Medientagebuch
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Ich, ich, ich, ich, ich
Als Zeitungen noch in erster Linie der Information ihrer LeserInnen dienten und nicht zur Profilierung der JournalistInnen, galten Kolumnen als die funkelnden Diamanten im Einerlei der Bleiwüsten von Routinetexten. Als konzentrierte Übungen des freien Querdenkens bürsteten MeisterschreiberInnen den Common Sense gegen den Strich, klopften die Volksmeinung oder Politikersprüche auf Hohlräume ab, sezierten Texte ihrer KonkurrentInnen, brachten der Dummheit das Denken bei, sie bliesen der Denkfaulheit den Marsch. Klug, originell und geistreich mussten, polemisch und provozierend durften sie sein. Ihre Kunst bestand darin, wie Robert Scheu in einer Würdigung von Karl Kraus schrieb, «mit der Sprache so zu fesseln, dass der Leser mit steigender Lust und Spannung ins Labyrinth läuft und alle auch schweren Anforderungen gern auf sich nimmt».Solche Kolumnen gibt es, selbst in der Schweizer Presse, auch heute noch: Manfred Papsts «Zugaben» in der NZZ am Sonntag gehören dazu, manchmal auch Roger de Wecks Kolumnen in der «SonntagsZeitung». Dazu noch die eine oder andere. Das aber bleiben seltene Solitäre. Wer sich durch die Kolumnenspalten von Schweizer Zeitungen quält, muss zum Schluss kommen, dass diese zu Abfalleimern missratener Texte, zum Tummelfeld unbegabter SchreiberInnen geworden sind.
In der Regionalausgabe einer grösseren Schweizer Tageszeitung - der Name tut nichts zur Sache, da sich die Kolumnen anderer Zeitungen kaum davon unterscheiden - berichtet eine Kolumnistin, dass sie sich auf ihrem Handy fortwährend vertippt. Einen Tag später mokiert sich eine zweite darüber, dass Handys auch im Zug rege benützt werden. Eine dritte teilt ihren LeserInnen mit, dass sie in Frankfurt an einer Messe war und Frankfurt so anders ist als die Goldküste. Ein Redaktor lässt die Leserschaft wissen, dass er sich in den Finger geschnitten hat. Eine Kolumnistin nutzte ihre ersten beiden Kolumnen, um die LeserInnen mit den Feinheiten ihres Namens bekannt zu machen. Der geschwätzige Gastkolumnist Klaus J. Stöhlker berichtet, dass einige namhafte Manager an der Goldküste wohnen, andere von dort wieder weggezogen sind; und er endet mit dem etwas klimadebattenverwirrten Satz: «Unsere Goldküsten-Scholle schmilzt nicht, sondern wächst.»
Allen diesen Kolumnen ist eines gemeinsam: Da beschreiben JournalistInnen, die nichts erlebt haben, dass sie nichts erlebt haben. Und dass ihnen in den letzten Tagen auch kein origineller, kluger oder sonst wie aussergewöhnlicher Gedanke in den Sinn gekommen ist. Das Einzige, was aus diesen Kolumnen spricht, ist der Drang, sein kleines Ich ins grosse Rampenlicht zu stellen: Ich, ich, ich, ich, ich … Denn wer Kolumnen schreibt, ist nicht irgendwer, sondern auf dem Weg zur Prominenz.
Hinter dieser Kolumnenverluderung verbirgt sich ein Skandal. Dieser besteht allerdings nicht darin, dass ein Kolumnist, eine Kolumnistin in aller Öffentlichkeit die Hosen runterlässt.
An der viel diskutierten «Futz»-Kolumne von Michèle Rothen etwa, der sogenannten Starkolumnistin des «Magazins», ist nicht skandalös, dass sie das Wort Futz schön oder geil oder sonst was findet. Sondern dass sie und die «Magazin»-Redaktion so tun, als hielten sie dies für so wesentlich, dass es gleich die halbe Bevölkerung der Schweiz erfahren müsste. Natürlich wissen Rothen und ihre Redaktion, dass dem nicht so ist. Es ging ja auch bloss um eine kleine Provokation, weil man sich mit Provokationen heutzutage gut im Gerede hält. Der eigentliche Skandal dieser läppischen Kolumne aber ist, dass die «Magazin»-Redaktion offenbar glaubt, dass ihre LeserInnen diesen faulen Trick nicht durchschauen, dass sie sich tatsächlich echauffieren, wenn ein vulgäres Hühnchen vulgären Gassenslang spricht. Eine Journalistin aber, die ihre Kolumne dazu missbraucht, um prominent zu werden, und eine Zeitung, die diese egomanen Spielchen mitmacht, ja fördert und ihre LeserInnen für so dumm hält, laufen Gefahr, ihren Anspruch, ernst genommen zu werden, zu verspielen.
Christian Rentsch ist freier Journalist.
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