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Ismail Kadare: «Der Palast der Träume»

Albanische Parabel

Von Paul L. Walser

Gut zwei Jahrzehnte nach seiner Publikation liegt der Roman - ein beklemmender Albtraum in Schwarz-Weiss - auch in deutscher Übersetzung vor.

«Unsere Aufgabe besteht nun darin, die Träume einzusammeln und aus Millionen und Abermillionen davon die wenigen wichtigen Botschaften herauszusuchen, so wie man im Wüstensand nach Edelsteinen gräbt. Denn ein Traum, der wie ein herumfliegender Funke zufällig im Gehirn eines bestimmten unter vielen Millionen schlafenden Menschen gelandet ist, kann dazu taugen, Unheil vom Staat und von unserem allgewaltigen Gebieter abzuwenden, einen Krieg oder den Ausbruch der Pest zu vermeiden, und manchmal vermag man auch neue Ideen und Lehren daraus zu gewinnen. Deshalb ist der Palast der Träume selbst durchaus kein Traumgespinst, sondern eine der tragenden Säulen des Staates.»
Ismail Kadare

Der Palast der Träume - Tabir Saray - steht in einem imaginären Istanbul um die vorletzte Jahrhundertwende. Ismail Kadare siedelt dort seinen Roman an, den er in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre schrieb und der 1981 in Tirana erschien. Obwohl er in der Vergangenheit, weit vor der kommunistischen Ära, spielt, erntete das Buch vom damaligen Regime keine Lorbeeren. Aber es konnte, und das bestätigt die Vorzugsposition, die der Vorzeigedichter genoss, immerhin veröffentlicht werden. Weltruhm errang Albaniens bekanntester Autor mit epischen Werken wie «Der General der toten Armee» (1964) und «Der lange Winter». Doch Kadare war nie ein Dissident, auch wenn er sich kurz vor der Wende nach Frankreich ins Exil begab. Heute pendelt er zwischen Paris und Tirana. Erst jetzt, gut zwei Jahrzehnte nach dem ersten Erscheinen, ist sein «Palast der Träume» dem deutschsprachigen Publikum zugänglich, in der gepflegten Übersetzung von Joachim Röhm, der auch ein sehr nützliches Nachwort beigesteuert hat.

Spinnenartige Traumfabrik

«Der Palast der Träume» gehört in die Reihe der Parabeldichtungen, die weit über die lokalen und historischen Grenzen hinaus ihre Gültigkeit haben. Es geht um die Erfahrungen des jungen Mark-Alem, Sprössling einer im Osmanischen Reich hoch oben stehenden Familie albanischer Herkunft. Mit dieser Gestalt hat Ismail Kadare in gewissem Sinn ein Selbstbildnis geschaffen: So wie Mark-Alem durch das Labyrinth des Tabir Saray nach oben gelangt, bahnte sich der erfolgreiche Schriftsteller seinen Weg durch Enver Hodschas Albanien. Auf etwas über 200 Seiten zeichnet Kadare das Bild einer totalitären Gewaltherrschaft, die überall und jederzeit zuschlagen und jedermann treffen kann. Als Inbegriff der Willkür und zugleich auch als merkwürdige «Zuflucht» entpuppt sich die «spinnenartige» Traumdeutungsfabrik, in der unzählige gesichts- und namenlose Bedienstete ihre Arbeit tun - eine Arbeit, die alles andere als harmlos, aber letztlich völlig sinnlos ist, denn notfalls wird jener «Erz- oder Haupttraum», der nach der Sichtung der aus allen Winkeln des Reichs eingegangenen Träume schliesslich zum Sultan gelangt, einfach erfunden.

Ismail Kadare bringt das Kunststück fertig, seinen Roman vor der LeserInnenschaft wie einen beklemmenden Schwarz-Weiss-Traum - oder besser: Albtraum - zu entfalten. Er verzichtet auf jede Sinnlichkeit, richtige Gefühle kommen nicht vor, nur Angst, eine allgegenwärtige Angst, die freilich nie wirklich hinterfragt wird, denn dann würde man ja erst recht Anstoss erregen und Verdacht wecken. Die Speisen, die verzehrt werden, scheinen selbst in den vornehmsten Häusern keinen Geschmack zu haben. Geliebt wird nicht. Alle Figuren und auch die schlimmsten Gewalttaten bleiben schemenhaft - wie in einem Traum. Das Blut, das reichlich und immer wieder fliesst, ist nicht rot, sondern grau, wie alles andere im Tabir Saray und darum herum. Mit diesem Buch zelebriert Ismail Kadare die Liturgie einer alles umfassenden Diktatur - und zugleich entlarvt er sie. Dass sie einmal einbrechen wird, ahnt der Leser, aber so weit ist es am Ende des Romans noch nicht, die «Wende» ist noch nicht erreicht.

Geschichte als Schatztruhe

«Der Palast der Träume» hat indes ein paar konkrete Konturen, weil Kadare auch in diesem Roman auf die albanische Geschichte anspielt und die tief greifenden Probleme mit den slawischen Nachbarn andeutet, die sich nicht zuletzt aus den religiösen Unterschieden ergaben - in Albanien war zur Zeit der Türkenherrschaft die Zahl der Überläufer zum Islam besonders gross. Und manche albanischen Familienclans, denen es daheim zu eng wurde, kamen in den Weiten des Osmanischen Reichs zu Reichtum und Ruhm. Der dafür nötige Religionswechsel erschien ihnen als keine einschneidende Konzession, und der albanische Islam zeichnete sich denn auch - wie der bosnische - durch eine vergleichsweise sanfte und keineswegs fundamentalistische Linie aus. Anders als in Serbien, Bulgarien oder Griechenland wurde hier nicht die christliche Religion, das heisst die orthodoxe Ostkirche, zum Sammelbecken des nationalen Widerstands gegen die Türken. Auch wenn eine nationale Kirche fehlte, hat sich die albanische Sprache über das halbe Jahrtausend der Fremdherrschaft erhalten, und dieser Sprache gilt Kadares Leidenschaft.

Die albanische Geschichte ist Kadares Schatztruhe. Er weiss, dass man ausserhalb des kleinen, lange Zeit total abgeschotteten Balkanlands immer noch sehr wenig darüber weiss. So bietet sich «Der Palast der Träume» nicht nur als eine Parabel zum Thema Totalitarismus an, sondern dient auch als Lektion zum besseren Verständnis des albanischen Andersseins, der albanischen Isolation, an der die Abkehr von der Herrschaft Enver Hodschas und seines Nachfolgers bisher ausserordentlich wenig geändert hat.

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«Der Palast der Träume»

Kadare, Ismail

Ammann Verlag. Zürich 2003.

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. 223 Seiten. 36 Franken.