Stefan Keller
Die Zeit der Fabriken
Rezensiert von Alexander J. Seiler
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Was hat das Thurgauer Bodenseestädtchen Arbon mit dem Untergang der «Titanic» zu tun? Was hielt ein Vertrauensmann der Schweizerischen Bundesanwaltschaft von den Jugendgedichten des einstigen Kommunisten und späteren Erfolgsautors Alfred A. Häsler («Das Boot ist voll»)? Die Antwort auf solche und ähnliche Fragen ist nicht einem Kuriositätenlexikon zu entnehmen, sondern einer akribischen zeitgeschichtlichen Recherche von Stefan Keller. Den Lesern und Leserinnen der WoZ ist sie im Wesentlichen bereits bekannt durch Kellers achtteilige Artikelfolge über die Saurer-Werke in Arbon, die vor Jahresfrist in diesen Spalten erschien. Nun ist sie, überarbeitet und ergänzt, unter dem Titel «Die Zeit der Fabriken. Von Arbeitern und einer roten Stadt» als Buch in der Reihe «WoZ im Rotpunktverlag» greifbar.
Stefan Keller, 1958 im Thurgau geboren, seit bald zwanzig Jahren Autor und Redaktor der WoZ, sieht sich als Historiker und Journalist in der Nachfolge seines Freundes und Mentors Niklaus Meienberg. («Ich weiss nicht, ob ich überhaupt Journalist geworden wäre ohne ihn.») Wie Meienberg interessiert ihn Geschichte nicht aus der Vogelschau der Herrschenden und der Sieger, aus der sie von jeher geschrieben wird, sondern aus der - meist bescheidenen, wenn nicht niedergeschlagenen - Augenhöhe der «gewöhnlichen», der «kleinen» Leute, heute würde man auch sagen: der Verlierer. Sein erstes Buch, «Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden» (1991), geht der Geschichte einer österreichischen Dienstmagd nach, die in den fünfziger Jahren im sanktgallischen Rheintal als Ausländerin und «Unangepasste» in die Mühle der amtlichen Psychiatrie gerät und mitsamt ihrem ebenso unangepassten «Dienstherrn» und zeitweiligen Ehemann von jener zerrieben und zerstört wird. Sein zweites Buch «Grüningers Fall» (1993) trug wesentlich dazu bei, dass der Mann, der um 1940 als Kommandant der St. Galler Kantonspolizei mindestens 1000 jüdische Flüchtlinge vor der Vernichtung rettete und darum Amt und Ehre verlor, endlich in aller Form rehabilitiert wurde.
Kellers drittes Buch kreist nun erstmals nicht um eine Person, sondern um einen Industriebetrieb, um seinen «Standort» und um die Tatsache, dass dieser zu jenem in eine schier unauflösliche Symbiose geriet. Deutlicher noch als in seinen früheren Büchern betrachtet Keller seinen Gegenstand jedoch nicht durch ein starr fokussiertes Objektiv, vielmehr verengt oder erweitert er sein Blickfeld laufend wie ein Kameramann, der das nicht am Okular engagierte Auge offen hält für alles, was es «neben dem Objektiv» wahrnimmt und was mit einem Rückzoom oder Schwenk ins Bild geholt werden kann.
Beispiel 1: die «Titanic». Da taucht gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Arbon ein Deutschamerikaner und Stickereifabrikant namens Arnold B. Heine auf, möglicherweise hergeholt von Adolph Saurer persönlich, der in seiner Fabrik Stickmaschinen produziert und «einen Grosskunden direkt vor der Haustür ansiedeln» möchte. Heine beginnt 1898 mit dem Bau einer Fabrik in Arbon und beschäftigt 1908 mehr als 2000 Arbeiterinnen und Arbeiter, die 344 Stickautomaten bedienen. (Saurer seinerseits erhöht seine Belegschaft zwischen 1898 und 1910 von 556 auf 1777 Beschäftigte.) Aber schon in den beiden folgenden Geschäftsjahren erarbeitet der vom Schweizerischen Bankverein finanzierte Heine einen Verlust von 5,7 Millionen Franken (nach heutigem Geldwert rund eine halbe Milliarde) und wird vom Bankverein als Verwaltungsratspräsident und Generaldirektor abgesetzt. Und «eines schönen Tages, das heisst genauer während einer dunklen Nacht, im Frühjahr 1912, verschwand Arnold B. Heine aus Arbon und setzte sich in seinem schnellen Motorboot über den Bodensee und nachher mit einem Ozeandampfer namens ‘Carpathia’ über den Atlantik nach Amerika ab».
