Thomas Kapielski
Gottesbeweise
Rezensiert von Stephan Ramming
Sein Auftritt am diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettlesen war von einigermassen kolossaler Fulminanz: Der Berliner Thomas Kapielski, zumindest in der Schweiz bislang nur in klandestinen Fachkreisen für Hinterhoftraktate ein Begriff, las sich mit seinem Text «Baden-Baden» - die Geschichte über die Umstände, die ihn als fast fünfzigjähriges Nachwuchstalent nach Klagenfurt brachten - ins Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit. Sein Text endete denn auch im Klagenfurter 3sat-Studio, allerdings mit einem kleinen, aber fiesen Unterschied zur realen TV-Wirklichkeit: Kapielski ernannte sich gleich selbst zum Juroren. « ... als Jurymitglied nach Klagenfurt Preise verteilen? Ehrt mich!» schloss der Berliner; erntete prompt Gelächter im Publikum und ebenso prompt leeres Schlucken, dann eilfertiges Schulterklopfen bei der tatsächlichen Jury. Den ersten Preis gabs natürlich trotzdem nicht, dafür allgemeine Aufmerksamkeit für seine zweibändigen «Gottesbeweise».
Darin berichtet Kapielski ganz analog zum Klagenfurter Wettbewerbstext aus seinem eigenen Leben - und das in einer radikal selbst entblössenden Ausschliesslichkeit, die nur dank der Kunst auszuhalten ist, eigentlich Tragisches klug, gewitzt und mit ausserordentlich feinem Gespür für sprachliche Fallhöhen zu erzählen. Das eigentlich Tragische hinter dem fröhlichen Fabulieren ist das ausdauernde und mit Absicht forcierte Scheitern Kapielskis; das Scheitern als Maler, Musiker, Schreiber, Künstler und überhaupt als nützliches Mitglied der Gesellschaft.
Zwar schafft er es immer gerade mal noch, der Sozialhilfe von der Schippe zu springen - «wenn Sport der Bruder der Arbeit ist, dann ist Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit» -, doch die Bilanzen des bald Fünzigjährigen enden schlussendlich auf dem Fernsehsofa mit der Erkenntnis, sich erfolgreich der Frage entzogen zu haben, was man denn nun mit seinem Leben anfangen soll. Dieser elenden Einsicht, sich nicht wie all die anderen irgendwo im Kulturbetrieb gemütlich einrichten zu können, ist der sehr sympathische biografische Entwurf des Lebens als hingenommenes Absitzen von Zeit entgegengesetzt. So bleiben Kapielskis brillant erzählte Anekdotenwucherungen übrig. Diese lesen sich, dosiert genossen, nicht nur mindestens so vergnüglich wie all die Goldts, Henscheids oder gar Kurt Tucholskys, sondern liefern auch präzise Studien zur Achtziger-Jahre-(Künstler-)Generation. Panoramatisch und wie nebenbei entwirft Kapielski denn auch das innerbetriebliche Ambiente des Kunstgeweses um Leute wie Hilka Nordhausen, Heiner Goebbels, Frieder Butzmann, Martin Kippenberger, Blixa Bargeld und viele andere. Das tut sehr oft sehr weh, sodass man Kapielski gehäuft beim schmerzstillenden Saufen bzw. beim «Kotzen-Kotzen in Baden-Baden» zuschaut. Fast niedlich werden sie da, die patriarchalen Künstler-Kerls aus dem letzten Jahrzehnt. Das weiss Kapielski indes selber am besten, auch dass Saufen Probleme für Figur und Blutdruck verursacht. Falls Sie demnächst einmal fasten wollen, machen Sie es deshalb wie Kapielski: «Früh kochte ich eine Pampelmuse, schmiss die Pampelmuse fort und verkostete das Pampelmusenkochwasser. Mittags kochte ich Nudeln, warf sie fort und soff das Nudelwasser. Abends kochte ich drei ungeöffnete Flaschen Bier ab, warf sie weg und gurgelte die dünne Biersuppe. Das alles ging sehr gut und war erstaunlich einfach.»
WOZ 00/2000
« Danach war schon. Gottesbeweise I-VIII»
Kapielski, Thomas
![]()
Merve Verlag, Berlin 1998
![]()
190 Seiten. 24 Franken
![]()
« Davor kommt noch. Gottesbeweise IX-XIII»
Kapielski, Thomas
![]()
Merve Verlag Berlin, 1999
![]()
174 Seiten. 24 Franken


Top