Alison Louise Kennedy
Gleissendes Glück
Rezensiert von Anna Schindler
Die Schottin Alison Louise Kennedy ist 35 Jahre alt und eine der meist beachteten jungen Schriftstellerinnen Grossbritanniens. Dies bestimmt auch darum, weil sie weiss, wovon sie schreibt, wenn sie das qualvolle, schmerzhafte Innenleben ihrer Figuren in einer feinfühligen, zarten, liebevoll-spöttischen Sprache schildert: Vor einem Jahr hätte sie sich beinahe aus dem Fenster ihrer Wohnung in Glasgow in den Tod gestürzt. Und ähnlich tragisch beginnt die Geschichte ihrer Romanfigur Mrs. Brindle. Im Leben der Glasgowerin Helen Brindle ist weit und breit nichts von Glück zu spüren. Mrs. Brindle ist Haus- und Ehefrau, eine liebenswerte graue Maus. Gott scheint sie vergessen zu haben, ihr Mann misshandelt sie, ihre Tage verstreichen einer wie der andere im elenden Trott aus Kochrezepten, Einkaufstouren und raschen Abstechern in Buchhandlungen: Abteilung Religion, Selbsthilfe und Psychologie. Mrs. Brindle versucht sich gegen die Welt zu panzern, mit der Ausweglosigkeit klarzukommen - und es gelingt ihr auch ganz gut. Ausser dass sie kaum essen und nachts nicht schlafen kann. In diese wache Dunkelheit des ehelichen Heims platzt der gut aussehende, weltmännische Psychologieprofessor Edward E. Gluck. «Wen dürfen wir uns beim Onanieren vorstellen?», fragt er mitten in der Nacht aus dem TV-Kasten - Lebensberatung bei der BBC. Die Frage allerdings ist symptomatisch für Glucks Leiden. Doch als Mrs. Brindle dies merkt, ist sie bereits Helen für ihn, und die Dinge haben begonnen, ihren Lauf zu nehmen. Helen Brindle reist des tollen Professors wegen heimlich nach Stuttgart an einen Kongress, und was sich dort zwischen den beiden ungleichen Seelen anbahnt, ist nichts anderes als Liebe. Bloss scheint Helen vom Regen in die Traufe geraten zu sein: Ihr Held ist selber ein Psychopath. Professor Gluck ist süchtig nach pornografischen Bildern. Je grausamer sie das Schicksal mit ihren Protagonisten umspringen lässt, umso liebevoller fängt A. L. Kennedy sie im Fluss ihrer Erzählung wieder auf. Die linkisch und scheu begonnene Liebesbeziehung zwischen Helen und Edward gedeiht allen Widrigkeiten zum Trotz wie ein zartes Pflänzchen, und zum Schluss gesteht uns Miss Kennedy sogar ein wunderbares Happy End ohne Kitsch und Schmalz zu - so ganz anders als meist im wirklichen Leben.
WOZ 52/2000
«Gleissendes Glück»
Kennedy, A. L.
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Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2000
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192 Seiten. 31.50 Franken


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