Thomas Kapielski auf der Durchreise
Gepflegte Arschbombe backbord
Rezensiert von Stephan Ramming
Thomas Kapielski ist mehr als Schriftsteller: Kunstprofessor, Musiker, Philosoph, grossherziger Verköstigungsexperte verschiedenster Tranksame, Universalgelehrter. Ein Annäherungsversuch.
Prolog: Acht Uhr dreissig, Flughafen Kloten, Arrivals Terminal A. Warten auf Flug Berlin-Tegel nach Zürich-Kloten. Thomas Kapielski auf der Durchreise zum Literaturfestival Leukerbad. Zwei Stunden Zwischenhalt, Interviewtermin. Der sachdienliche Hinweis kam vor einem Jahr von Sabine Wen-Ching Wang, die als Teilnehmerin des Nachwuchs-Kolloquiums Kapielski am Klagenfurter Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb lesen hörte. Ebendort katapultierte sich Kapielski fulminant mit einer sprachgewaltigen, hochkomischen Satire auf den Betrieb ins Rampenlicht der E-Literatur, die beim Publikum begeisterten, bei der Jury säuerlichen Applaus erntete. Diese Akklamation in der Arena des literarischen Circus Maximus lenkte den Blick der Öffentlichkeit auf die zweibändigen «Gottesbeweise» (siehe WoZ Nr. 37/99), und dieses Frühjahr legte Zweitausendeins längst Vergriffenes von Kapielski wieder auf. Der Neunundvierzigjährige studierte Geografie, Philosophie und Musikwissenschaft, lebt unter anderem als Musiker, Künstler, Schriftsteller in Berlin, arbeitet seit einigen Jahren als Professor für Kunst in Braunschweig, verdient dort erstmals ein regelmässiges Gehalt und hat soeben seine Kolumne in der «Zeit» gekündigt. Und da steht er auch schon zwischen den milchgläsernen Schiebetüren, bester Zwirn in gebirgstüchtigem Lindgrün, in der einen Hand eine braune Ledermappe, in der anderen eine Plastiktüte. In einer Flughafensnackbar bestellt er sich in ostasiatischem Suzy-Wong-Ambiente eine Apfelsaftschorle und fängt an zu reden.
Monolog: «Komisches Klima hier. Diese Flughäfen sind immer so luftdicht. Kein Fenster, das man öffnen könnte. Klar kenne ich ‘Flughäfen’ von Fischli/Weiss, die beiden gehören mit zu den Besten. ‘Plötzlich diese Übersicht’ war in seiner mythologisch-demiurgischen Geste ganz grossartig. Die Welt erschaffen aus beklopptem Ton, der als Material längst an die Volkshochschule gerasselt war zu sich kunsttöpferisch betätigenden Damen mit Doppelnamen. Fischli/Weiss waren damals in den achtziger Jahren ein Paukenschlag, der immer noch nachhallt, bei mir zumindest, obwohl ich lange nichts gehört habe von den beiden. Die sind dezent, spricht für sie. Schweizer eben.
Die Schweiz an sich ist natürlich sympathisch. Weil sie so weit weg ist von Berlin. Gefällt mir, dass sie sich auch aus diesem Europakitsch raushält. Mit Frieder Butzmann habe ich vor Jahren mal in der Roten Fabrik gespielt. Ja, und letztes Jahr war ich mit meinem Oberkreuzberger Nasenflötenorchester am Pfeifenfestival in Luzern. Das war toll, in der ganzen Stadt gab es die verschiedensten Veranstaltungen. Ein Ornithologe war da, ein Tinitus-Forscher, ein Konstrukteur von BMW hat einen Vortrag gehalten über jenes legendäre Modell aus den sechziger Jahren, das ab Tempo 120 zu pfeifen anfing. Aus dem Amazonas wurde ein Indianerstamm eingeflogen, die waren zum ersten Mal raus aus ihrem Dschungel. Hier am Flughafen bekamen sie karierte Hemden, Jeans und Turnschuhe und sind dann im Pulk barfuss durch Luzern gelaufen, Turnschuhe unterm Arm. Wir vom Oberkreuzberger Nasenflötenorchester haben uns mit denen angefreundet; wir sind ja auch eine Art Stamm. In der einzigen richtigen Kaschemme Luzerns haben wir gemeinsam gespielt mit den Indianern. Wunderschön, auch mit dem Schiff auf dem Vierwaldstättersee, gepflegte Arschbomben backbord.
Geschrieben hatte ich eigentlich immer gern, für Zeitungen, Übersetzungen, ich habe selber Bücher verlegt. Dann kam mein Kunstverdruss, die Hochstapelei um die neuen Wilden, die Preise, der Betrieb, es war ekelhaft. Da ist es taktisch immer klug, wenn man in so einer Situation als Künstler seinen Aggregatszustand wechselt, Metamorphose macht. Der Kleinverleger Erich Maas kam mit dem Angebot, ein Buch von mir rauszugeben. Ich brauchte es nur zu schreiben. Ausser für Magister- und Diplomarbeit habe ich nie an einem längeren Text gesessen. Doch es war eine sehr schöne Sache. Man steht früh auf, sitzt zeitvergessen am Schreibtisch, knetet in den Geschichten versunken an der Sprache rum, muss nicht verreisen und ist für sich - eine unglaublich angenehme Erfahrung. Wenn die Schreiberei auch der Versuch ist, als Künstler das Medium zu wechseln, also Fortsetzung der bildenden Kunst mit nicht-bildenden Mitteln, geht es in meinen Büchern denn auch um den Kunstbetrieb, um Ästhetik, ars vivendi, lebensphilosophische Fragen, ich arbeite mit Zeichnungen und Fotografien. Bücher umgehen die Macht des Kunstbetriebes, dort läuft alles über Geld, Beziehungen und Galerien. Martin Kippenberger zum Beispiel hat das, als ihn der Kunstbetrieb boykottierte, ja auch aus taktischen Gründen gemacht, mit der Publikation von Büchern und Schallplatten. In der Kunst ist nicht die Produktion von Gegenständen interessant, vielmehr eine Art parawissenschaftliche Haltung, mit der man zum einen die eigene Existenz lebensphilosophisch und zum anderen die Welt mit ganz experimentellen, freimütigen Mitteln untersuchen kann - so, wie das die Wissenschaft eben nicht kann. Dazu stellt die moderne Kunst das Werkzeug zur Verfügung - man schlägt verblüffende Haken, hält mehrere Sachen gleichzeitig am Laufen, wechselt das Medium oder macht gar nichts.
