Abo-Service| Inserate| Branchenverzeichnis| WOZ-Shop| Links| Kontakt| Newsletter

Home| Le Monde diplomatique| Dossiers| Gelesen| Archiv
Über uns| ProWOZ

Aris Alexandrous Roman «Die Kiste»

Mörderische Spiele

Rezensiert von Lothar Baier

Eine atemberaubende Parabel über den stalinistischen Nihilismus räumt mit Heldenlegenden auf, stellt aber auch Vermittlungsprobleme.

Der Roman «Die Kiste» von Aris Alexandrou spannt Leserinnen und Leser von der ersten Seite an auf die Folter der spannenden Erfahrung des Informationsentzugs. Ein Mann, wird mitgeteilt, sitzt in Untersuchungshaft; wessen er beschuldigt wird, weiss man nicht. In seiner Zelle fertigt er Aufzeichnungen an, die für den aktenkundigen Untersuchungsrichter bestimmt sind, nicht für ahnungslose Zaungäste. Die Lektüre des Romans, der von Anfang bis Ende aus diesen Mitteilungen an den Richter besteht, kommt dem Belauschen eines fremden Gesprächs nahe, dessen Gegenstände sich erst nach und nach enthüllen. In dem Mass jedoch, in dem sich der fragliche Vorgang aufklärt, verdunkelt er sich erneut durch nachgereichte Korrekturen und Revisionen. Leserinnen und Leser werden bis zum Schluss in quälender und zugleich fesselnder Ungewissheit gehalten.

Bei dem berichtverfassenden Untersuchungshäftling, so viel steht wenigstens fest, handelt es sich um den einzigen Überlebenden einer mysteriösen militärischen Mission im Griechischen Bürgerkrieg. Eine Gruppe ausgesuchter Freiwilliger aus dem regierungsfeindlichen Lager war mit dem Befehl losgeschickt worden, eine in einen Metallbehälter eingeschweisste Kiste mit Inhalt von offenbar höchster Brisanz in eine bestimmte entfernte Stadt zu transportieren, koste es, was es wolle. Die kommunistisch organisierten Soldaten und Offiziere hatten die Anweisung akzeptiert, im Fall von Verwundungen und ernsthaften Erkrankungen Zyankali zu schlucken, damit der Transport nicht aufgehalten würde. Über Funk stand der Konvoi mit dem Oberkommando in Verbindung, das jeden Tag einen Rapport verlangte und Anweisungen über die einzuschlagende Route gab.

Innerhalb kurzer Zeit schmolz die Abteilung auf einen kläglichen Rest zusammen: Feindliche Angriffe, selbst verschuldete Sprengstoffunfälle, vor allem aber Verurteilungen zum Zyankalitod hatten das Kommando fortschreitend dezimiert. Am Ende lieferte der Bericht erstattende Soldat den Pferdewagen mit der Kiste allein am Bestimmungsort ab. Doch anstelle einer Auszeichnung wurde dem Mann ein Haftbefehl ausgehändigt: Man verdächtigte ihn als Saboteur, denn die Kiste - man ahnte es schon - erwies sich als leer. All die Opfer waren wortwörtlich für nichts gebracht worden.

Wer hat hier mit wem ein mörderisch übles Spiel getrieben und zu welchem Zweck? Während der Überlebende in seinen Berichten an den Untersuchungsrichter den Ablauf des Wochen dauernden Marsches rekonstruiert und dabei erste Versionen korrigiert, kommen ihm immer mehr Anhaltspunkte für den Verdacht in den Sinn, dass sich die gesamte Abteilung im Kreis und an der Nase hat herumführen lassen und dass selbst der Feuerüberfall durch feindliche Fallschirmjäger in Wahrheit eine Inszenierung des eigenen Oberkommandos war. Wenn es aber darum ging, die Teilnehmer der Aktion hinsichtlich Disziplin und Opferbereitschaft auf die Probe zu stellen, welchen Sinn konnte es haben, die Geprüften anschliessend bis auf einen umkommen zu lassen? Das Gespenst Stalins, der seine militärische Elite beseitigte, kurz bevor die von Hitler überfallene Sowjetunion dringend erfahrene Befehlshaber gebraucht hätte, geistert durch die Aufzeichnungen des eingesperrten Icherzählers.