Damit wollte sich der Schweizerische Bankverein nicht abfinden. Er beauftragte seinen Präsidenten, Alphons Simonius-Blumer, und den Anwalt Dr. Max Staehelin, später ebenfalls Präsident des Bankvereins, mit der Verfolgung des Flüchtigen, und da im April 1912 die Jungfernfahrt der «Titanic» die einzige Möglichkeit schien, die «Carpathia» einzuholen, gerieten die beiden Basler Financiers mitten in die grösste Schiffskatastrophe der Geschichte. Sie überlebten sie nicht nur, sondern wurden, mit weiteren 700 Passagieren der «Titanic», von eben der «Carpathia» gerettet und an Bord genommen, die sie hatten überholen wollen. Den flüchtigen Arnold B. Heine trafen sie dort allerdings nicht mehr an, war doch die «Carpathia» bereits auf der Rückfahrt von New York …
Beispiel 2: Alfred Häsler. Die Partei der Arbeit, «die 1946 zwei Sitze in der städtischen Exekutive (…) erobert hat, verliert bis 1949 (…) diese Ämter. Bei den Gemeindewahlen 1949 kandidiert die PdA nicht mehr»; ihre Mitglieder werden schikaniert und boykottiert. «Der vielleicht letzte öffentliche Anlass der Arboner Kommunisten ist eine Gedenkfeier für den verstorbenen bulgarischen Revolutionär und ehemaligen Komintern-Führer Georgi Dimitroff im Oktober 1949, bei welcher ein damals noch unbekannter Schriftsteller namens Alfred Häsler auftritt. Die Schweizerische Bundesanwaltschaft hat eine Rezension des Abends angefertigt:
‘Dieser [Häsler] hielt keinen Vortrag, dafür trug er angeblich selbst verfasste Gedichte vor, die sich aber in keiner Weise reimten und sehr primitiv waren. Der Inhalt der verschiedenen Gedichte war Werbung für die östlichen Regime und Verdammen der westlichen Regime. Ferner zog er die Faschisten und Nazis ins Lächerliche. - Trotzdem die Gedichte m.E. absurd und blöd waren, murmelten einige Genossen öfters während dem Vortragen Beifall.’» Alfred A. Häsler war damals 28.
Ich zitiere diese beiden Beispiele nicht um ihretwillen, sondern um zu zeigen, wie wenig Kellers Buch in seiner sinnlichen Erzählfreude der landläufigen Vorstellung einer zeitgeschichtlichen Monografie entspricht. Das gilt auch für seine Struktur. Keller geht nicht chronologisch, sondern gleichsam strukturell vor. «Die Zeit der Fabriken» - der Titel setzt voraus, dass sie vorbei ist. Also beginnt Keller nicht mit der Entstehung und Gründung der Saurer-Werke, sondern mit zwei Arboner Trauerfeiern der dreissiger Jahre: jener für den Dreher Emil Baumann, der sich 22-jährig das Leben nimmt, weil er sich dem neuen Akkordsystem nach Bedaux nicht gewachsen fühlt - und jener für dessen obersten Chef Hippolyt Saurer, den Enkel des Gründervaters Franz Saurer, Erfinder der Motorenbremse und des «Overdrive», einen rastlos reisenden Lebemann, der noch kurz vor seinem Tod das wahrhaft unmenschliche Bedaux-System gegenüber seiner Belegschaft nach Strich und Faden verteidigte. So führt der Autor Leser und Leserinnen mitten hinein in die Gegensätze und Widersprüche, die der Industriekapitalismus in der Gesellschaft aufriss und mehr als ein Jahrhundert lang allen Konflikten zum Trotz in einem labilen Gleichgewicht zu halten vermochte. Und den Zusammenbruch dieses Systems stellt er im vorletzten Kapitel anhand von bewegenden «Nachrufen» auf einige seiner - beidseitigen - Protagonisten und Protagonistinnen dar.
Nicht zuletzt verdeutlicht «Die Zeit der Fabriken», wie sich der Makrokosmos der «grossen» Geschichte im Mikrokosmos eines relativ kleinen, «unbedeutenden» Schauplatzes nicht nur spiegelt, sondern beispielhaft erfassen und darstellen lässt.
Die allmähliche «Umarmung» der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung durch die Bourgeoisie und ihre Institutionen; das Fraternisieren der exportabhängigen Schweizer Industrie mit der «neuen Wirtschaftsordnung» des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg; die Entpolitisierung und Entsolidarisierung der Arbeiterschaft durch Hochkonjunktur und «Unterschichtung» durch «Fremdarbeiter»; die Ablösung der Produktion durch Lizenzen, der Unternehmer durch Spekulanten - all diese Vorgänge stellt Keller «an Ort und Stelle» und anhand der Biografien so beispielhafter Figuren wie der beiden gegensätzlichen SP- Politiker Ernst Rodel und Georg Jäger dar.
WOZ 48/2001
«Die Zeit der Fabriken»
Keller, Stefan


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