Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ
Artikel  weiterempfehlen |  drucken | Textgrösse [+] / [-]

Wef

Vorbildliche Knallgranaten

Von Heiner Busch

Polizeikessel Landquart

Verprügeln, fichieren und für dumm verkaufen. Das ist die Strategie der Bündner Kantonsregierung und ihres Wef-Ausschusses. Vergangene Woche, fast exakt fünf Monate nach dem Landquarter Polizeikessel vom 24. Januar, präsentierte der Ausschuss einen fünfseitigen Bericht über seine «detaillierten Abklärungen». Der «Einsatz der Sicherheitskräfte» sei «vorbildlich, ruhig und der Situation angemessen» gewesen. Vorwürfe seien «völlig fehl am Platz», schliesslich hätten auch die zahlreich anwesenden Medienschaffenden die «Arbeit der Polizeikräfte praktisch nicht kritisiert».

Über tausend Personen waren damals auf dem Heimweg von der friedlichen Anti-Wef-Demo in Chur. Der voll besetzte Zug stoppte in Landquart, die Polizei holte die Leute mit massiver Gewalt aus den Waggons, trieb sie kreuz und quer über den Bahnhof, kesselte sie auf dem Vorplatz ein und schleuste sie dann in Fünfergruppen durch einen Fichierparcours - teils im Freien, teils in der Tiefgarage des gegenüberliegenden Coop.

Selber schuld, sagt der Ausschuss: Die Polizei habe nur auf die «diversen rechtswidrigen Handlungen eines Teils der Demonstranten» reagiert, man habe Straftäter identifizieren und verzeigen wollen. Sachbeschädigungen hat es tatsächlich gegeben. Laut Aussage der Betroffenen hatte die Polizei aber bereits bei Einfahrt des Zuges ein Gitter über den Gleisen geschlossen. Selbst wenn dem nicht so gewesen sein sollte, besteht kein Zweifel, dass es sich um eine vorbereitete Aktion handelte: Der Platz war komplett eingezäunt, ein grosses Aufgebot an Grenadieren stand bereit, und selbst die Fichierbüros im Coop waren vorher eingerichtet worden.

Wegen der «heftigen Reaktion eines Teils der Demonstranten», so der Ausschuss weiter, sei es «zu vereinzelten Gewalteinsätzen der Sicherheitskräfte» gekommen. Tatsache ist, dass die Polizei ihr gesamtes Repertoire an «nichttödlichen» Waffen zum Einsatz brachte: Wasserwerfer, Tränengas, «Irritationskörper» (Knallgranaten), Gummigeschosse, Pfefferspray und natürlich die polizeilichen Mehrzweckstöcke, die selbst auf die Köpfe von Sitzenden niedergingen.

1082 Personen habe die Polizei dann einer «einfachen Personenkontrolle» unterzogen: die rund 500 «als harmlos eingestuften» erfasste sie draussen, den offenbar gefährlichen Rest in der Tiefgarage. Zehn Personen hat sie verzeigt, die VerursacherInnen der Sachbeschädigungen sind nicht darunter. Gemessen am vorgeblichen Ziel war das Ganze also ein totaler Flop, dessen einziger Zweck die Einschüchterung und Fichierung der DemonstrantInnen war. Bevor die Bündner Polizei die Daten löschte, hat sie sie - angeblich unfreiwillig, nur auf Ersuchen hin - an den Dienst für Analyse und Prävention (DAP), die eidgenössische Staatsschutzzentrale in Bern, weitergegeben. Eine Übermittlung an die Stadtpolizei Bern wurde verweigert. Der DAP wird diese Daten nun zu einem Grossteil in seiner Staatsschutzdatenbank ISIS speichern, wo sie dann auch für die Berner StadtpolizistInnen abrufbar sind.

Die gewaltsame Landquarter Massenkontrolle war weder «ruhig» noch «angemessen». Der Bericht des Ausschusses zeigt jedoch geradezu «vorbildlich», wie man die Öffentlichkeit betrügen kann.

TopTop

Inhalt Dossier «WEF»

WOZ vom 05.02.2009

Anti-Wef-Demo in Genf: Die globalisierungskritische Bewegung auf der Suche nach Rezepten

WOZ vom 29.01.2009

Der Wef-Chef: Wie Professor Klaus Schwab die Welt retten will - und warum er besser ins Sanatorium ginge

Mit Gift ans Gold - ohne Rücksicht auf die ghanaischen BäuerInnen: In Davos wurden die Public Eye Awards verliehen

Der Journalist und sein hartnäckiger Datenschatten: Was steht in Kamil Majchrzas Fiche, das er nicht wissen darf?

WOZ vom 22.01.2009

Weit weg von Davos soll Genf zu einem «neuen Athen» werden: Die Anti-Wef-Demo gibt viel zu reden

WOZ vom 13.03.2008

«Eine ausserordentlich grosszügige Formulierung»: Ein Untersuchungsbericht kritisiert das Vorgehen der Basler Polizei gegen die Anti-Wef-Demonstration vom Januar

WOZ vom 31.01.2008

Die Davoser Revolutionäre: Die Lebensmittelpreise steigen, das Wasser wird knapp - jetzt retten Pepsi und Bill Gates die Welt

WOZ vom 24.01.2008

Auf Krücken in den Knast: Bewilligt, verboten, stattgefunden - Verwirrende Eindrücke von der Berner Anti-Wef-Demo

Zehn Minuten Panik: WOZ-Journalist Dinu Gautier über seine Verhaftung kurz vor der Berner Anti-Wef-Demo am letzten Samstag

Hühner im Dialog: Der oberste Steuermann von Greenpeace fliegt ans Weltwirtschaftsforum nach Davos. Was bringts?

alle Artikel zum Dossier