No Photos! No Photos?
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Mit dem Auftrag, die Hardturmbesetzung zu fotografieren, zog ich vergangenen Freitag mit rund zweihundert fröhlichen Menschen zum Stadion in Zürich West. Als Erstes suchte ich dort eine Person, die für Pressefragen zuständig war, und schilderte ihr mein Vorhaben. Die Person erklärte mir, dass vorerst nicht fotografiert werden dürfe, dass aber von den BesetzerInnen eine Fotografin organisiert sei, deren Fotos ich beziehen könne.
Gut, verärgern wollte ich niemanden, und voller Zuversicht auf spätere Gelegenheiten spazierte ich ins Stadion, sah die ungemähte Wiese und freudige Menschen, die darin hüpften; die Abendsonne schien, es wäre ein schönes Foto geworden. Aber genau jetzt brauste hinter mir die Polizei heran, und einer ihrer Männer warf sich wie ein Vollidiot in Schussposition und ballerte einfach mal mit Tränengas darauflos. Der Mut verliess mich, das schöne Bild im Kopf war weg. Ich suchte so schnell wie möglich ein Schlupfloch, um die Situation zu verlassen.
Fünf Minuten später stand ich wieder vor dem Stadion. Das Gitter war zu. Die Polizei kläffte herum, und einer lag am Boden, der unter den Polizisten wie ein Fisch an der Angel zappelte. Das sei ein Fotograf, sagte man mir. Ein Fotograf in Handschellen. Wie absurd. «Fotografiert alle, bitte alle fotografieren!», rief jemand. Ich zögerte. Vorher durfte ich nicht, jetzt sollte ich, und verhaftet wurde ich am Ende vielleicht auch. Mir wars zu viel. Später beim Einschlafen schwor ich mir, nächstes Mal einfach alles zu fotografieren, so oder so, es wären doch so schöne Bilder entstanden, und der verhaftete Fotograf tat mir leid. Ich träumte von der Pressefreiheit.
Nächster Tag, gleicher Ort. Überall Plakate: «No Photos», «Brot & Aktion ist kein Museum! Keine Fotos!». Und überall wurde geknipst: ob Profi oder Amateur, ob AktivistIn oder Papa mit Junior - oder war das nun ein Zivilfahnder, der seinen Sohn mit zur Arbeit nahm? Ich drehte eine Runde und entschied mich erst einmal für ein Übersichtsbild von der Tribüne herab. Am Standpunkt angekommen, dreimal abgedrückt, schon stand einer hinter mir und meinte, ich hätte ja eine professionelle Kamera, und der Fototermin sei schon vorbei, und sowieso dürfe man nur von dort unten fotografieren. Ich sei doch von der WOZ, sagte ich, und von hier oben erkenne man niemanden, mir sei durchaus bewusst, dass niemand erkannt werden dürfe.
Vor gut zwei Wochen war ich nach Basel gefahren, um dort die besetzte Villa Rosenau zu fotografieren. Auch dort ging es keine zwei Minuten, bis mir jemand sagte, ich dürfe nicht fotografieren. Jetzt aber, im Hardturm, diskutierte ich mit dem Ordnungshüter über Sinn und Unsinn dieses Verbots, während ich sah, wie ein anderer Pressefotograf in Begleitung eines anderen Besetzers an uns vorbeizog und munter fotografierte. Nun entbrannte die Diskussion über Sinn und Unsinn des Verbots auch noch zwischen den beiden Besetzern. Ich war schon wieder verwirrt und packte meine Kamera ein. Am Abend machte dann die «Tagesschau» das Fotoverbot auf dem Hardturm zum Thema: «Mit ihren strikten Bildkontrollen», so wurde kommentiert, «rücken sich die Besetzer in die Nähe der Uefa - und damit gerade jener Organisation, der sie vorwerfen, mit ihren strikten Vorschriften die Euro 2008 verkommerzialisiert zu haben.» Nur dass auf der Verbotstafel der Uefa neben Kameras auch Helme, Rucksäcke, Esswaren, Propagandamaterial, Drogen, Feuerwerkskörper, Fahnen, Spraydosen, Hunde, Papierrollen und Lärminstrumente abgebildet waren: Dinge, die ich im Hardturm alle gesehen habe.
Hier wie dort - es bleibt eine Erkenntnis: Der fotografierende Mensch ist ein Problem. Als Einziger muss er sowohl von Polizisten in Handschellen gelegt als auch von den BesetzerInnen an seiner Arbeit gehindert werden. Weil das Verhalten der Polizei öffentlich werden könnte. Weil die Polizei anhand seiner Bilder Leute identifizieren könnte. Weil er mit seinem Blitz nervt, und vielleicht klaut er dir ja sogar die Seele. Eigentlich aber macht er ein ehrliches Handwerk. Was kann er dafür, dass diesem Handwerk niemand mehr traut?
Florian Bachmann ist Fotograf und regelmässiger Mitarbeiter der WOZ.
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