Reste verwerten
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Kartoffeltätschli, Zwiebelmüesli, Fotzelschnitten, Apfelrösti, Vogelheu: Tante Rösi hat im Grosshaushalt meiner Kindheit täglich das Znacht gekocht und dabei hauptsächlich Reste verwertet. Aber wie sie das getan hat! Hingebungsvoll und kunstfertig hat sie die Kartoffeltätschli in der heissen gusseisernen Pfanne gebraten, à la minute natürlich, nicht vorgekocht und warm gestellt, sie wären sonst gummig geworden und ausgetrocknet, nein, aus der Pfanne direkt in den Teller, aussen knusprig, innen luftig und nie zu fett. Ein Festessen.
Tante Rösi, eigentlich meine Grosstante, kam mir in den Sinn, als ich in der letzten WOZ las, worum es bei der IV-Revision geht: Es soll künftig wesentlich schärfer beurteilt werden, «wie die Restarbeitsfähigkeit einer versicherten Person auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch verwertet werden kann». Nachdem ich mich kurz und heftig empört hatte über diese krasse Technokratengesinnung in der Abstimmungsbotschaft, wurde ich nachdenklich. Ob Tante Rösi als ehemalige Köchin Anspruch auf eine IV-Teilrente gehabt hätte? Ich weiss es nicht. Dass sie aber, als sie wegen ihrer offenen Beine fast nicht mehr gehen und auch nicht mehr den ganzen Tag am Herd stehen konnte, bis weit über das Pensionsalter hinaus Reste verwertete und ihren Beitrag zum Familienbetrieb leistete, das war doch nichts anderes als eine Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit! Und gar nicht so unmenschlich, sondern ein praktisches, rentables Arrangement, vielleicht gar die Erfindung dessen, was man heute Win-win-Situation nennt. Wie viel schöner kann es doch sein, seine Restarbeitsfähigkeit zu verwerten als ungebraucht, traurig und allein von einer IV-Rente zu leben.
Das wird sich auch die ältere Frau gesagt haben, die vor ein paar Tagen plötzlich im WOZ-Grossraumbüro stand und sehr laut einen geschützten Arbeitsplatz verlangte. Sie wolle sich eingliedern, rief sie aufgeregt, und keine IV mehr! Chapeau vor diesem Überlebensinstinkt, der ihr rät, ihre Geschicke selber in die Hand zu nehmen, bevor es die Verwerter von der Behörde tun. Als man ihr sagte, dass nichts frei sei, ging sie, unverständliche Beschimpfungen brummend, wieder raus.
Aha, werden Sie jetzt denken, die WOZ ist überhaupt nicht besser als andere Betriebe. Was so nicht stimmt. In der gut fünfzigköpfigen WOZ-Belegschaft gibt es immer mal wieder Leute, denen es längere Zeit schlecht geht, die psychisch angeschlagen oder rekonvaleszent sind. Sie können, trotz Spardruck, auf Solidarität und ein gewisses Verständnis zählen. Da funktioniert ein Kollektiv doch noch ein bisschen wie ein Familienbetrieb. Es braucht viel, bis es gar nicht mehr geht. Trotzdem, der älteren Frau konnten wir nicht helfen.
Was wird nun aus ihr? Die Wirtschaft hat sie und viele andere in den letzten zwei Jahrzehnten dankend zur IV spediert, und wir alle lernten unterdessen «Leistung», «Wettbewerb» und «Rendite» buchstabieren. Wie sollte also künftig «die Restarbeitsfähigkeit einer versicherten Person auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch verwertet werden»? Auf demselben Markt, der ihr einen ungenügenden Marktwert attestiert, sie ausgespuckt hat? Indem man ihr die Rente streicht und sie zwingt, jede Arbeit zu jedem Lohn anzunehmen. So könnten dann diese Reste vielleicht doch noch rentabel verwertet werden. Eine Win-win-Situation ist das nicht, aber das ist ja auch nicht das Ziel dieser Revision.
RUTH WYSSEIER ist WOZ-Inlandredaktorin und Weinbäuerin.
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