Klar bin ich mit Stilisierungsgeschichten konfrontiert. Das ist der Klagenfurt-Effekt - der ewig Bier saufende Kneipenhocker Onkel Otto aus Neukölln und solche Geschichten. Dabei sind meine Bücher schon lustig und humorvoll, sie sind teilweise aber auch bitter. Wie man damit umgeht, ist eine Altersfrage, wie gefestigt man ist, wie viel man im Rücken hat. Ich hatte keine Ahnung, was da in Klagenfurt überhaupt los ist. Das war ganz gut, man fährt dann unbelastet hin. Erich Maas hat mir ein wenig erzählt und ich dachte, ach, nimm mal den Betrieb ein wenig aufs Korn und schreib das auf. Dann bin ich hingefahren und da waren auch schon all die jungen Schriftsteller wie früher auf der konspirativen Schülerversammlung: Wie soll man reagieren, wenn man vom Haider den Preis bekommt und ihm die Hand geben muss? Ich habe nur gesagt, na hört mal, seid ihr bekloppt, das muss man sich doch vorher überlegen. Wenn man hinfährt nach Klagenfurt, ist der Haider eben der Repräsentant von Kärnten und Gastherr, von dem man sich umsonst bewirten lässt. Ich war dann der Einzige, der Haider am Empfang die Hand gegeben hat. Wir haben uns auch kurz unter- halten. Ich sagte, Herr Haider, was Sie da mit der Kunst machen, ist doch Quatsch. Leute wie Hermann Nitsch würde ich besser in Ruhe lassen, die sind ja mehr so für sich, das bringt denen und Ihnen doch gar nichts, wenn Sie sich die als Feinde aussuchen. Dann haben wir noch ein bisschen geplaudert. Manchmal ist es klüger, wenn man mit jemandem spricht statt mit dem Plakat rumzustehen und der sagt dann: ‘Jetzt erst recht.’
Jedenfalls wurden am Ende des Empfanges alle Schriftsteller in ein schickes Luxushotel verfrachtet, wir bekamen einen Rucksack, auf dem stand ‘Ingeborg Bachmann Preis’. Mit dem läuft jetzt mein Sohn rum, der ist Legastheniker. Ich war viel spazieren die Tage und habe mir eine Wurstbude ausgeguckt, wo statt Fussball die Bachmann-Übertragung lief. War gemütlich. Die haben mir auch ein Jörg-Haider-Feuerzeug geschenkt, mit dem konnte man prima provozieren bei den Schriftstellern: Brauchst a Feuer?
Der ganze Literaturbetrieb sitzt im Lokal am See, Lorenzini oder so heisst das. Ich war nur einmal da, man kriegt Essensscheine, die man abfressen kann. Die Leute von der Jury sind dort natürlich Habitués, duzen den Kellner, Tonio kannste hier mal und bring doch bitte. Die Schriftsteller wanzen sich an die Jurymitglieder, versuchen zwar nicht zu schleimen, wollen aber auch nichts unversucht lassen, einen Kontakt herzustellen - also nur peinlich. Ich war schon tüchtig angeballert, gab einige Unpässlichkeiten von mir und sagt dann, so Kapielski, jetzt mal schön nach Hause zu deiner Wurstbude. Nach meiner Lesung waren alle ja ganz euphorisch und ich dachte schon, au Scheisse, jetzt wollen die dir den Preis verpassen. Aber das hatte sich schnell abgekühlt. Die haben wohl jedes Jahr einen, der da den Clown macht, so wie Goetz damals mit der Rasierklinge. Ich finde dann aber so Sachen wie Kunzelmann von der Kommune 1 besser, als er beim Prozess dem Richter auf den Tisch schiss. Vor allem bewundere ich, wie der im entscheidenden Moment seinen Kackreiz kontrollieren konnte. Das mach mal einer nach!»
Epilog: Die Apfelsaftschorle ist getrunken, in wenigen Minuten fährt der Zug nach Leukerbad. Ein rasches Tschüss und Kapielski entschwindet so plötzlich, wie er aufgetaucht ist. Gerne hätten wir ihm länger zugehört. Zum Glück gibt es seine Bücher.
Im weiteren von Thomas Kapielski dringend zu empfehlen: «Aqua Botulus». Neuauflage bei Zweitausendeins. Frankfurt a. M. 2000. 180 Seiten, 180 Fotografien. 17 Franken.
WOZ 27/2000
«Der Einzige und sein Offenbarungseid»
Kapielski, Thomas
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Neuauflage bei Zweitausendundeins. Frankfurt a. M. 2000
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283 Seiten. 17 Franken


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