Urs Altermatt
Mentalitäten Kontinuitäten Ambivalenzen
Rezensiert von Josef Lang
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Vor drei Jahren stellte ich zur These einer Freiburger Publikation, «es wäre falsch, die Katholisch-Konservativen generell des Antisemitismus zu bezichtigen», die Gegenfrage: «War aber Judenfeindlichkeit nicht eher die Regel?» (Widerspruch 32/1996). Der Freiburger Geschichtsprofessor Urs Altermatt hat nun mit seinem materialreichen Buch «Katholizismus und Antisemitismus» aus meinem Fragezeichen ein Ausrufezeichen gemacht: «Mit Sicherheit können wir davon ausgehen, dass antisemitische Denkklischees nicht nur von einigen ultramontan-katholischen Klerikereliten vertreten wurden, sondern im katholischen Milieu weit verbreitet waren.» Die «fehlende Solidarität mit den verfolgten Juden» sei «eine fast durchgängige Konstante» gewesen.
Eher einer Ausnahme als der Regel entsprach der Umstand, dass die eingangs zitierte Arbeit von Lukas Rölli über die «Schweizerische Konservative Volkspartei 1935-1943» (Freiburg 1993) die Judenfeindlichkeit überhaupt thematisiert hatte. Die radikale Kehrtwende, welche die «Freiburger Schule» im Frühjahr 1997 vollzog, ist beispielhaft. Wäre die Mehrheit der PolitikerInnen und der Parteien ebenso fähig, aus dem Flüchtlingsbericht der Bergier-Kommission die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen, sähen die politische Kultur und die Asylpolitik dieses Landes anders aus. Altermatts Werk, das zahlreiche Zeitungen, Wochen- und Monatsblätter, Familienillustrierte, kirchliche Publikationen, aber auch Rituale und Bräuche auswertet, ist ein Meilenstein in der helvetischen Antisemitismus- und Katholizismusforschung. Nicht unerwähnt bleiben darf dabei der Beitrag, den eine bahnbrechende Studie geleistet hat, die hierzulande bislang zu wenig zur Kenntnis genommen worden ist: Olaf Blaschkes Bielefelder Dissertation «Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich» (Göttingen 1997). Sie hat eine auch in der deutschen Katholizismusforschung lange Tradition der Verharmlosung und Beschönigung an ihr Ende gebracht.
Der doppelte Antisemitismus
Im Anschluss an Blaschke geht Altermatt aus vom «doppelten Antisemitismus», einem Begriff aus dem offiziellen «Kirchlichen Handlexikon» von 1907. Damit meint das einflussreiche Werk die Unterscheidung zwischen einem erlaubten «christlichen» und einem verbotenen «widerchristlichen» Antisemitismus. Mit diesem war der biologistisch-rassistisch, mit jenem der sozial und staatspolitisch argumentierende Antisemitismus gemeint. An zahlreichen Beispielen zeigt Altermatt auf, dass die «verhängnisvolle» Unterscheidung auch für die katholische Schweizer Elite galt.
Unter anderem bringt er vom Zuger Regierungs- und Ständerat Philipp Etter die Aussage, wonach «Judenhetze aus grundsätzlichen Erwägungen» abzulehnen, gleichzeitig aber zu beachten sei, dass das «Judentum zu viele zersetzende Kräfte ins deutsche Volkstum hineingetragen» habe (siehe WoZ Nr. 51+52/91). Anhand eines anderen Etter-Artikels vom Frühling 1933 erläutert Altermatt, wie «die Theorie vom ‘erlaubten’ und ‘unerlaubten’ Antisemitismus tel quel in das ‘Überfremdungs’-Argumentarium übertragen werden» konnte und «für die Einstellung zu jüdischen Flüchtlingen ab 1933 paradigmatisch» wurde. Der kurz darauf in den Bundesrat gewählte «Jungkonservative» Etter wandte sich gleichzeitig gegen die «Juden-Verfolgung, wie sie das neue Deutschland anbahnte» und gegen die daraus resultierende «Invasion», die «selbstverständlich als unerwünscht bezeichnet und unterbunden werden» müsse.Wie vor ihm Blaschke weist auch Altermatt darauf hin, dass die meisten Katholiken den Rassismus wegen des Darwinismus, aber «nicht wegen der jüdischen Opfer» ablehnten. Und dass auch «in katholischen Publikationen biologisch-rassistische Feindbilder» herumgeisterten. Allerdings lehnt der Freiburger Professor Blaschkes These vom «partialrassistischen Antisemitismus» als «integriertem Element der katholischen Mentalität» ab. Altermatts Formulierung «Distanzierung vom ‘Rassen’-Antisemitismus mit Ambivalenzen» trifft die katholisch-konservative Schweiz genauer.
