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Nach dem Wef

Wie genug ist genug?

Von Bettina Dyttrich

Wenig los in Davos - wie geht es den linken Bewegungen in der Schweiz?

Ein paar Clowns, Kuhglocken und Schneebälle, etwas Gerüttel an den Absperrgittern - war es das? Den Presseleuten war in Davos am vergangenen Samstag die Enttäuschung anzusehen. Keine spektakulären Bilder, und die Polizei spritzte nur mit dem Wasserschlauch. Neben dem bewilligten Umzug auf der Talstrasse, weit weg von den Wef-TeilnehmerInnen, gab es noch eine kurze Demo gegen den mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón und andere kleine Aktionen (vgl. Seite 5). Doch der grosse Aufruhr blieb aus. Selber Aktionen auf die Beine zu stellen, war offenbar für viele Wef-GegnerInnen eine zu grosse Hürde. Andere wollten die Kontrollen im «Viehgatter» von Fideris (das dann gar nicht zum Einsatz kam) nicht über sich ergehen lassen. Sie reis­ten lieber nach Basel, wo immerhin 2000 Leute demonstrierten.

Auch wenn die Demos gegen das Wef noch nie Zehntausende angezogen haben, sprechen die Medien von einem «weiteren Abflauen» der Anti-Wef-Proteste. Liegt die Schweizer «Antiglobalisierungsbewegung» im Sterben? Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn wer gehört überhaupt zu dieser Bewegung? Alle, die gegen das Wef demonstrieren? Oder auch jene, die aus Angst vor der Polizei zu Hause bleiben? Nur AktivistInnen, die sich zu Wirtschaftsthemen äussern, oder auch andere? Die Bezeichnung wurde in den letzten Jahren für fast alles gebraucht, was sich links der etablierten Parteien tummelt. Sie ist ziemlich unbrauchbar.

Klar ist: Die Proteste gegen das Wef stehen nicht mehr im Rampenlicht wie vor ein paar Jahren. Sie sind kein Thema mehr, mit dem sich JungpolitikerInnen und NGOs profilieren können. Doch weit weg von der Medienaufmerksamkeit bewegt sich da und dort etwas. Ein Teil der Generation um die zwanzig ist äusserst politisiert, und es entwickeln sich Verbindungen über die Generationen. Der Ruf nach Freiräumen und selbst organisierten Projekten wird vielerorts wieder lauter, etwa in Thun mit der Gruppe RaumfängerInnen, in Bern mit dem autonomen Bildungsprojekt Denkmal, in der Winterthurer HausbesetzerInnenbewegung oder in St. Gallen um das Kulturzentrum Rümpeltum. Auch das Interesse an selbst organisierten Projekten in der Landwirtschaft wächst. Die Unia-Jugend hat sich organisiert und gibt neu sechsmal im Jahr die Zeitung «Koopera» heraus (siehe WOZ Nr. 2/07). Und es gibt wieder Gruppen, die sich mit linker Ideologie und Geschichte, Anarchismus und Marxismus auseinandersetzen - samt den alten Spaltungen und Grabenkämpfen, die AltachtundsechzigerInnen eigentlich vor Nostalgie zum Weinen bringen sollten. Wenn sie sie überhaupt wahrnähmen.

Es ist (noch?) keine grosse Bewegung - doch sie ist grösser als vor zehn Jahren. Was auffällt: Die Leute reden wieder vom Kapitalismus. Sie kritisieren nicht Einzelprobleme, sondern das Ganze. Natürlich sind das zum Teil Phrasen, aber es steckt doch mehr dahinter. Mit der Verschärfung der sozialen Gegensätze scheinen einige Zusammenhänge klarer zu werden: Die fehlenden Lehrstellen, der mörderische Stress am Arbeitsplatz, die Gegensätze zwischen Nord und Süd, die Umwandlung der Innenstädte in Shoppingcenter, der Sozialabbau und die Missachtung der Grundrechte haben miteinander zu tun. Was in den bequemeren Jahren der Hochkonjunktur abgedämpft war, zeigt sich heute klar und deutlich: dass es in diesem wirtschaftlichen System erstens, zweitens und drittens um Profit geht - und dann kommt lange nichts mehr.

Ein Thema kommt allerdings zu kurz: die globale Verteilung der begrenzten Ressourcen. Rhetorische Bekenntnisse zur Ökologie gibt es zwar viele, praktisches Handeln jedoch wenig. Jederzeit überall hinfliegen zu können - und sei es an ein Sozialforum -ist für fast alle normal. «Es ist genug für alle da», heisst eine Kampagne von Attac Deutschland. Das stimmt - die Frage ist, wie «genug» definiert wird. Wenn Auto, Flugreisen und jedes Jahr ein neues Handy der Standard sein sollen, dann ist global nicht genug für alle da.

Global gibt es die Bewegungen für eine andere Wirtschaft, gegen Umweltzerstörung und für Menschenrechte schon viel länger als das Wort «Antiglobalisierungsbewegung». Die KleinbäuerInnenbewegungen in Indien, die Aufständischen in Chiapas und Oaxaca, die Bewegungen für Wohnraum und Service public in Südafrika, die Aktivist­Innen gegen Gentechsoja in Südamerika und viele andere können sich nicht leisten, aufzuhören, wenn keine Kameras auf sie gerichtet sind. Die Welt verändern ist kein schneller Event. Im Süden scheint das klarer. 

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