Abenteuer mit Sushi
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Nicht, dass man dem Nachrichtenmagazin «Facts» auch nur eine halbe Träne nachweinen würde, aber dass diese Publikation per Ende Juni eingestellt wird, erfüllt einen auch nicht mit Jubel. Ist es doch ein weiteres Zeichen dafür, dass sich (nicht nur) Tamedia wenig darum kümmert, was Journalismus im Printbereich heute noch sein könnte. Was sich nicht lohnt, wird allenfalls noch ein Weilchen als Prestigeobjekt weitergeführt, regelmässig «umstrukturiert» (= am Organigramm der Redaktion herumgefummelt und ein neues, hässlicheres Layout designt) und irgendwann dann doch von der Klippe geschubst. Was sich nicht lohnen muss, tutet schamlos ins Horn der Geldgeber, was selbstverständlich nicht die AbonnentInnen und InserentInnen sind. Offensichtlich ist man in konservativen Wirtschaftskreisen eher bereit, sich einfach mal so eine nichtprofitable Postille zu leisten, als dies in grossen Medienunternehmen der Fall ist. Leid tun können einem dabei die existenzangstgebeutelten Belegschaften in den Redaktionen. Und die Leserschaft, die muss ja ihren Brotkorb auch ständig höher hängen!
«Du musst halt nicht Schweizer Magazine lesen!», sagte ein befreundeter Medienschaffender neulich zu mir. Wo er recht hat, hat er recht. Nehmen wir einen Klassiker, die alte Tante «Vanity Fair», da gehts doch gleich ganz anders zur Sache! Das gilt, um genau zu sein, für die amerikanische Ausgabe, keineswegs aber für die deutsche. Wir hier kaufen ohnehin am besten die englische. Da gabs zum Beispiel im Juni: zum Einstieg eine pointierte politische Kolumne, in der die Regierung Bush harschestens kritisiert wird. Das ist im amerikatreuen Britannien immer noch mutig, gerade wenn man seine Luxusartikelwerbekunden nicht verlieren möchte. Aber «Vanity Fair» leistet sich das. Gerade wie einen Artikel über «Londonistan», der die multikulturelle Metropole als Brutstätte von teilweise gewaltbereiten Vereinigungen fundamentalistischer Muslime beschreibt, die enormen Zulauf haben, vor allem von perspektivelosen Jugendlichen. Dabei wird aber nicht einfach pauschal gegen den Islam gebelfert, wie dies bei uns zum Beispiel die «Weltwoche» erledigen würde, sondern sehr genau hingeschaut. Kein Wunder, wenn man weiss, dass «Vanity Fair»-JournalistInnen zwei Monate (bezahlte) Zeit zum Recherchieren haben, bevor sie ihre Texte schreiben. Erzählen Sie das keinen Schweizer JournalistInnen, ich befürchte, die würden sofort auch teilweise gewaltbereit.
Dieses Heft hat einen formidablen Themenmix drauf und schafft es immer wieder, unerwartete Wendungen innerhalb eines Artikels zu bringen. So ist hier ein Text über Sushi kein ödes Lifestylegestammel, sondern gerät via Wirtschaft und ökologische Fragen zu einem wahren Abenteuerbericht über ein seltsames Geschäft. Oder die Lage im Irak wird erörtert in einem Bruce-Willis-Interview zum Kinostart von «Die Hard 4.0». Es geht aber auch mal direkt zur Sache: Dem Yogaboom wird mit viel Humor begegnet, aber dennoch seriös auf den Zahn gefühlt. Es ist zwar nur ein kurzer Text, aber er wird durch eine grossartig zusammengestellte Fotostrecke ergänzt, die Bände spricht. Wenn wir schon bei Bildern sind: Im Juniheft fotografierte Annie Leibowitz (Leib-und-Magen-Fotografin der Rockstars) Her Majesty, the Queen in all her finery (was in diesem speziellen Fall ein goldenes! bodenlanges! Kleid ist). Ach, es ist einfach gescheit gemacht, stets überraschend und schön anzusehen. Eine richtige Wundertüte, dieses «Vanity Fair».
So weit, so schön. Bleibt die Frage, warum wir hier kein solches Magazin haben. An den Gewinnmargen der verbleibenden zwei finanzstärksten Verlagshäuser der Schweiz kann es auf keinen Fall liegen. Bis die Frage zufriedenstellend geklärt ist, kaufe ich erst mal die Juliausgabe von «Vanity Fair» - diesmal zum Thema Afrika.
Suzanne Zahnd ist Musikerin und Autorin.
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