Mehr Mühe bereitet mir Altermatts allgemeine «Ambivalenz»-These bezüglich des katholischen Antisemitismus. Während er unter diesen Begriff das Nebeneinander eines «erlaubten» und eines «unerlaubten» Antisemitismus fasst, meinen andere ForscherInnen damit das ausgewogene Vorkommen von judenfeindlichen und judenfreundlichen Meinungen. Gerade vor dem Hintergrund einer multikulturellen Schweiz, welche den Rassendiskurs ohnehin erschwerte, wirkt das Wort «Ambivalenz» missverständlich. Der Umstand, dass die Judenfeindlichkeit aufgrund der «langen Schatten des christlichen Antijudaismus» nur von «vereinzelte(n) Reformkatholiken linkskatholischer oder nonkonformistischer Richtung» (Altermatt) in Frage gestellt wurde, spricht eher für Blaschkes alternative «Aversions»-These: Abwehr war eine Grundhaltung.
Die Fragwürdigkeit des «Ambivalenz»-Begriffs zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der «integralistischen Rechtskatholiken». Laut Altermatt stellte «der moderne Antisemitismus ein konstitutives Element ihrer fundamentalistischen Weltanschauung» dar. Sie hatten im Klerus, unter den Christlichsozialen und vor allem bei den Jungkonservativen, die gemeinsam mit den Fröntlern eine «nationale Tatgemeinschaft» unterhielten, einen Einfluss, der Altermatt mit dem Ausdruck «am rechten Rande» etwas unterschätzt.
«Juden verbrennen»
Altermatt misst der nachwirkenden Tradition des christlichen Antijudaismus, der um das «Bild von den Juden als ‘Christusmörder’» kreist, eine zentrale Bedeutung zu. Er spricht von einem «eigentlichen Lernfeld der Judenfeindschaft». Dabei stützt sich das Buch auf häufig vernachlässigte Quellen: die Karfreitags- und Osterliturgie, die als «kontinuierliche Indoktrination nicht zu überschätzen» sei; die Passionsspiele, über die «der Katholizismus traditionelle Elemente des Antijudaismus mit den Mitteln des modernen Theaters» mobilisierte; Volksbräuche wie «das Rätschen», das «den Lärm der Juden bei der Verurteilung und Kreuzigung Christi» nachahmte oder die «Judasfeuer», die auch die Bezeichnung «Juden verbrennen» trugen.
Während sich laut Altermatt der katholische Antisemitismus in den anderthalb Jahrzehnten nach der Oktoberrevolution und dem Generalstreik um «das Schreckgespenst von der ‘kommunistisch-freimaurerisch-jüdischen Weltverschwörung’» drehte, «näherte» er sich ab 1933 «zunehmend dem allgemeinen schweizerischen Antisemitismusdiskurs» an. Das «Verschwörungsparadigma» sei «durch das Überfremdungsparadigma abgelöst» worden. Im Unterschied zur These vom «Paradigmenwechsel» vermag die allzu deutliche Trennung zwischen einem «katholischen» und einem «allgemeinen schweizerischen» Antisemitismus nicht zu überzeugen. Die Verschränkung von antiliberalem Schweizertum und christlichnationalistischer Judenfeindlichkeit, aus meiner Sicht das wichtigste Charakteristikum des modernen helvetischen Antisemitismus, wurde zuallererst von ultramontanen (d. h. papsttreuen) Katholiken in ihrem Kampf gegen die Judenemanzipation in den 1860er und 1870er Jahren entwickelt. Altermatts Nebenbemerkung, «schon im 19. Jahrhundert» hätte «das katholisch-konservative Konstrukt der ‘christlichen Nation’ die Erteilung der staatsbürgerlichen Rechte erschwert», wird dem heftigen und systematischen Widerstand gegen die Gleichberechtigung der jüdischen Männer nicht gerecht.
