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US-Bücher zur Lage der Nation

Ewige Kriege, kleines Wunder

Von Lotta Suter

Trotz Kriegshysterie erschienen in den USA auch in den vergangenen Monaten zahlreiche Bücher die sehr kritisch mit der eigenen Politik umgingen - und auf ein erstaunliches Echo stiessen.

Nicht bloss der Absatz von US-Flaggen und rot-weiss-blauer Unterwäsche ist im letzten Jahr in den USA markant gestiegen, auch kritische Bücher zur Lage der Nation haben, oft wider Erwarten und in Einzelfällen wider den Willen der Verleger, erstaunlich viele AbnehmerInnen gefunden. Die Leute wollen mehr wissen, als der Regierung, die hier bezeichnenderweise Administration heisst, lieb ist. Barbara Ehrenreichs Reportage aus dem unterbezahlten Dienstleistungssektor «Nickel and Dimed» etwa behauptet sich als Taschenbuch weiterhin auf den Bestsellerlisten; die Dramatikerin Joan Holden hat aus Ehrenreichs Erfahrungen als Putzfrau, Serviererin und Verkäuferin bei Wal-Mart ein bereits begehrtes Bühnenstück gemacht. Eric Schlosser, ein anderer erfahrener linker Journalist, schrieb mit «Fast Food Nation», wo er in der Manier eines Upton Sinclair die Verhältnisse im Agrobusiness und im Schnellimbissgeschäft untersucht, eines der meistverkauften Sachbücher des Jahres. Der Filmemacher und Satiriker Michael Moore übertraf mit mehr als einer halben Million Exemplare von «Stupid White Men» alle Erwartungen und überrascht jedenfalls seine Verleger, die ihn nach dem 11. September dazu zwingen wollten, unpatriotische Textstellen wie «Bush ist ein nationales Sicherheitsrisiko» herauszustreichen. Noam Chomskys neueste Inter-viewsammlung «9-11» gehört mit einer 200 000er-Auflage bereits zu den beliebtesten seiner dreissig Bücher; und dies, obwohl der Autor mit gewohnter Direktheit die USA als «führenden Terroristenstaat» porträtiert. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch daran, dass frühere Werke des MIT-Linguistikprofessors, welche die Südostasienpolitik der USA im Blick hatten, als Bibeln der Antivietnambewegung galten. Greg Palast, ein US-amerikanischer Journalist, der vor allem in England für «The Guardian» und die BBC publiziert, hat seine Artikelsammlung «The Best Democracy Money Can Buy», allein durch alternative Vertriebskanäle rund 40 000-mal in den USA verkauft: oft genug, dass jetzt ein renommierter US-Verlag die Taschenbuchrechte vom kleinen Londoner Kollegen gekauft hat.

Bei zwei Büchern bin ich, vielleicht gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit, hängen geblieben: Bei Gore Vidals Aufsatzsammlung «Ewiger Krieg für den ewigen Frieden», für die er in den USA erst nach Umwegen einen Verleger fand, und beim Essayband «Small Wonder» («Kleines Wunder») der Schriftstellerin Barbara Kingsolver.

Gore Vidal ist ein ziemlich eitler, höchst belesener und meistens zorniger Zeitgenosse des nüchtern-analytischen Noam Chomski. Beide sind gestandene Antiimperialisten mit einem Hang zum Libertären, aber Vidal kann das Flirten mit in- und ausländischen Machtträgern oder berühmten Interviewpartnern und Freunden nie ganz lassen. Oft ist der rebellische Gentleman sprachlich elegant und treffend, wie es in der Schweiz ein Niklaus Meienberg war, zuweilen enragiert, ausschweifend und Zahlen schwenkend wie ein Jean Ziegler - allerdings bloss in der englischen Ausgabe. Der deutsche Text trampelt leider in sämtliche bekannten Übersetzungsfallen und erfindet noch ein paar neue dazu: Aus Verteidigungsminister Rumsfeld wird Rumsfield, vielleicht tönt das amerikanischer; aus dem Muttermord (matricide) von Orest wird «die Sünde mit seiner Mutter zu schlafen», dabei war der mit dem Inzest doch ein ganz anderer griechischer Bursche, und Gore Vidal, unter anderem Verfasser etlicher historischer Romane, würde sich ein solch antikes Kuddelmuddel bestimmt verbitten. Doch auch so noch sind die Zusammenhänge zu erkennen, die Vidal zwischen den Terroranschlägen vom September 2001 und dem Staatsterror herstellt, den die Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg betreiben.

