwelbrand des H5N1 zu einer tödlichen Feuersbrunst werden.

Dieser würden nicht nur die Armen zum Opfer fallen. Ist bei einer neuen Epidemie das Stadium des Massensterbens in Asien erreicht, wird sie sich unaufhaltsam auch nach Nordamerika und Europa ausbreiten. Sie wird leicht auch die Mauern der Festungen der Privilegierten überwinden.

Und das ist der wunde Punkt. In der Vergangenheit haben die reichen Länder (von wenigen Ausnahmen abgesehen) eine gefühllose Gleichgültigkeit gegenüber dem ungeheuerlichen Tribut an den Tag gelegt, den Aids in Afrika fordert, und gegenüber dem Schicksal der zwei Millionen armen Kinder, die jährlich an Malaria sterben. H5N1 kann unsere unerwartete Strafe sein.



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