Fehlende Vergleiche
Aufschlussreich wäre auch die zusätzliche Fragestellung: Was verbindet die liberalen und «liberalisierenden» Katholiken, die sich im 19. Jahrhundert oft stärker als die protestantischen Freisinnigen für die Judenemanzipation einsetzten, mit der von Altermatt als «linkskatholisch» bezeichneten «Arbeitsgemeinschaft junger Katholiken»? Die 1936 in Luzern gegründete Gruppe, die bei der linksliberal-gewerkschaftlichen «Richtlinienbewegung» mitmachte, engagierte sich in den 1930er und 1940er Jahren gegen den katholisch-konservativen Philofaschismus und Antisemitismus und für eine menschliche Asylpolitik. Die «jungen Katholiken» und die im 19. Jahrhundert viel stärkeren dissidenten Katholiken hatten (neben zahlreichen Unterschieden) drei Gemeinsamkeiten, die sie vom offiziellen Katholizismus unterschied: Dem konservativautoritären Staatskonzept setzten sie ein liberaldemokratisches, dem dogmen-, klerus- und hierarchielastigen Kirchenverständnis die Mündigkeit und Autonomie der Laien, der antimodernistischen «katholischen Einheitsfront» ein überkonfessionelles Bündnis für Fortschritt und Offenheit entgegen. Die Parameter (christlichnationalistischer) Konservativismus und (bürgerrechtlicher) Liberalismus, Autoritätsgläubigkeit und Demokratiegewissen, Dogmatismus und Individualismus sind nicht nur hilfreich für eine Erklärung des katholischen, sondern auch des protestantischen, freisinnigen, linken Antisemitismus bzw. Anti-Antisemitismus.
Neben der diachronen Verknüpfung des damaligen Antisemitismus mit der Konteremanzipation des 19. Jahrhunderts dürfte die bei Altermatt ebenfalls fehlende synchrone Einbettung in den europäischen Rechtskatholizismus zu einem zusätzlichen analytischen Schärfenzuwachs führen. Was ist das Gemeinsame und Trennende mit Staaten wie Österreich, Kroatien, Ungarn, Slowakei, Vichy-Frankreich, in denen die Verbindung von konservativem Katholizismus, reaktionärem Nationalismus und Antisemitismus eine noch verhängnisvollere Rolle spielte? Welchen Einfluss hatten autoritäre Kulte wie das 1925 vom Papst etablierte «Christkönigsfest» auf das demokratische Bewusstsein? Wie stark prägte das päpstliche Schweigen zur Shoah die Haltung der Schweizer Bischöfe, Kleriker und Gläubigen?
Ein weiterer sinnvoller Vergleich mit dem Protestantismus, in dessen demokratischer strukturierten Reihen während des Kriegs ein mit der Flüchtlingshilfe verbundener Lernprozess in Gang kam, mit dem Freisinn und mit der Linken wird durch einen bedenklichen Umstand erschwert: Es gibt über sie keine themenspezifischen Studien, welche an die Systematik von Urs Altermatts jüngstem Werk herankommen.
WOZ 01/2000
«Mentalitäten Kontinuitäten Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918-1945»
Altermatt, Urs
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Verlag Huber. Frauenfeld 1999
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414 Seiten. 58 Franken


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