Tages-Diebe
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Im Frühling schrieb mir ein Redaktor des «Tages-Anzeigers» eine E-Mail: «Du wirst ob meines morgigen Textes erstaunt sein, ich habe viele Informationen deinem Text entnommen. Dein Text war so gut.» Tatsächlich war am nächsten Tag, es war ein Porträt über einen St. Galler Nationalratskandidaten, die WOZ im ersten Abschnitt zitiert. Das war fair, aber wenig dafür, dass von den restlichen 5000 Zeichen 2000 aus der WOZ abgeschrieben waren. WOZ Nr. 7/07, 15. Februar: «... setzt Hasler sich stundenlang hin, studiert die Gesetzesparagrafen, recherchiert, macht eine Anfrage, schreibt Leserbriefe. So funktioniert gute Lokalpolitik.» «Tages-Anzeiger», 16. April: «Mit grossem Fleiss studiert Hasler dann die Gesetzesparagrafen, recherchiert, schreibt Leserbriefe - was einen guten Lokalpolitiker eben ausmacht.» Warum hat der «Tages-Anzeiger» nicht einfach den WOZ-Artikel eingekauft? Den Grund erfuhr ich ein paar Tage später: Der «Tagi»-Chefredaktor rief, empört ob einer WOZ-Geschichte, an und sagte: «Wer liest schon die WOZ?»
Ein paar Tage später liess sich der «Tagi» durch ein WOZ-Interview zu einem Porträt über den Kapitän des FC Basel, Ivan Ergic, inspirieren. Dann schrieb ich einen Artikel über den Rassisten Louis Agassiz. Ich verwendete Informationen des Historikers Hans Fässler, der in der Sache recherchiert. Ich fügte Ergebnisse eigener Recherchen hinzu: «Nur einmal wurde bisher ein Berg umbenannt: die einstige 'Höchste Spitze', der höchste Gipfel des Landes, in Dufourspitze. Der Bundesrat hat es so veranlasst.» Fässler dankte mir für diese Information. Kurz darauf stand im «Tages-Anzeiger»: «Der Bundesrat hat bereits einmal einen Gipfel zur Chefsache erklärt und ihm einen neuen Namen gegeben. 1863 taufte er zu Ehren des Kartografen Guillaume Henri Dufour die 'Höchste Spitze' in Dufourspitze um.» Eigene Recherche? Oder konnte der Redaktor nicht mehr unterscheiden, was WOZ, was Fässler war?
Im Juni schrieb ich in der WOZ über den Direktor des Cabaret Voltaire: «'20 Minuten' empörte sich wochenlang ob Aktionen von Philipp Meier. Das Blatt schrieb, Künstler hätten im Cabaret Voltaire zur Graffiti-Schlacht aufgerufen. Die Reporterin war nicht vor Ort und die Schlacht ein Workshop.» Am 6. Juli stand im «Tages-Anzeiger»: «Im Frühling gingen die Wogen hoch, nachdem '20 Minuten' berichtet hatte, das Dada-Haus habe zu einer illegalen Graffiti-Schlacht in der Stadt aufgerufen. Die Schlacht war ein Workshop.»
Irritierend, wenn sich eigene Sätze und Gedankengänge in anderen Medien wiederfinden, geschrieben von anderen Menschen, verkauft als deren Eigenleistung. Während im «Tagi»-Cabaret-Voltaire-Artikel das hauseigene «20 Minuten» erwähnt wurde, ging vor lauter Abschreiben unter, wer den im Artikel erwähnten «Brief des Stadtpräsidenten» publik gemacht hatte (die WOZ).
Meine eine Mitbewohnerin sagt: «Schweine! Wir müssen uns bewaffnen!» Meine andere Mitbewohnerin sagt: «Viel Feind, viel Ehr! Noch einen Drink?» Nur: Zu WOZ-Gunsten wird nicht zitiert, wenn es darum geht, ihr eins auszuwischen, schon: In denselben Wochen verwies ein «Tagi»-Redaktor (immerhin!) auf die WOZ. Es war ein Verweis - es ging um ein Interview mit Andrea Stauffacher vom Revolutionären Aufbau - dass die WOZ zu «einem in Achtungstellung entgegengenommenen Tagesbefehl» ausgerückt sei.
Yeehaw! Wenn Sie heute wissen wollen, was bald im «Tagi» steht, lesen Sie die WOZ.
GÖLDIN ist auch WOZ-Inlandredaktor.
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