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Hans-Lukas Kieser, Dominik J. Schaller (Hrsg.):

Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah

Rezensiert von Lothar Baier

Ein neues Buch untersucht den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts und zieht Vergleiche zur Vernichtung der Juden.

Bald neunzig Jahre nach den Ereignissen von 1915 hat der Völkermord an den Armeniern nicht aufgehört, bei Nachkommen der Opfer wie der Täter leidenschaftliche Reaktionen auszulösen. Nachdem bei den Filmfestspielen in Cannes im Juni 2002 der Spielfilm «Ararat» des kanadisch-armenischen Regisseurs Atom Egoyan uraufgeführt worden war und die Presse darüber berichtet hatte, wurden Zeitungsredaktionen mit Protestschreiben von türkischer, aber auch armenischer Seite geradezu überschüttet. Während türkische LeserInnen die Thematisierung des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs durch Egoyans Film als Beleidigung der türkischen Nation verurteilten, warf das armenische Publikum dem Regisseur und Drehbuchautor vor, in seinem Film nicht eindeutig genug Stellung bezogen zu haben, obwohl «Ararat» die Übermittlung von Erinnerungen eindrücklich problematisiert.

Inspiration für Hitler?

Es ist nun eine Buchveröffentlichung anzuzeigen, die sich von manch anderen Arbeiten zum Thema dadurch angenehm unterscheidet, dass sie keine Zeile an das Bemühen verschwendet, die Faktizität dieses ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts zu beweisen, mit anderen Worten, sich von dessen Leugnern unter Zensur stellen zu lassen. Herausgegeben wurde der stattliche, 656 Seiten starke Band von dem Schweizer Armenienexperten Hans-Lukas Kieser und dem Orienthistoriker Dominik J. Schaller, die beide an der Universität Zürich arbeiten. Wie der Titel «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah» zu erkennen gibt, geht es den Herausgebern und ihren zwanzig Autoren aus verschiedenen Ländern nicht nur um das Ereignis selbst, sondern auch um seine Nachwirkungen in der Welt des 20. Jahrhunderts. Der Genozid an den Armeniern wird in vielen Darstellungen der Nazipolitik als eine der entscheidenden Inspirationen für Hitlers Programm der physischen Ausrottung der Juden in Europa hervorgehoben. Dahinter setzen mehrere Beiträge dieses Bandes ein grosses Fragezeichen und interessieren sich eher für das Verhältnis des deutschen Kaiserreichs zu Armenien.

Mochten die Armenier auch eine christliche Minorität in einem muslimisch dominierten osmanischen Reich bilden, reichstreuen Deutschen erschienen sie dennoch als unsichere Kantonisten, denen die Türken zu Recht misstrauten. Als im Gefolge der Berliner Konferenz frisch gebackene Kolonialmacht begann das Deutsche Reich sich im späten 19. Jahrhundert mit anderen Kolonialreichen zu identifizieren und, wie die brutale Niederschlagung des Herero-Aufstands im Süden Afrikas zeigt, sich am harten Vorgehen anderer gegen ethnische oder religiöse Minderheiten ein Beispiel zu nehmen. Die noch von Sultan Abdulhamid II. zu verantwortenden Schlächtereien, denen 1895 und 1896 schätzungsweise 100 000 Armenier zum Opfer fielen, lösten in Deutschland keine übermässige Empörung aus. Besonders aufschlussreich in diesem Zusammenhang liest sich in dem Band die Studie, die Hans-Walter Schmuhl dem Liberalen Friedrich Naumann gewidmet hat, einem ausgewiesenen Orient- und Türkeikenner, der zu den Begleitern Wilhelms des Zweiten auf dessen Nahostreise 1898 zählte. In einem seiner Reisebriefe zitierte Naumann durchaus zustimmend die Meinung eines deutschen Töpfermeisters aus Konstantinopel:

«Ich bin ein Christ und halte die Nächstenliebe für das erste Gebot, und ich sage, die Türken haben Recht getan, als sie die Armenier totschlugen. Anders kann sich der Türke vor dem Armenier nicht schützen, von dem seine Noblesse, Trägheit und Oberflächlichkeit auf das unverantwortlichste ausgenützt wird. Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt.»

