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Eliseo Alberto

Die Geschichte von José

Rezensiert von Knud Kohr

Mit «Die Geschichte von José» legt Eliseo Alberto eine Parabel auf das Leben als Exil-Kubaner vor.

Eines Tages hat Juscelino Magalhaes, Direktor des Zoos von Santa Fe in Mexiko, eine seltsame Idee: Er möchte ein Exemplar der Gattung Homo sapiens ausstellen. Seine Wahl fällt auf José González Alea, einen kubanischen Flüchtling, der seit 17 Jahren wegen eines Mordes einsitzt, den er damals am Exfreund seiner ersten Geliebten begangen hat. Damit beginnt Eliseo Albertos wundersamer Bericht über «Die Geschichte von José».

Der Romancier und Drehbuchautor Alberto ist einer der höchstdekorierten Schriftsteller Mittelamerikas. Zur Erinnerung: 1951 als Sohn des Poeten Eliseo Diego geboren, zählte Alberto zur ersten, selbstbewussten Generation von Literaten, die im revolutionären Castro-Kuba aufwuchsen. Und er wurde zu einem ihrer wichtigsten Vertreter mit entsprechend steiler Karriere: Chefredaktor einer Filmzeitschrift, Autor von bislang 19 Drehbüchern, ausgezeichnet mit dem nationalen Kritikerpreis für sein Romandebüt «La fogata roja». Als er 1990 nach Mexiko zog, um gemeinsam mit dem Kolumbianer Gabriel García Márquez fürs Fernsehen zu arbeiten, stattete ihn das Regime mit einem Botschafterpass aus. 1997 war es mit den Vergünstigungen vorbei. Denn Albertos - in Mexiko geschriebener - Bericht «Rapport gegen mich selbst» begann mit der Zeile: «1978 fragten sie mich zum ersten Mal, ob ich über meine Familie berichten könnte.» Ein Dutzend Jahre lang - seit seinem Militärdienst - hatte der Kritikerliebling als Spitzel der kubanischen Polizei seine eigene Familie ausspioniert. Binnen weniger Wochen wurde sein Diplomatenausweis eingezogen, was de facto einer Ausweisung aus Kuba gleichkam. Und bizarrerweise liessen ihn auch die USA 1997 als frisch gebackenen Exil-Kubaner nicht mehr einreisen, obwohl der «Rapport» bereits mehrfach übersetzt war, in Spanien die Sellerliste anführte und Alberto eine Einladung zum renommierten Festival «Miami Book Fair» vorweisen konnte.

Für Kubas Intellektuelle war der «Rapport» wie eine Erlösung. Nachdem sich in den Jahren davor scharenweise osteuropäische Schriftsteller an der Darstellung ihrer untergegangenen sozialistischen Regime abgemüht hatten, lag eine solche Innensicht nun erstmals auch für Kuba vor. Alberto betonte gegenüber einem amerikanischen Reporter, dass sein Vater von den Berichten gewusst habe: «My father said he wasn’t concerned about me accusing him of crimes against the revolution ... but he thought it would be unforgivable for the report to contain grammatical errors.» Bereits in verschiedenen Interviews aus derselben Zeit vergleicht Alberto das Lebensgefühl der KubanerInnen immer wieder mit dem Dasein von Zootieren. So überrascht es nicht, dass sein nächster Roman «Die Geschichte von José» konsequenterweise im Zoo spielt und die Bezüge auf das Leben des Autors zahlreich sind.

José González Alea, der sein Verbrechen beging, um seine erste grosse Liebe zu schützen - und allein das ist bereits ein Hinweis auf den Autor, der sich immer wieder als kubanischen Patrioten bezeichnet -, geht auf die seltsame Idee des Zoodirektors Juscelino Magalhaes ein. In eine Art Zwei-Zimmer-Käfig gesperrt, muss er sich von nun an damit abfinden, ein weltweit beachteter Medienstar zu sein: Sein Essen bekommt er von einem italienischen Nobelrestaurant, New Yorker Punkbands nehmen sein Bild aufs Plattencover. Doch vor allem seine Freunde müssen ihr Leben neu überdenken. Die Frau des Zoodirektors etwa, die sich in José verliebt, ihm ihre Gefühle aber nicht gestehen kann. Oder einige in Santa Fe gestrandete Exilanten, unter ihnen die Sängerin und Gelegenheitsprostituierte Zenaida Fagés, die erkennen müssen, dass sie ähnlich gefangen sind wie der Mann im Zoo. Oder Josés Vater, der nach 17 Jahren ohne jeden Kontakt zum Sohn als schüchterner Besucher am Käfig auftaucht. Vielleicht kann man die Botschaft der Parabel auf den Kernsatz bringen: Die Welt verändert sich, wenn ein einzelner Mensch es tut. José entschliesst sich irgendwann zum Ausbruch. Er verschwindet und lässt die Freunde mit ihren neuen Leben allein.

Für Alberto waren die letzten drei Jahre mit Sicherheit ein Weg zu einem neuen Lebensgefühl. Dass während dieses Aufbruchs zwei lesenswerte Bücher entstanden sind, ist umso besser. Da man am Ende der «Geschichte von José» das Gefühl hat, dass die Gespenster seiner Vergangenheit nun verscheucht sind, darf man bereits auf sein nächstes Werk gespannt sein.

TopTop

«Die Geschiche von José»

Alberto, Eliseo

Kindler Verlag. Reinbek 2000

252 Seiten. 37 Franken