«Ein makelloser Mann», Erzählungen der schottischen Autorin A.L. Kennedy:
Die Glückssucher
Claudia Kramatschek
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«Ich wollte kein Coming-out. Ich wollte nicht entdeckt werden. Ich wollte nicht entdecken, dass sowieso niemand herschaut.» Drei kleine Sätze. Mehr benötigt diese Autorin nicht, um uns das ganze Drama eines Menschen, seine innere Zerreissung erblicken, nein: schmerzhaft erfahren zu lassen. Willkommen also - wieder einmal - im Reich der A. L. Kennedy, jener schottischen Autorin, die nun mit ein paar Jahren Verzögerung auch das deutsche Lesepublikum durch ihre höllischen Textabgründe schicken darf. Denn selbst wenn ihre Texte vom Glück und von der Liebe handeln, so schreibt sie davon mit einer schneidenden Schärfe, die einen vereinnahmt und ausstösst zugleich.
Auch die zehn Erzählungen, die «Ein makelloser Mann» versammelt - fünf darunter sind Erstveröffentlichungen -, auch sie umkreisen die Suche nach Glück, dem Glück in Form von Liebe. Nichts wünschen ihre Figuren so sehr wie das Glück. Und nichts fürchten sie so sehr wie das Glück. Fürchten, dass es in Erfüllung geht, und fürchten, dass es sich nicht erfüllt. Das Glück ist bei Kennedy nicht nur so fragil wie Glas. Glück ist vor allem eine Anstrengung: hard work. Und ihre Figuren tun alles, um es zu erlangen - und dass sie es tun, weniger denn was sie dafür tun, dies ist der Glanz der Hoffnung, mit dem Kennedy ihre Figuren und Leser gleichermassen beschenkt.
Und vielleicht leuchtet die Hoffnung - trotz einer Düsterheit, die ihre Erzählungen umgibt - umso stärker, gerade weil Kennedy zugleich the real thing zeigt: die schmutzige, dunkle, traurige, verlogene Seite jener Sache, die man Liebe nennt. Doppelbödigkeit, Verrat, Gewalt - all das durchzieht diese Momentaufnahmen von Paarungen, die Liebesgeschichten zu nennen daher viel zu wenig, viel zu einfach wäre. Dass sie dabei auch frei sind von allem Gewicht der Moral: Das macht, weil der Verrat, die Gewalt, die Lüge des einen oder der anderen immer auch ein Schnitt in die Wunde der eigenen Seele ist. Und weil die Menschen im Reich der A. L. Kennedy zugleich wie schuldlos schuldig wirken: Denn ist das Verlangen nach Glück des Einzelnen nicht immer frei von Schuld?
Tatsächlich vermessen die Erzählungen nicht nur jene Gratwanderung der Paradoxien, wie sie die Zerreissung zwischen Wünschen und Fürchten bewirkt: die Verblendung etwa des Mannes, der nach Amerika reist, um die frühere Geliebte aus ihrer neuen Liebe zu «retten» - obwohl doch ihre Briefe dem Leser mit jedem Wort das Gegenteil bezeugen ... Die grausame Selbstironie jener jungen Frau, die ihre Fehlschläge in der Liebe zu «Lernbegegnungen» umtituliert ... Es ist auf einer viel tieferen Ebene vor allem eine Zerreissung zwischen gelebtem und ersehntem Leben: eine Zerreissung zwischen den Fesseln, die dem Menschen als soziales Wesen aufgelegt sind, und seiner Conditio sine qua, der Sexualität.
Kennedy erzählt auch von den letzten und ewigen Dingen: der Frage nach dem Tod wie dem Glauben an Gott - wer sie einmal gelesen hat, lernt, dass daran kein Weg vorbeigehen kann. Doch Kennedy weiss Plattitüden und falsches Pathos ebenso zu umschiffen wie auch den erhobenen Zeigefinger. Nein: In einer eher sachlich-nüchternen Sprache führt sie uns mitten hinein in die innersten Regungen der Gefühlskanäle. Und die viviseziert sie wie Kinder die Glieder von Insekten: neugierig und fast grausam distanziert zugleich. Psycho- oder Soziogramme - das interessiert Kennedy nicht. Stattdessen lässt sie uns teilhaben am inneren Kampf ihrer sehnsuchtsgetriebenen Wesen: Den setzt sie wortwörtlich ins Bild, indem sie mit harten, unmittelbaren Schnitten deren tagtraumartige innere Monologe gegen den neutralen Kamerablick der Erzählperspektive montiert. Was sich schmerzhaft öffnet, ist die unerträgliche Kluft zwischen dem Wünschen und Dürfen, dem Gelebten und Ungelebten. Eine Rettung aus diesem Purgatorium gönnen uns die Geschichten von A. L. Kennedy nicht. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Claudia Kramatschek.
WOZ 08/2002
«Ein makelloser Mann»
Kennedy, A. L.
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Wagenbach Verlag. Berlin 2001
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170 Seiten. Fr. 29.30


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