In späteren Jahren hat der von Max Weber geistig stark beeinflusste Naumann seine an Karl Mays Aversion erinnernde schroffe Ablehnung der Armenier und ihrer Interessen nuanciert, dem armenischen Volk sogar die Fähigkeit zur Staatsbildung zuerkannt, doch liess sich der bis heute als Säulenheiliger des deutschen Liberalismus verehrte Friedrich Naumann selbst von den noch frischen Nachrichten über den Völkermord an den Armeniern von 1915 und 1916 kurz danach, im April 1917, nicht davon abhalten, bei der Grundsteinlegung für ein deutsch-türkisches Freundschaftshaus in Kontantinopel die Festrede zu halten. Deren Titel «Einheit und Fortschritt, unsere gemeinsame Losung» bezog sich ausgerechnet auf den Namen «Komitee Einheit und Fortschritt», den sich die 1913 durch einen Putsch an die Macht geratene jungtürkische Junta gegeben hatte. Aus deren Reihen rekrutierten sich die Anstifter und die Befehlsgeber des im April 1915 angelaufenen Genozids an den Armeniern des Osmanischen Reiches.

Syphilis-Arzt als Massenmörder

Mehrere Aufsätze des Bandes «Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah» gehen der Genesis des Plans der Auslöschung armenischen Lebens in Anatolien nach. Von einer ausgearbeiteten, ethnonationalistischen, gar naziähnlichen Ideologie, die in letzter Konsequenz auf die physische Eliminierung nichtmuslimischer und nichttürkischer osmanischer Völker hinauslief, kann demnach auch bei den im Komitee «Einheit und Fortschritt» geheimbundartig organisierten Jungtürken keine Rede sein. Deren harter Kern, erläutert der Herausgeber Hans-Lukas Kieser in seinem minutiös dokumentierten monografischen Beitrag über den türkischen Mediziner Mehmed Reshid, entstammte der medizinischen Akademie der Armee, die naturwissenschaftlich ausgerichtet und deren Unterrichtssprache lange Zeit hindurch, der Tradition der Aufklärung folgend, Französisch war. Der Autor weist überzeugend nach, dass eben die in der Ausbildung vermittelte moderne positivistische Konzeption von Gesellschaft und Natur die Absolventen der osmanischen Ärzteschule sehr empfänglich machte für die Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa umlaufenden Ideen einer heilbringenden sozialen und nationalen Hygiene. Als das Osmanische Reich sich unübersehbar zu zersetzen begann und der Erste Weltkrieg auch das anatolische Kernland zu erreichen drohte, wurde aus dem bis dahin mit der Bekämpfung der Syphilis befassten Volkshygieniker Dr. Mehmed Reshid ein Säuberer der Nation von als gefährlich eingeschätzten ethnischen Keimen.

1915 von der jungtürkischen Junta zum «vali», zum Gouverneur der ostanatolischen Stadt Diarbakir ernannt, mauserte sich der Arzt Dr. Reshid im Handumdrehen zum Organisator des Massenmords an den Armeniern. 120 000 armenische Bewohner dieser Provinz wurden unter dem Oberbefehl des Mediziners abgeschlachtet oder in Richtung mesopotamische Wüste deportiert, was in den meisten Fällen bedeutete, sie dem Hungertod preiszugeben. Selbst der deutsche Botschafter in Konstaninopel zeigte sich von dem brutalen Vorgehen des türkischen Gouverneurs derart überrascht, dass er glaubte, Reichskanzler Bethmann-Hollweg im Juli 1915 davon in Kenntnis setzen zu müssen:

«Seit Anfang dieses Monats hat der Vali von Diarbakir, Reshid Bey, mit der systematischen Ausrottung der christlichen Bevölkerung seines Bezirks begonnen, ohne zwischen Rasse und Herkunft zu unterscheiden.»

In sozialpsychologischer Hinsicht liegt der Fall des Mediziners Reshid nahe an den späteren Fällen der Nazimediziner und akademisch ausgebildeten Chefs der SS-Einsatzgruppen. Solche Formähnlichkeiten machen aus den jungtürkischen Tätern - wie dem Hauptverantwortlichen, dem 1921 in Berlin von einem armenischen Studenten erschossenen ehemaligen Innenminister Talaat - jedoch noch keine Proto-Nazis. In dem vorliegenden Band ziehen mehrere Autoren Parallelen nicht zwischen dem armenischen Völkermord und der nationalsozialistischen «Endlösung», sondern zwischen Armeniermord und der aktiven Teilnahme von Ländern wie Ungarn und Rumänien an der Vernichtung der Juden. Der Vergleich ist deshalb interessant, weil er die rein ideologischen oder auch pathologischen Motive wie im deutschen Fall hinter aussenpolitischen Opportunismus und ökonomisches Kalkül zurücktreten lässt. In seinem «Nationsbildung im Krieg» überschriebenen Beitrag definiert der deutsche Historiker Christian Gerlach die Ausrottung der Armenier als «Massenraubmord», weil er aufgrund seiner profunden Quellenkenntnis nachweisen kann, dass es den jungtürkischen Tätern und den sie stützenden bourgeoisen Schichten vor allem auch darum ging, die lästige Konkurrenz zahlloser markterfahrener armenischer Kleinhändler loszuwerden und sich gleichzeitig deren Besitz anzueignen. Gerlach weist darauf hin, dass das jungtürkische Comité Union et Progrès, abgekürzt C.U.P., nicht lange nach den Ereignissen beschuldigt wurde, mit verbrecherischen Methoden eine einheitliche, nationale türkische Handelsbourgeoisie angestrebt zu haben.

