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«Seini Barakat», ein aktuell gebliebener Roman aus Ägypten

Die Herrschaft der Geheimdienste

Rezensiert von Arnold Hottinger

Ein vor Jahrzehnten erschienener Roman erzählt von den Mechanismen der Geheimdienste am Beispiel Ägyptens im 16. Jahrhundert.

Der bedeutende Roman «Seini Barakat» von Gamal al-Ghitani, sicher einer der wichtigsten der modernen ägyptischen Literatur, befasst sich mit dem Geheimdienst und seiner Machtausübung. Er tut dies in historischem Gewand. Der Roman spielt am Anfang des 16. Jahrhunderts, in der Zeit des Übergangs von der Herrschaft der Mamluken über Ägypten zu jener der Osmanen. Stilistisch lehnt er sich an die grossen Annalenschreiber von Kairo an, die Historiker Ibn Iyas und al-Gabarti; doch seine Erzähltechnik ist modern. Sie schreitet in Momentaufnahmen einzelner Personen und Zeiträume voran. Hauptpersonen sind zwei Geheimdienstchefs. Der gewissermassen klassische Typus, Sakariya, kontrastiert mit dem Geheimdienstmann neuer, auf Demagogie hinauslaufender Ideen, Seini Barakat, dem «Diener des Sultans, Freund des Volkes». Weitere Hauptfiguren sind zwei Studenten der islamischen Universität al-Ashar: Amr, der als Spitzel für die Geheimdienste wirkt; Said, der sich über alle die Ungerechtigkeiten empört, die in Kairo vorkommen.

Das Geschehen beginnt damit, dass Sakariya, der alterfahrene, altallmächtige Geheimdienstchef unbedingt «wissen muss», welches Verhältnis besteht zwischen dem Herrscher und seinem wunderschönen Lieblingspagen, Shaaban. Er lässt dem Knaben nachspüren, entführt ihn in seinen Privatkerker, verhört ihn lange, ohne ein Geständnis zu erhalten, bis er selbst ihn auszieht, vergewaltigt und ihn am nächsten Morgen ergraut und zerstört wiederfindet, worauf er ihn lebendig begraben lässt.

Seini, ein Neuaufsteiger, tritt auf; er besitzt direkten Zugang zum Herrscher, mit dem er sich täglich eine Stunde lang unterhält. Der Sultan erhebt ihn zum Hauptverantwortlichen für Ruhe und Ordnung. Seini vermag es gleichzeitig, durch betont frommes und bescheidenes Auftreten, sich beim Volk beliebt zu machen. Er wird von den einfachen Leuten angebetet. Doch dies hindert ihn nicht daran, den bewährten Altmeister Sakariya zu seinem Stellvertreter zu ernennen und mit der Hilfe seines Geheimdienstnetzes zu regieren.

Er versichert sich seiner Person, indem er ihm klar macht, er wisse, wo der Liebling des Sultans, Shaaban, begraben liege. Sakariya intrigiert gegen ihn bei den Grossen des Reiches, doch Seini, gestützt auf den Herrscher, bleibt überlegen. Seini deutet gegenüber Sakariya an, dass er seinen eigenen Geheimdienst besitze. Erst gegen Ende des Buches wird Sakariya klar, dass ein solcher zweiter Dienst gar nicht existiert. Seini hat sich nur der Mitarbeit der jüngsten und attraktivsten Konkubine Sakariyas versichert, der 16-jährigen Sklavin Wasila. Sakaryia tötet sie daraufhin in seinem Zorn so schnell und brutal, dass weder er noch wir das Geheimnis ihrer Kontakte mit Seini erfahren.

Wie bunte Fische im Netz

Die Funktionsweise der Geheimpolizei wird unter anderem durch ihre Wirkung auf die beiden Studenten gezeigt. Amr, der Spitzel, fällt in wachsende Furcht und Abhängigkeit, doch auch der «Idealist» Said gerät in ihre Fänge. Er macht eine «Reise» durch ihre Gefängnisse durch, wird dann als gebrochener Mann auf die Strasse zurückgeschickt, um auch als Spitzel zu dienen. Frauen spielen in dem Roman nur eine Rolle als Sexobjekte oder Sexsklavinnen, die auch als Agentinnen eingesetzt werden; als Mütter, oder aber als unsichtbare und körperlose Idealbilder. Said hegt eine ideale Liebe, «die er nicht einmal in Gedanken zu entkleiden wagt», wie er es mit allen anderen natürlich verschleierten Frauen, denen er auf der Strasse begegnet, regelmässig zu machen pflegt.

