Aufklärerische Grenzgänge zwischen Orient und hier
Der Erzähler aus Lahore
Von Pit Wuhrer
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Marxistischer Analytiker, Literat, politischer Aktivist, muslimischer Atheist, aufgewachsen in Südasien, daheim in Südengland: Jetzt kommt Tariq Ali nach Zürich.
Jeden Sommer, wenn die Hitze und die Langeweile in Istanbul unerträglich werden, zieht sich die Familie von Iskender Pascha auf ihren prächtigen Landsitz am Maramara-Meer zurück, um dort - umgeben von Aprikosen-, Mandel-, Walnussbäumen und vielen Bediensteten - über Politik, Philosophie und Poesie zu räsonieren. So war das auch im Sommer 1899, und doch verliefen diese Sommerferien ganz anders. Iskender Pascha, ein Vertrauter des Sultans und ehemals Botschafter des Osmanischen Reiches in Paris, hatte einen Schlaganfall erlitten - und so strömten alle herbei, die tatsächlichen und vermeintlichen Söhne und Töchter des alten Notablen wie Nilofer, die gegen den Willen ihres Vaters einen durchreisenden griechischen Schulmeister geheiratet hatte (der im Laufe des Sommers von nationalistischen Türken ermordet wird), und die beiden Brüder des angesehenen Aristokraten - der eine in Begleitung seines Lebensgefährten, eines Barons aus Berlin, der andere ein erfolgreicher Kaufmann in Kairo. Sie erzählen Geschichten und begeben sich nacheinander zu einem verwitterten Felsen, der vor langer Zeit die Statue einer heidnischen Göttin gewesen sein muss. Dieser «steinernen Frau» beichten sie ihre Geheimnisse, ihre Sehnsüchte, ihre Leiden.
Iskender Pascha erholt sich von dem Schlaganfall, aber ein Zeitalter neigt sich dem Ende zu: Der langsame Verfall des Osmanischen Reiches ist unübersehbar. Einer der Söhne hat sich rebellischen türkischen Offizieren angeschlossen, die das marode Imperium modernisieren wollen. Doch die kulturell reiche, tolerante, aber von innen zerfressene osmanische Gesellschaft löst sich unter dem Druck der europäischen Grossmächte und der Nationalbewegungen allmählich auf. Der Kollaps des grössten islamischen Reiches aller Zeiten scheint unabwendbar.
Wer sind die Fundamentalisten?
Mit «Die steinerne Frau» hat Tariq Ali den dritten Roman seines Islamischen Quintetts vorgelegt und erneut seine grosse Erzählkunst bewiesen. Geschickt verwebt er persönliche Schicksale, einzelne Begebenheiten, gesellschaftliche Veränderungen mit den gewaltigen Umbrüchen der Zeit und führt uns auf angenehm unaufdringliche Weise in die Geschichte zurück, in jene Jahrhunderte, in denen die grossen Kulturen und Religionsgemeinschaften neben- und miteinander leben konnten - und nur ein Fundamentalismus die gegenseitige Befruchtung der Kulturen störte: der der christlichen Eiferer, die, ökonomischen Zielen folgend, alles niederwalzten.
In seinem Buch «Im Schatten des Mandelbaums», dem ersten Roman des Zyklus, schildert Ali die Geschichte einer maurischen Familie in al-Andalus. Achthundert Jahre lang hatten die Muslime einen grossen Teil der Iberischen Halbinsel bewirtschaft, die Kultur und die Wissenschaft zu grosser Blüte gebracht, riesige Bibliotheken aufgebaut. Ihre Oberschicht war, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, multikulturell im besten Sinne. Bis die Reconquista begann, die christliche Rückeroberung, der sich schon Karl der Grosse verschrieben hatte. 1492 schickte die spanische Krone Christoph Kolumbus auf eine Seereise mit ungewissem Ausgang, der viele Feldzüge folgen sollten und die finanziert werden musste. Kurz danach konfiszierten die christlichen Eroberer alle moslemischen Besitztümer, 1499 liess die Kirche sämtliche arabischen Bücher und Handschriften der Heilkunst, der Astronomie, der Theologie, der Philosophie verbrennen. Mittendrin in dieser grossen Umwälzung überlegt sich nun der Gutsherr Umar bin Abdallah, Herrscher über ein Dorf mit maurischen, jüdischen, christlichen Bauern und Handwerkern, ob er konvertieren soll und wie er seinen Kindern eine gesicherte Zukunft ermöglichen kann; sein Sohn Suhayr aber verschanzt sich mit anderen maurischen Widerständlern in den andalusischen Hügeln.
