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Kerstin Kempker

«Mitgift. Notizen vom Verschwinden»

Rezensiert von Marc Rufer

«Mitgift, Notizen vom Verschwinden», ein ehrliches Buch, ein mutiges Buch, ein poetisches, brillant geschriebenes Buch, ein packendes Buch. Es zeigt die Abgründe der Psychiatrie in schonungsloser Offenheit, es zeigt, dass die biologische Psychiatrie ihr Arsenal, Neuroleptika, Insulin- und Elektroschock hemmungslos einsetzt, wann immer sie dazu die Gelegenheit hat. Und diese Behandlung macht aus Kerstin Kempker, der verzweifelten, 17-jährigen Jugendlichen, ein «aufgedunsenes, hässliches, pickelbedecktes Monster, das sich nur langsam bewegt, dem der Speichel aus dem Mund läuft und dessen Finger zu unbeweglichen Würsten mutiert sind». Parallel dazu wurde binnen weniger Wochen aus der ursprünglichen Diagnose «krisenhafte Pubertätsentwicklung» eine «endogene Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis».

«Ich möchte beschreiben, wie Psychiatrie, wenn nicht tot, so doch verrückt macht.» Dies ist der Autorin überzeugend gelungen: Nur die, der es schlecht geht, ist eine «gute» Patientin. «Schlechter als mir gehts keinem. Ich kann es besonders schlimm.» «Ihr habt Angst um mich? Was gibt es Schöneres?» «Wir spielen das Psychiatriespiel, gewinnen kann es keiner. Es ist eine neue Sprache, die ich gelernt habe.» Ja, in der Psychiatrie lernen die Patientinnen viel, sie lernen vor allem, was es heisst krank zu sein, krank, verrückt, psychotisch, schizophren, suizidal. Ein verheerender Unterricht. Viele prägt dieser Stoff unwiderruflich für ihr verbleibendes Leben. Erlernte Hilflosigkeit.

Auch in Kerstin reifte als Folge der Hospitalisierungen und Behandlungen die Überzeugung, man müsse ihr helfen. Äusserst schwierig, von diesem Glauben loszukommen, er macht hilflos, invalidisiert und chronifiziert.

Doch nicht nur das: Klar wird auch, dass die Psychiatrie Tote produziert, Tote in grosser Zahl. «Dying is an art, like everything else. I do it exceptionally well.» Dieser Satz von Sylvia Plath war im Laufe der Hospitalisationen zum Motto von Kerstin Kempker geworden. Die Autorin hatte Glück, trotz mehrerer teils schwerer Suizidversuche blieb sie am Leben und handelte sich keine bleibenden Schädigungen ein. Ganz anders ihre «MitpatientInnen». Viele brachten sich um.

Für Kerstin Kempker wurde klar, Hilfe gibt es hier keine. Sie beginnt wieder zu schreiben. «Die Toten, über die hier so leicht hinweggegangen wird, lassen mich nicht los. So makaber es klingt, sie sind es, die mich am Leben halten.» «Beim Schreiben finden meine Gedanken Buchstaben und kommen endlich einmal an die Luft.» Sie schreibt sich raus aus der Psychiatrie. Vieles ist dokumentiert in ihrem Buch, Texte, Träume, Gedichte (und auch ausdrucksstarke Zeichnungen) von damals, Briefe an ihr Phantom, einen Schweizer Schriftsteller; ihm schreibt sie die Briefe, die für alle anderen zu rücksichtslos und unvorsichtig wären.

Doch Schreiben kann auch verhängnisvoll sein. Ihr Tagebuch brachte die Autorin in die Psychiatrie. Die Betreuerin eines Heimes im Allgäu, wo Kerstin zur Kur weilte, ist überfordert von seinem Inhalt. Sie alarmiert den Hausarzt: «Sie kennen meine Freunde Camus, Kafka und Bernhard nicht und nicht die Befreiung, die ein zu Papier gebrachter und zu Ende gedachter Gedanke bringt. Man muss ihn dann nicht mehr denken, nicht mehr so.» Grund zur ersten Einweisung war also nicht in erster Linie das Verhalten von Kerstin, sondern ihr Tagebuch. Und das ist keineswegs aussergewöhnlich. All diejenigen, die sich auf irgendeine Weise am Rande der Gesellschaft bewegen, seien deshalb dringend davor gewarnt, die Geheimnisse ihres Innenlebens an Menschen, denen sie nicht restlos vertrauen, weiterzugeben.

Etwas mehr als drei Jahre lang war Kerstin Kempker in drei verschiedenen Kliniken (darunter auch im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen) psychiatrisch hospitalisiert. Drei verlorene oder besser gestohlene Jahre bis kurz vor ihrem 21. Geburtstag.

Doch auch was folgte, war äusserst schwierig und beschwerlich. Nur langsam schaffte sie es, wieder Fuss zu fassen in der Welt der Normalen, fand erst im Laufe der Zeit einen Weg, der zu ihr passte: Abitur, Jobs, zwei Kinder, Studium der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Autorin und Koautorin von verschiedenen lesenswerten Büchern und Mitarbeiterin im bekannten Weglaufhaus in Berlin. So verstrichen nach ihrer Entlassung zwanzig Jahre, bis Kerstin Kempker fähig war, «die schwarze Kiste zu öffnen», das Buch «Mitgift» zu schreiben, in dem neben ihrer Zeit in der Psychiatrie auch ihre Jugend in einer Beamtenfamilie mit dem autoritären Vater und der strenggläubigen Mutter dargestellt ist.

Das Buch ist fair. Es ist keine Anklageschrift, es beschreibt und dokumentiert. Kerstin Kempker rechnet nicht ab, die Psychiatrie entlarvt sich selbst: nicht zuletzt in den vielen Auszügen aus den teils entwendeten Klinikakten - bis heute tut sich die Psychiatrie bekanntlich schwer damit, den Betroffenen ihre Akten herauszugeben.

Wer Kerstin Kempker heute kennen lernt, kommt nie und nimmer auf die Vermutung, dass sie diese schweren Zeiten in der Psychiatrie durchgemacht hat. So zeigt dieses Buch einerseits, wie leicht und unverhofft jeder in der Psychiatrie landen kann, andererseits bedeutet es eine riesengrosse Hoffnung für viele. Jede und jeder kann es schaffen. Niemand ist so verrückt, dass der Weg endgültig raus aus der Psychiatrie für ihn als unmöglich bezeichnet werden muss. Was es braucht dazu, ist Mut und den Willen, nicht unterzugehen. Kerstin Kempker hatte beides und auch das nötige Glück, zum Glück.

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«Mitgift. Notizen vom Verschwinden»

Kempker, Kerstin

Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag. Berlin 2000

208 Seiten. Fr. 28.20