Der Roman endet mit der Machtübernahme der Osmanen in einem verbrannten und geplünderten Kairo. Ein neuer Herrscher sitzt auf dem Thron. Ausrufer ziehen durch die geschändeten Strassen und stellen den von ihm ernannten Chef für Ruhe und Ordnung der Bevölkerung vor. Er ist Seini Barakat. Kurz zuvor hat ihm Sakariya das Leben gerettet. Er hätte gehenkt werden sollen. Doch sein ihm früher feindlicher Stellvertreter, Sakariya, macht dem Sultan klar, wie viele Schätze und wie viel unschätzbares Wissen Seini angesammelt habe, was alles mit seinem Tod unwiederbringlich verloren ginge. Sakariya rettet ihn, weil man ja nie wissen kann … Ihm könnte einmal Ähnliches begegnen, dann würde er Seini benötigen!

In den Maschen des Netzes der Geheimdienste zappelt, wie bunte Fische, das ägyptische Volk. Der Roman zeigt sein trotz allem unverwüstliches tägliches Leben. Sogar die Landschaften rund um Kairo herum scheinen durch. Das überzeugende Hintergrundleben der einfachen Ägypter, unverwüstlich auch in der Misere, in den Kaffees, in den Schlafsälen der Azhar, Objekte unter den Lupen der Geheimdienstleute (sie wissen und fürchten es, aber was sollen sie tun?), gibt dem Roman seine künstlerische Glaubwürdigkeit, trotz den fast unglaublichen Grausamkeiten von Seiten der Machthaber, die als selbstverständliche Geheimdienst- und Herrschaftsroutine geschildert werden.

Kongress der Inquisitoren

Die politische Bedeutung des Romans liegt darin, dass die ganze arabische Welt auch heute noch von den Geheimdiensten mit den gleichen Methoden sadistischer Angstverbreitung regiert wird. Man hat die Folter nur gerade elektrifiziert. Dies gilt von Marokko über den ganzen arabischen Raum bis zum Irak und weiter über Iran bis nach Pakistan. Israel ist nicht ausgenommen, nur dass die dortigen Geheimdienste sich, gegenwärtig noch, auf die immer noch etwas rebellischen arabischen «Untertanen» der Israelis konzentrieren.

Das Buch al-Ghitanis ist voll von Anklängen an das Nasser-Regime, doch mit dem Vergehen der Jahre wurden sie auch zu Echos der Zeiten Sadats und Mubaraks. Das Blossstellen der Methoden und Triebfedern solcher Geheimdienstregimes ist an sich schon der wirksamste aller Proteste, nicht vergebens arbeiten sie stets unter strengster Geheimhaltung. Diese Wirkung bleibt erhalten, obwohl die Enthüllung aus künstlerischen Gründen und um überhaupt gedruckt werden zu können, in die Geschichte Ägyptens zurückverlegt wird. Die historische Sicht hat auch einen anderen Vorteil. Sie erinnert daran, wie alteingefressen diese Methoden sind. Sie gehen auf babylonische, pharaonische und achämenidische Zeiten zurück. Ein Machthaber nach dem anderen durch die letzten fünf Jahrtausende hindurch glaubte, nicht auf sie verzichten zu können. Wenn ein Machthaber schwach ist, wird er selbst zu ihrem Spielzeug, wie die Romanfigur Sakariya wohl weiss.

Im Buch al-Ghitanis kommt auch ein internationaler Kongress der Geheimdienstchefs vor. Der äthiopische Geheimdienstchef, der iranische, der indische, der Grossinquisitor aus dem Frankenland, der jemenitische und so weiter treffen sich in Kairo, um ihre Methoden zu verfeinern und voneinander zu lernen. Einige der dort vorgelegten Denkschriften werden zitiert. Heute werden solche Kongresse unter dem Vorsitz der CIA durchgeführt.

Warum gibt es keine Demokratie in der arabischen Welt? - Weil sie Araber sind? Weil sie Muslime sind? - Weit gefehlt! - Weil sie bis heute nie das Glück gehabt haben, sich aus den Netzen ihrer von den Machthabern eingesetzten Geheimdienstchefs freizuspielen. Die Machthaber sassen früher in ihren eigenen Ländern, sitzen heute jedoch zu bedeutenden Teilen im Ausland, das sich für Dinge wie für ihr Erdöl sehr interessiert.


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«Seini Barakat. Diener des Sultans, Freund des Volkes»

al-Ghitani, Gamal.

Lenos Verlag. Basel 1996. Die arabische Ausgabe erschien erstmals 1974 in Damaskus