Medientagebuch

von Christian Rentsch

Auf Abwegen

Seit der machiavellistische Stratege Martin Kall vor viereinhalb Jahren bei der Tamedia das Ruder übernommen hat, herrscht Krieg unter den Schweizer Medienhäusern. «Nur der Stärkste überlebt», heisst das neue Kriegsspiel der Zeitungsverleger, und wenn es nach dem Willen der Grossen geht, dann wird es in wenigen Jahren nebst dem Kleingemüse der Lokalpresse in einigen abgelegenen Regionen nur noch einige wenige mächtige Verlage geben, die den Markt der Tages- und Wochenpresse, der Publikumszeitschriften und Heftli beherrschen.

Dass es dabei weniger um die Leser als um die Anzeigen geht, zeigt die Strategie, welche die Tamedia nur etwas schneller und konsequenter als die übrigen Häuser betreibt: Wandert die Werbung ab ins Fernsehen, kauft man sich eben die Sender, verlagert sich ein anderer Teil der Anzeigen in die Gratisblätter, kauft man sich eben diese Gratisblätter. Nach dem Motto «Auch Kleinvieh mach Mist» bemächtigt man sich der Lokalpresse mit ihren lokalen Anzeigenkunden.

So weit, so schlecht. Bloss: Vor lauter Kriegspielen haben die Medienstrategen mit ihrer notorischen Verachtung für die redaktionellen Inhalte eine Entwicklung völlig aus den Augen verloren, welche die Medienszene innert Kürze noch weit massiver umpflügen wird. Das noch etwas ungeläufige Stichwort heisst Web 2.0. Das Entscheidende daran ist nicht bloss die überwältigende Quantität der Informationen, sondern das, was die Spezialisten mit dem Begriff «User Generated Content» zu fassen versuchen: Der Internetbenutzer wird selbst zum Informationsproduzenten. JedeR UserIn kann sich aus dem Web also nicht bloss exakt und ausschliesslich jene Informationen herausfischen, die er sucht, sondern er kann selbst mit Gleichgesinnten Informationen austauschen. Noch für das ausgefallenste Interesse gibt es hundert Spezialistinnen und tausend Ansprech- und Diskussionspartner, die im Austausch ihr Wissen gratis weitergeben. Keine Zeitung, kein Einwegmedium kann einen so individuell abgestimmten Service bieten. Auch psychologisch ist das Web 2.0 im Vorteil: Wer im Web selbst InformationslieferantIn ist, wird sich auch primär im Web informieren; die gesuchte Information ist ja nur zwei, drei Klicks entfernt.

Die grosse Schwäche des Web 2.0 ist seine Unübersichtlichkeit oder, im Jargon der SpezialistInnen, die «Schwarm-Intelligenz». Das heisst: Entscheidend für die Bedeutung einer Information ist nicht ihre Zuverlässigkeit, ihre Seriosität, sondern wie häufig sie angeklickt worden ist. Wo noch der blutigste Dilettant zum Informationsproduzenten wird, wo Fangedudel, Werbungssprüche und kompetentes Wissen sich kaum unterscheiden lassen, wo die Anzahl der Klicks und die Raffinesse der Such-Codierungen entscheiden, welche Informationen zuoberst auf den Google- und anderen Listen stehen, da verliert sich die gesicherte Information in der Flut von Halbwissen, Behauptungen und Klatsch.

Hier liegt eine wichtige Überlebenschance der Zeitungen. Stattdessen haben alle Schweizer «Qualitäts»-Zeitungen in den letzten Jahre ihre Redaktionen abgebaut, ihre Korrespondentennetze verkleinert, ihre spezialisierten freien MitarbeiterInnen ausgehungert und eliminiert. Und alle Zeitungen haben ihre redaktionellen Inhalte mit sogenannten Lesestöffchen, geschwätzigen Kolumnen, harmlosen Geschichtchen und Peopleklatsch aufgepeppt. Sie rennen dem Internet auf einer Ebene hinterher, wo sie mit ihren zwei, drei Dutzend redaktionellen Seiten gegen Milliarden Webseiten nicht den Hauch einer Chance haben. Zugleich verspielen sie damit den besten Trumpf, den sie gegenüber der Schwarmintelligenz des Internets haben: die zuverlässige, kritische und souverän gewichtete Information über die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen, kulturellen (und meinetwegen sportlichen) Ereignisse. Genau dies kann das bloss «schwarmintelligente» Web 2.0 nicht leisten.



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