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Anti-Wef-Demo

Vier Meter Papiermaché, abgeführt und weggesperrt

Von Dinu Gautier

Die globalisierungskritische Bewegung, polizeilich in die Enge getrieben, sucht nach Raum für Kreativität. Demobericht vom letzten Samstag in Genf.

Die Polizei bestimmt die Choreografie des Schauspiels, an diesem Samstag­nachmittag in Genf. Hier rast ein Was- serwerfer eine Strasse runter und putzt en passant die Fensterscheiben ­einiger Geschäfte. Dort explodiert ­eine Tränen­gaspetarde, worauf aus allen Himmelsrichtungen Kamerateams, De­monstrantInnen und Schaulustige angerannt kommen, verzweifelt den Ort suchend, wo etwas passiert. Auf dass dann dort, wo die Polizei gerne eine klare Front­linie hätte, tatsächlich ein paar Flaschen geflogen kommen - und sei es von vermummten Zivilpolizisten, die ­ihre KollegInnen in Uniform absichtlich verfehlen. Andernorts wiederum rennen Greiftrupps an Bushaltestellen, um vermummte Jugendliche festzunehmen und sich mit deren Kollegen kurz, aber heftig zu prügeln. Das Tränengas wird vom Wind durch die Strassen geweht, alle weinen: Touristen, Demonstrantinnen, Polizisten, Hunde.

Das Ritual nimmt seinen Lauf: die alljährliche Groteske, wenn jene ihre Stimme oder gar ihre Fäuste gegen das Treffen der selbsternannten Weltelite in Davos erheben wollen, die nicht am «kritischen Dialog» mit dem Weltwirtschaftsforum (Wef) interessiert sind. Da gibt es von staatlicher Seite eine klare Strategie: Sie heisst Repression. Sie ist zigfach erprobt. Und sie ist erfolgreich.

Kontrollierte Szenerie

Es ist die Polizei, die bereits am Morgen die Bühne für diesen Protest gestaltet. Sie stehen an den Strassen­ecken, die Polizeikräfte aus allerlei Kantonen. Es sind viele (ihr Einsatz wird eineinhalb Millionen Franken kosten), sie tragen Helme, Beinschoner, manche sind vermummt. Ihre martialische Präsenz macht deutlich, dass hier ganz böse Gestalten auftreten werden, dass es gefährlich sein wird, sich ihnen anzuschliessen.

Als sich Anfang Nachmittag die gut tausend DemonstrantInnen besammeln, wird ein Polizeikessel gebildet, der räumlich klar definiert, wer DemonstrantIn (gefährlich, drinnen) und wer ZuschauerIn (mühsam, draussen) ist. Die Kontrolle der Szenerie geht aber noch weiter: Von ausserhalb des Kessels kommt das Maskottchen der Anti-Wef-Bewegung angefahren: Mafalda, die argentinische Comicfigur, vier Meter hoch und aus Papiermaché. Sie grinst zwar fies, passt aber als polizeilich unvorhergesehene Requisite nicht wirklich zum medial heraufbeschworenen Treffen der Steineschmeisser und Schaufensterzerstörerinnen. Mafalda wird sofort verhaftet und in den vergitterten Innenhof eines nahe gelegenen Polizeipostens gesperrt.

Am Rednerpult wird es dann als Erfolg gefeiert, dass man sich überhaupt versammeln durfte, angesichts des Demonstrationsverbotes, das die (linke) Stadtregierung ausgesprochen hatte. In der Kälte stehend, umzingelt, fühlt sich das aber gar nicht wie ein Erfolg an. Jetzt spricht Jean Ziegler vom «Tanz der Vampire in Davos», von der sinkenden Entwicklungshilfe, von hungernden Kindern, von skandalösen Bankenrettungspaketen in Milliardenhöhe.

