Ioanna Karystianis Roman «Die Frauen von Andros»
Unerträglich blaue Ägäis
Rezensiert von Iris Schär
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Die Männer sind das ganze Jahr über auf See - Ioanna Karystiani erzählt von den daheim gebliebenen Frauen.
Die Kykladeninsel Andros, auch «Mikra Anglia», Kleines England, genannt, ist bekannt als Heimat wichtiger Reeder- und Seefahrerdynastien. Die Seemänner glänzen in der ganzen Welt durch ihr nautisches Geschick, in ihrer Heimat aber vor allem durch Abwesenheit. Alle zwei Jahre verbringen sie ein, zwei Monate bei ihren Familien, die übrige Zeit sind die Frauen der Insel auf sich gestellt. Um sie geht es in Ioanna Karystianis Erstlingsroman «Die Frauen von Andros». Er erzählt, wie sie sich mit der Abwesenheit der Väter, Ehemänner und Söhne arrangieren, wie sie neben den traditionellen Frauenrollen auch die der Männer übernehmen müssen, um den Alltag zu regeln.
Verschiedenste (Über-)Lebensstrategien werden gezeichnet. Katerina isst nichts, was aus dem Meer kommt, erträgt das Blau der Ägäis nicht, lebt zurückgezogen und bestickt ihre Aussteuer mit der Chronik aller Seefahrtstragödien der Insel. Mourena dagegen versammelt jeden Nachmittag Frauen um sich und erzählt betrunken schlüpfrige Geschichten. Und Nana sammelt Postkarten mit Brücken und Luxushotels und vertreibt sich die Zeit mit Gedankenspielen, bei denen sie die Paare der Stadt neu zusammenstellt, geografischen Orten Satzzeichen zuordnet oder die Hauptstädte der Welt neu auf die ihr passend scheinenden Länder verteilt.
Das Doppelleben der Inselbewohnerinnen
Mitten in dieser Frauengemeinschaft lebt Orsa mit ihrer Familie. Der Roman erzählt ihre Geschichte. Sie beginnt, als der junge Seemann Spiros zum ersten Mal ihre Hand berührt. Als er ums Leben kommt, verliert Orsa jeglichen Lebenswillen, und die Geschichte endet mit ihrem Tod. Dazwischen liegen viele Wirrungen, Lügen und Missverständnisse.
Die Frauen leben auf dieser Insel, mit dem Rest der Welt nur verbunden durch ihre Männer. Praktisch alle InselbewohnerInnen führen eine Art Doppelleben. Das zieht sich als Leitmotiv durch den ganzen Roman und plagt die Figuren nicht selten als ihre grosse Lebenslüge. Wie ein Motto wirkt die erste Szene des Romans, in welcher Orsas Vater auf seinem Schiff Totenwache für einen Freund hält und bedauert, ihm nie von seiner zweiten Familie in Argentinien erzählt zu haben.
Orsa führt ein Doppelleben in ihrer Fantasie, in welcher sie sich schon mit dreizehn Jahren Spiros als zukünftigen Ehemann ausgesucht hatte. Sie gibt ihn auch nicht auf, als sie im «richtigen Leben» Nikos heiratet. Orsas bodenständig erscheinende Schwester Moska gibt mit ihren drei Busenfreundinnen gerne vor, sich nicht um ihre tradierten Rollen zu scheren. Aber ihr Ausbruch findet nur in ihren Gedanken statt; auch sie heiratet entgegen ihren früheren Schwüren einen Seemann aus dem «Kleinen England», anstatt wie in ihren Träumen ins richtige, grosse England zu ziehen. Nana lebt nach dem Tod ihres Mannes quasi aus zweiter Hand die Leben ihrer ehemaligen Schülerinnen, über die sie als deren Vertraute oft bis ins Detail informiert ist.
Eigenwillig poetische Sprache
Solche Zusammenhänge erschliessen sich durch unaufdringliche Hinweise langsam beim Lesen. Sie fügen sich aus einzelnen Andeutungen in Namen, Figurenkonstellationen, Ereignissen und Erinnerungen zu einem - stets Fragment bleibenden - Bild. Denn innere Monologe geben längst nicht alle Geheimnisse preis. Aber durch Beschreibung aus verschiedenen Blickwinkeln werden Figuren immer plastischer, ohne durchschaubar zu sein, und erreichen dadurch eine Spannung erzeugende Präsenz. Viele gleichzeitig ablaufende Ereignisse werden in kurzen Szenen gegeneinander geschnitten; Perspektivenwechsel, die zuweilen so abrupt erfolgen, als würden sich die Gedanken der Figuren im Streitgespräch befinden, bilden unterschiedliche, zu Missverständnissen führende Weltwahrnehmung ab.
Bei der eigentlichen Schwere der Themen überrascht die eigenwillig poetische Sprache, die sich durch Leichtigkeit, einen treibenden Erzählrhythmus und einen feinen, trockenen Humor auszeichnet. Sie ist bei aller Tragik der Ereignisse nicht schwer und pathetisch, sondern einfach und präzis. Oft werden schlimme Erlebnisse in indirekter Rede in einen Satz zusammengefasst und wie beiläufig erzählt. Immer wieder auftauchende lange Aufzählungen von Schiffs-, Orts- und Personennamen betonen gleichzeitig deren Austauschbarkeit wie Einzigartigkeit. Diese Reihungen verweisen auf das Repertoire von Ritualen, die den InselbewohnerInnen helfen, mit den ständigen Schiffsunglücken und den ewigen Todesnachrichten zurechtzukommen, die ihren Alltag bestimmen.
Weltgeschichte dringt dann ins Leben der InselbewohnerInnen, wenn sie direkt betroffen werden, etwa durch die ungeheure Zunahme der Havarien während des Zweiten Weltkrieges. Durch den Tod von Spiros wirkt der Krieg als Katalysator für das Ausbrechen des Konflikts zwischen Orsa und Moska. Der Untergang von Spiros’ Schiff «Mikra Anglia» deutet aber auch eine gesellschaftliche Veränderung auf Andros an. Die den ganzen Roman durchziehende Frage nach der Möglichkeit, dem Schicksal zu entrinnen, stellt sich den Frauen von Andros nach diesem Unglück neu.
Ioanna Karystiani hat mit «Die Frauen von Andros», für das sie 1998 mit dem griechischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde, das Sittengemälde einer Gesellschaft entworfen, das in seiner Dichte und Vielschichtigkeit über die konkret dargestellten Verhältnisse hinausweist. Durch die manchmal beinahe spröde Schönheit der Sprache wird dieser Roman zu einem aussergewöhnlichen Lesegenuss.
WOZ 40/2001
«Die Frauen von Andros»
Karystiani, Ioanna
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Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2001
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393 Seiten. 37 Franken


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