Jakob Arjouni
Kismet
Rezensiert von Andreas Fanizadeh
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Privatdetektiv Kemal Kayankaya kehrt zurück. Durchs wilde Bahnhofsviertel. Zehn Jahre haben die Fans auf den neuen Krimi von Jakob Arjouni warten müssen - nun ist «Kismet» erschienen.
Ob in Zürich im Schiffbau oder der örtlichen Buchhandlung in Heppenheim: Wo Jakob Arjouni dieser Tage liest, ist ein voll besetzter Raum garantiert. Arjouni war Anfang zwanzig, als ihm 1985 mit «Happy birthday, Türke!» gleich der grosse Wurf gelang. Es folgten bis 1991 zwei weitere, sehr erfolgreiche Kayankaya-Krimis und die miserable Verfilmung durch Doris Dörrie. Dann war erst mal Schluss mit Frankfurt und dem herumschnüffelnden deutsch-türkischen Privatdetektiv. Arjouni verfasste Dramatik, Erzählungen und den Roman «Magic Hoffmann», dessen Thematik er ins vereinte Deutschland und nach Berlin verlegte.
Heute ist Arjouni 36 Jahre und, wie er seine etwa gleichaltrige literarische Hauptfigur sagen lässt, also ein «alter Sack». In «Kismet» lässt der gereifte Autor seinen gereiften Helden allerdings ein höllisches Tempo vorlegen. Wie nie zuvor muss Kayankaya bei seinen Recherchen im Frankfurter Bahnhofsviertel dabei Kopf und Kragen riskieren. Zu Beginn stecken Kayankaya und sein Kumpel Slibulsky in einem Kleiderschrank. Ein kleiner Freundschaftsdienst für Romario, den Wirt des «Saudade», einer armseligen «brasilianischen» Eckkneipe am Rande des Bahnhofsviertels. Schutzgelderpresser haben Romario den rechten Daumen abgezwickt. Kayankaya, mit der Suche nach Frau Beierles Hund Susi nicht voll ausgelastet, nimmt sich der Sache an. Privatdetektiv und Exknacki, der heutige stolze Inhaber von Gelati-Slibulsky, sind sich ihrer Sache gewiss. Noch rechnet niemand ernsthaft mit der «Armee der Vernunft». Doch Arjounis Frankfurt hat sich seit Kayankayas letztem Fall im Laufe der neunziger Jahre erheblich verändert. Und so entwickelt sich aus dem Moment, in dem Slibulsky und der Detektiv aus dem Schrank brechen, eine Handlung mit atemberaubender Geschwindigkeit und Action wie in einem guten Hongkong-Film. Selten starb es sich so schnell und so beiläufig in der deutschsprachigen Kriminalliteratur.
Das hat allerdings nichts mit Zynismus zu tun. «Kismet» handelt vor der Kulisse der Jugoslawien-Feldzüge, der verschiedenen völkischen Wiederauferstehungen, die es ohne tatkräftige Unterstützung der «westlichen Freunde» nicht gegeben hätte. Auf der Suche nach der Armee der Vernunft und dem Ausgangspunkt für neue mörderische Spielregeln - «sie schossen sofort» -, hetzt Arjounis Privatdetektiv quer durch die Stadt. Kayankaya bringt die Recherche an die Ränder der Metropole, in die angrenzenden Peripherien mit ihren heruntergekommenen Produktionsstätten, Asylunterkünften und nach Offenbach. «Auf einer hundert Meter breiten, von grauer Bürohausarchitektur gesäumten Strasse fuhr man, wenn man es nicht besser wusste, so lange in die Stadt hinein, bis man wieder draussen war ...» Offenbach, der klassische Nichtort und Hinterhof. Unversehens gerät Arjounis romantischer Held in ein Netz geheimer Beziehungen, das sich allmählich als deutsch-kroatische Kriegsökonomie herausstellt.
Kayankaya wandelt zunehmend lädiert durch diese Geschichte und geht deswegen sogar ganz gerne zwischendurch mit der 14-jährigen Leila auf die Suche nach Susi, der Schäferhündin der Frau Beierle - sein eigentlicher und vor allem bezahlter Auftrag. Er wurde gross, als deutsche Luden noch westdeutsche Luden waren und auch Albaner und Türken noch eine feste Zuordnung besassen. Das war alles auch nicht gerade schön, aber irgendwie hatte er sich als Bewohner der alten Bundesrepublik zurechtgefunden. Aber heute? «Klappe halten! Herr Wirt, wat solln wa mit dit Schwein machen?» Es berlinert in Kayankayas Frankfurter Ohren. Die Glatze, die sich mit ganzer Hingebung Kayankaya widmet, «Kemal Kacke, dit is jut», ist allerdings kein bisschen mehr Berliner als Kayankaya Frankfurter. Aber sie hat, wie im Offenbacher Adriagrill anschaulich demonstriert, daraus gänzlich andere Schlüsse gezogen: «Was is dit, na, was is dit?!»
Arjouni karikiert durch die Perspektive seines deutschen Detektivs türkischen Namens genüsslich den zoologischen Blick von Staat und Gesellschaft. Weinerliche oder moralisierende Klischees vom «guten» oder «armen» Ausländer gibt es deswegen aber nicht. Um Missverständnissen vorzubeugen, lässt Arjouni seinen Privatdetektiv im Rotlichtbezirk wohnen und auch wirklich dort leben. Und während sich Cem Özdemir, Mitglied des deutschen Bundestags und grüner Vorzeige-Edelkanake, damit brüstet, in der Disco sogar den Annäherungen von Sexagentinnen des türkischen Geheimdiensts zu widerstehen, besucht Kayankaya einmal in der Woche seine Deborah.
Aber wie gesagt: Arjouni ist kein Zyniker und Kayankaya auch kein Frauenfeind. «Kismet» steckt voll kleiner Details, genauer Betrachtungen und differenzierter Biografien. Die Bösen werden bekämpft, die Guten zusammengeführt, auch wenn sie nicht immer die Guten sind. Die Polizei spielt keine Rolle, ist höchstens dazu da, unfreiwillig Informationen zu liefern. Wie in dem sensationellen Filmdebüt der österreichischen Regisseurin Barbara Albert, «Nordrand», sind es bei Arjouni einmal die anderen, die cool sind und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Der Autor vertritt eine klare gesellschaftliche Minderheitenposition, die er mit viel Humor und literarischer Sicherheit popularisiert. Zwischen kleiner und grosser Bühne geht es ständig hin und her. «Glauben Sie auch, dass die entscheidenden Fehler, die irgendwann später zum Bruch führen, ganz am Anfang gemacht werden, vielleicht schon beim ersten Treffen?», fragt die Archäologin beim Essen, worauf Kayankaya aus dem Stegreif keine Antwort weiss.
Arjouni ist mit Emir Kusturica befreundet und hat diesen gegen die Verleumdungen durch das deutsche Kriegsfeuilleton in Schutz genommen. Auch literarisch setzt der in Frankreich und Berlin lebende Krimiautor eindeutig auf soziale Dekonstruktion statt auf ethnische Separation. Wenn Feridun Zaimoglus Kanak-Sprak zeigen will: «Schaut mal her, so sind wir!», scheint Arjouni mit Kayankaya zu antworten: «Schau mal her, so bin ich nicht!»
WOZ 17/2001
«Kismet»
Arjouni, Jakob
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Diogenes. Zürich 2001
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265 Seiten. Fr. 36.90


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