Der Erfolg dieses Romans, sagt Tariq Ali, habe ihn sel-ber verblüfft. Besonders im deutschsprachigen Raum sei er viel gelesen worden. Die Leinenausgabe habe eine Auflage von 45 000 Exemplaren erreicht, die Taschenbuchausgabe sei 100 000-mal verkauft worden. Dieser Erfolg ist wohl auch der Grund, weshalb Ali in Deutschland vor allem zu Kulturveranstaltungen eingeladen wird. In Britannien hingegen wird der ehemalige Sprecher der britischen 68er-Bewegung weiterhin vor allem als politischer Aktivist wahrgenommen (dem man literarische Qualitäten trotz hervorragenden Rezensionen auch in den Mainstream-Medien nicht so recht zutraut) - auf der Insel gibt es kaum eine Grossdemonstration, zu welcher der 1943 in Lahore (Pakistan) geborene Ali nicht eingeladen wird und auf der er nicht spricht. In der Schweiz hatte er seinen letzten Auftritt während der Attac-Konferenz «Das andere Davos» im Januar und ist vor allem durch seine WoZ-Artikel bekannt (unter anderem zu Pakistan und über das islamische Kricket, siehe WoZ Nr. 26/02).
Wie gut er beides, seine politisch-analytischen Qualitäten und sein literarisches Können, verbinden kann, zeigt besonders der zweite Roman seines Islamischen Quintetts: «Das Buch Saladin» (Themen der beiden noch nicht erschienenen Bände sind Sizilien am Ende der maurischen Herrschaft und das 20. Jahrhundert). Salah al-Din, der Sultan von Damaskus und Kairo im 12. Jahrhundert, ist ein gütiger, aufgeklärter Herrscher mit modernen Zügen. Vor dem Sturm auf das von den christlichen Franken besetzte Jerusalem - mit ihrer Brutalität und ihren Raubfeldzügen hatten die Franken die gesamte zivilisierte Welt, also ganz Arabien, in Schrecken versetzt - beauftragt er den jüdischen Gelehrten Ibn Yakub, seine Geschichte niederzuschreiben und die Geschehnisse zu protokollieren. Ibn Yakub, der Biograf und Berichterstatter, tut wie ihm geheissen und hält alles fest - die Geschichte des Sultans, der aus den kurdischen Bergen kam, die Erzählungen seines Mentors und Beraters Shadhi (ein einfacher Mann), die Liebe der alten Lieblingsfrau des Sultans zur neuen Lieblingsfrau, die ständigen Konflikte zwischen den arabischen Clans, die das grosse Ziel der Eroberung Jerusalems gefährden (wie aktuell das doch ist!) und schliesslich die grosse Schlacht. Die konnte Salah al-Din gewinnen, weil er die Wasserlöcher in der Umgebung besetzen liess, bevor er die Franken aus ihrer Festung lockte. Wasser als Kriegsmittel - auch das kommt einem bekannt vor.
Kampf um die Weltordnung
Der Roman ist fiktiv, über Saladin selbst existieren nur wenige verbürgerte Quellen. Aber die historischen Bezüge stimmen, wie in allen Büchern, die Ali bisher veröffentlicht hat (rund zwei Dutzend, die meisten in viele Sprachen übersetzt). Dass er beides kann - Geschichten erzählen, Geschichte analysieren -, zeigt sein neuestes Buch «Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung». Darin beschreibt er (ausgehend von den Anschlägen vom 11. September 2001) den «Clash of Fundamentalisms», so der englische Originaltitel in Widerspruch zu Samuel Huntingtons «Clash of Cultures». Wie der Westen den Osten seit je betrogen hat, wie sich die Menschen im Nahen Osten und in Südasien, den aktuellen Konfliktregionen also, jahrhundertelang vergebens um eine eigenständige Bewältigung ihrer Probleme bemühten, wie viele von ihnen schliesslich, bar jeder Hoffnung, in eine antiwestliche, antiimperialistische Haltung hineinwuchsen - all das belegt er mit vielen Fakten, literarischen Zitaten und Erinnerungen aus seiner Jugendzeit. Immerhin wuchs Ali in der pakistanischen Oberschicht auf. Und was diese Oberschicht so dachte (etwa über den Kaschmir-Konflikt), kann keiner so gut erzählen wie einer, der ihr einst angehörte.
WOZ 45/2002
«Im Schatten des Granatapfelbaums»
Ali, Tariq
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Heyne. München 1994
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285 Seiten. Fr. 16.90
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«Das Buch Saladin»
Ali, Tariq
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Heyne. München 1999
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424 Seiten. Fr. 14.20
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«Die steinerne Frau»
Ali, Tariq
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Diederichs. München 2001
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317 Seiten. Fr. 38.10
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«Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung»
Ali, Tariq
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Diederichs. München 2002
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416 Seiten. Fr. 39.70


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