Gesäuberte Weltliteratur

Ein ganz besonders trübes, in diesem Band ausführlich dokumentiertes Kapitel betrifft das Verhalten der Grossmächte, und zwar nicht nur des Deutschen Reichs. Die französische Kriegsmarine hat durchaus, wie Franz Werfel in seinem Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» wahrheitsgemäss berichtet, 1915 im Golf von Alexandrette armenische Überlebende in Sicherheit gebracht, doch nach Ende des Krieges änderte sich die Haltung der ehemaligen Kriegsgegner der Türkei schleichend. Bei der Konferenz von Lausanne 1923, auf der die ethnische Säuberung des neuen Nationalstaats Türkei international abgesegnet wurde, kam der Mord an den Armeniern nicht zur Sprache. Auf Druck der kemalistischen türkischen Regierung säuberte später der US-amerikanische Verleger Werfels ursprünglich 1933 in Wien bei Zsolnay erschienenen Roman von allen als antitürkisch gebrandmarkten Passagen.

Seit der Kalte Krieg nach 1947 aus der Türkei den Sperrriegel zwischen Ost und West gemacht hat, verschlechterte sich die Erinnerungslage weiter: Niemand wollte, kaum fünfzig Jahre nach den Ereignissen, mehr erwähnen, dass diese als Bastion gegen den sowjetischen Freiheitsfeind aufgebaute Nato-Türkei den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts organisiert hatte. Im Zusammenhang mit dem politisch motivierten Verschweigen steht die Serie von Attentaten, die in den siebziger Jahren von armenischen Terrorgruppen gegen türkische Diplomaten in aller Welt verübt wurden. Das dadurch geschaffene Aufsehen hielt jedoch nicht lange an. Die beiden Herausgeber Kieser und Schaller heben in ihrem ausgezeichneten Einleitungsaufsatz «Völkermord im historischen Raum» hervor, dass heute die strategischen Interessen der USA die türkisch-armenische Erinnerungspolitik mehr als jemals zuvor bestimmen. Selbst in die Konzeption des von aller Welt bewunderten Holocaust-Museums in Washington haben sie Eingang gefunden - eine von Professor Kevork Bardakjan von der University of Michigan erarbeitete ständige Ausstellung über den Armeniermord wurde auf Druck der federführenden und turkophilen Kongressmehrheit aus dem Konzept entfernt. Perverserweise folgt auch der Staat Israel, militärstrategisch mit der Türkei verbandelt, derselben oppurtunistischen Linie.

Der Roman des jüdischen Prager Schriftstellers Franz Werfel über den Armeniermord, «Die vierzig Tage des Musa Dagh», war von den Zionisten der dreissiger und vierziger Jahre enthusiastisch begrüsst worden, auch deshalb, weil die darin erzählte Geschichte des bewaffneten Rückzugs auf einen schwer zugänglichen Berg an den eigenen Mythos von Massada erinnerte. Die oppurtunistischen, mit der Türkei liierten israelischen Regierenden von heute - Ariel Sharon und dessen sowohl militaristischer als auch total ungebildeter Anhang - kennen wohl nicht einmal mehr den Namen Werfel. Eine ganz unheilvolle Rolle in dem Zusammenhang, und zwar sowohl in den USA als auch in Israel, spielt das, was die Herausgeber die «politics of uniqueness» nennen, das heisst die Doktrin, dass absolut nichts dem Holocaust der Juden nahe kommen darf.

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«Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah»

Kieser, Hans-Lukas

Chronos Verlag. Zürich 2002.

656 Seiten. 68 Franken.