Krieg in der Dritten Welt und Zuhause

Die Militäreinsätze, vorab in der Dritten Welt, sind in dem Büchlein namentlich aufgelistet, inklusive Truppenstärke und originellen Codenamen wie «Adlerauge», «Neue Horizonte» oder «Wüstenfuchs». Dem Terror im Innern der USA sind eigene Kapitel gewidmet. Vorab der Stürmung der evangelikalen Kommune in Waco, Texas, durch amerikanische Bundesbeamte am 19. April 1993, die den Tod von 82 Sektenmitgliedern zur Folge hatte. Aber auch die furchtbare Rache des Timothy McVeigh, der am 19. April 1995 in Oklahoma City ein Bürogebäude der Bundesbehörden in die Luft sprengte und dabei 168 Männer, Frauen und Kinder umbrachte. Die Rolle der Vereinigten Staaten als Feind des Volkes ist für Gore Vidal ein immer wiederkehrendes Thema; der amerikanische Polizeistaat - Vidal bezeichnet die US-Regierung konsequent als Junta - ist für ihn ein Feind, der seine Gegner in die Extreme treibt, in das Sektierertum, ja, den Massenmord. Zur gegenwärtigen Situation schreibt der 76-jährige Gore Vidal, der sich gerne als letzten Verfechter der amerikanischen Republik bezeichnet: «Noch nie in unserer langen Geschichte der nicht erklärten, verfassungswidrigen Kriege sind wir, das amerikanische Volk, mit derart kalkulierter Geringschätzung behandelt worden - nie mussten so viele unbedeutende Speerträger so hohe Steuern zahlen, um gelegentlich an einer Scheinwahl teilnehmen zu dürfen.» Solcher Sarkasmus, solch intellektuelle Überlegenheit und vermutlich auch sein zweiter Wohnsitz in Süditalien machen dem unermüdlichen Spötter das Leben als Speerträger erträglich.

Barbara Kingsolver, eine international bekannte Schriftstellerin Mitte vierzig mit zwei halbwüchsigen Töchtern, grossem Gemüsegarten und Hühnern, schreibt ebenfalls über Amerika im Krieg. Auch sie protestiert seit Jahrzehnten gegen die imperiale Politik dieser Grossmacht, sei es in Irak oder Waco. Aber ihre Aufsätze haben einen völlig andern Ton, sie sind kleinräumiger, verletzlicher, bisweilen sentimental. Die im ländlichen Kentucky aufgewachsene Kingsolver kann oder will sich den Exodus nicht leisten, sie ist mit diesem Land verwachsen: «Ich wünschte, ich könnte meine amerikanische Flagge über ein paar Dingen schwenken, an die ich glaube, das ist unter anderem, aber nicht nur, das Recht auf Dissidenz.» An manchen Stellen gleiten die politischen Überlegungen in «Small Wonder» gar sehr ins private Sinnieren. Andererseits fällt auf, dass weder der laut schimpfende Gore Vidal noch der unbestechlich analytische Noam Chomski den American Way of Life so radikal in Frage stellen wie Barbara Kingsolver es mit ihren sanften Worten tut. Sie sieht die die imperiale Politik der USA nicht bloss in den Militär- und Polizeieinsätzen, sondern auch im herrschenden aggressiven Lebensstil, in der gesellschaftlichen Hybris, in der «protzigen Verschwendung» von natürlichen und menschlichen Ressourcen: «Wie sonst soll man unsere schmatzende unersättliche Gier für unnötige Dinge nennen, unsere gewaltige Sorglosigkeit, was ihre Produktion und ihre Entsorgung anbelangt?» Als Schriftstellerin und politische Aktivistin, aber auch als Mutter und Kleinstbäuerin versucht Barbara Kingsolver hartnäckig, kleine Änderungen Richtung Ökologie und globalem Denken durchzusetzen und das «kleine Wunder» der Hoffnung hinüberzuretten in die Zukunft, die sie vor sich und mit sich hat.

TopTop

«Arbeit poor»

Ehrenreich, Barbara

Antje Kunstmann Verlag. München 2001

254 Seiten. 34.20 Franken

«Fast Food Gesellschaft. Die dunkle Seite von McFood und Co»

Schlosser, Eric

Riemann Verlag. München 2002

380 Seiten. 40.30 Franken

«Stupid White Men. Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush»

Moore, Michael

Piper Verlag. München 2002

21.10 Franken

«The Best Democracy Money Can Buy»

Palast, Greg

Pluto Press. London

224 Seiten. 25 Dollar

«Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat»

Vidal, Gore

Europäische Verlagsanstalt. Hamburg 2002

150 Seiten. 22.90 Franken

«Small Wonder. Essays»

Kingsolver, Barbara

HarperCollins. 2002

288p. 23.95 Dollar