Die Krise gibt den Wef-GegnerInnen Recht. Man hat es ja immer gesagt. Nur: Was hat man nun davon? Ein ­Demonstrant ruft: «Genug der Ansprachen, schreiten wir zur Tat.» Die Frage ist nur, welche Tat? Was ist zu tun? Wo sind die Rezepte? Man ist ratlos. Die dort oben in Davos sind zwar auch ratlos, haben es aber einfacher, weil sie möglichst bald zum Courant Normal zurückkehren wollen. Dafür braucht es kaum Fantasie (mal abgesehen von der Formulierung reuiger Besserungsgelöbnisse). Hier unten muss man sehr kreativ sein, wenn man eine Veränderung, ein anderes System sich nur schon vorstellen, geschweige denn vermitteln und einen konkreten Weg dorthin aufzeigen will.

Demonstration der Schwäche

Ein Polizeikessel, freilich, ist kein Ort, wo sich Kreativität besonders frei entwickeln und erleben lässt. Nur eine Handvoll Clowns übt sich gerade vergnügt und recht erfolgreich in der Umkehrung der Situation: Mit einer Schnur «fesseln» sie ausserhalb des Kessels einen Wasserwerfer. Aber es sind Clowns, die kann man ja nicht ernst nehmen. Immerhin lachen und handyfilmen zahlreiche PassantInnen.

Drinnen, im Kessel, kommt der ehemalige Genfer Solidarités-Nationalrat Pierre Vanek gerade vom Rednerpult, wo er ausgebuht worden ist: «Meine Partei hat den Demoaufruf ursprünglich nicht mitunterzeichnet, weil der Aufruf zu platt und zu wenig konkret gewesen ist und ich nicht verstehe, wieso man so weit von Davos weg demonstriert.» (Genf als Standort der Wef-Stiftung, von Privatbanken und einer globalen Rohstoff-Handelsbörse befinde sich im Herzen des kapitalistischen Sys­tems, heisst es im Demoaufruf). Man ­müsse die Kapitalismuskritik konkreter an aktuelle soziale Fragen knüpfen: «Das hier ist eine Demonstration der Schwäche, wir müssten jetzt eigentlich 10 000 Menschen sein, mindestens.» Gekommen sei er, weil das Demoverbot nicht akzeptabel sei und es nun auch um das Recht zur freien Meinungsäusserung gehe.

In der Menge werden die Sprechchöre lauter. «Demo jetzt! Demo jetzt!» Und: «Police partout, justice nulle part» («Überall Polizei, nirgends Gerechtigkeit»). Die Frustration steigt. OrganisatorInnen verhandeln mit der Polizei. Die­se will weiterhin alleine Regie führen, der Umzug bleibt verboten.

Jetzt versuchen die Vermummten von «Revolutionär gegen Wef», das Zepter zu übernehmen. Eine Demo formiert sich, zwanzig Meter weiter wird der Umzug von einer Polizeikette gestoppt. Die Frustrationsfalle schnappt zu: Es fliegen Flaschen, die Polizisten knüppeln, dann kommt das Tränengas. Die FotografInnen fotografieren, die Kameras filmen, die Bilder sind gemacht. Sie werden zur nachträglichen behördlichen Rechtfertigung für die Dutzenden von Präventivverhaftungen vom Mittag herhalten müssen. Es folgen die eingangs beschriebenen Szenen.

Am Abend bleibt einmal mehr festzuhalten, dass die globalisierungskritische Bewegung hierzulande taktisch in einer Sackgasse steckt. Denn es sind Momente des kollektiven Erfolgs, seien sie auch nur symbolischer Natur, die eine Bewegung am Leben erhalten, die Menschen daran glauben lassen, gemeinsam sei etwas zu erreichen. Und mit Demonstrationen in Schweizer Städten während des Wefs sind diese offenbar nach wie vor nicht zu holen. Aber wer weiss schon, in Zeiten der Krise, was morgen sein wird. Vielleicht strömen sie ja bereits nächstes Jahr nach Davos und übernehmen die Regie, die kreativ-zornigen Massen.

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