Eine Parabel fast ohne Kontext

Aris Alexandrous geschickt aufgebauter Roman erweist sich als atemberaubend beklemmende Parabel des durch die leere Kiste anschaulich symbolisierten spezifisch stalinistischen Nihilismus. In welchem Zusammenhang aber steht die Parabel mit dem Verlauf des Griechischen Bürgerkriegs, in dessen Endphase im Spätsommer 1949 die berichtete Episode angesiedelt ist? Im Unterschied zu GriechInnen, denen der Bürgerkrieg, auch dank ihrer Literatur, immer noch sehr präsent ist, dürften sich deutschsprachige LeserInnen, die mit Auskünften über die jüngere Geschichte Griechenlands nicht gerade verwöhnt werden, nur schwer in den historischen Kontext der fraglichen Episode hineindenken können. War ein derartiger Fall stalinistischer Fremd- und Selbstliquidation charakteristisch für die kommunistisch geführte Bürgerkriegsarmee, oder gehörte er zu den Auflösungserscheinungen dieser im Herbst 1949 bereits geschlagenen Streitmacht? Alexandrous Roman liefert dazu keine Antwort und kann es im Rahmen seines Erzählvorhabens auch nicht tun. Was er über die perversen Techniken stalinistischer Fremd- und Selbstkorrumpierung enthüllt, ist zweifellos interessant, für westliche LeserInnen, die, vor allem seit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs, mit entsprechenden Berichten und Analysen aber förmlich überschüttet wurden, jedoch nichts fundamental Neues. Nachholbedarf besteht hingegen an Unterrichtung über griechische Zeit- und Gesellschaftsgeschichte, sei es in literarischer, sei es in historiografischer Form.

Die deutsche, in der flüssigen Übersetzung Gerhard Blümleins vorliegende Ausgabe dieses Romans stellt somit vor ein Vermittlungsproblem. Als die Originalausgabe von «Die Kiste» 1974 in Athen erschien, war die Obristendiktatur gerade zu Ende gegangen. Vom Druck der Repression und damit auch von der Verpflichtung zur Solidarisierung mit allen Opfern und allem Widerstand befreit, zeigten sich viele Griechen eher als vorher bereit, manchen Perioden ihrer dramatischen Vergangenheit ohne Schönfärberei zu begegnen und dabei auch kommunistische und andere Heldenlegenden zerpflückt zu sehen. Mehr als ein Vierteljahrhundert später ist dieser Kontext, in dem Alexandrous Roman im Lande Aufsehen erregte, nicht mehr gegeben. Als 1978 - kurz vor dem Tod des 1922 geborenen, ins französische Exil geflüchteten Autors - in Frankreich die französische Übersetzung von «Die Kiste» erschien, fiel der Roman dort auf fruchtbaren Boden, weil in Frankreich gerade die überfällige Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in der eigenen KP eingesetzt hatte. Diese Periode gehört jedoch längst der Vergangenheit an.

Wenn der Übersetzer in seinem Nachwort auch wissenswerte Informationen über den Autor Alexandrou vermittelt und einige Worte über den Bürgerkrieg verliert, läuft diese Parabel vom stalinistischen Nihilismus Gefahr, ihres historischen Kontexts weitgehend beraubt, ausserhalb Griechenlands als Bild des Griechischen Bürgerkriegs insgesamt rezipiert zu werden. Es fragt sich deshalb, ob es besonders sinnvoll war, diesen durchaus lesenswerten, jedoch in erster Linie für den innergriechischen Konsum bestimmten Roman gerade jetzt in deutscher Übersetzung herauszubringen, während so viele andere, neuere, literarisch nicht weniger interessante griechische Romane unübersetzt geblieben sind. Bücher, die differenziertere und zeitgenössischere Bilder von griechischen Realitäten zeichnen.

TopTop

«Die Kiste»

Alexandrou, Aris

Verlag Antje Kunstmann. München 2001

302 Seiten. Fr. 39.30