Das Essen im Osten

Von Bettina Dyttrich

Stell dir vor, sagt meine Freundin S., alles, was du als Kind gegessen hast, gibt es nicht mehr. Zum Beispiel diese kleinen Glacés aus der Migros mit Bär, Affe und Seehund drauf. Auch die Migros gibt es nicht mehr. Nur noch im Museum kannst du sie besichtigen. Die Produkte, ihre Verpackungen, ihre Gerüche und Geschmäcker sind weg. S. hat es so erlebt. Sie ist in der DDR aufgewachsen. Als die Mauer fiel, war sie zwölf. Der erste Besuch in einem Westsupermarkt war ein Schock, eine Überforderung der Wahrnehmung. Kein angenehmes Gefühl.

S. erzählt von einer Kindheit ohne dauernde Überflutung mit Werbung, auch ohne die vielen Frauenbilder in der Werbung, die sich schon in uns festbeissen, wenn wir noch Kinder sind, und die wir trotz aller Bemühungen nie mehr ganz loswerden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist.

Vor zehn Jahren reiste ich mit dem Zug nach Sibirien und auf die Krim. Das russische Essen, so hiess es fast überall, sei grässlich. Laut «Lonely Planet» sei eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn kulinarisch nur knapp zu überleben.

So ein Quatsch! Ich liebte es von Anfang an. Den Buchweizenbrei, die verschiedenen Krapfen und Pfannkuchen, die Vielfalt der sibirischen Äpfel, von denen die kleinsten gerade so gross wie Kirschen sind. Den Geruch nach Dill in den Küchen.

Besonders gut gefiel mir, dass es kein europäisches Frühstück gab, sondern Gulasch und Kartoffelstock oder Reis zum Zmorgen. Schon früher hatte ich am liebsten gleich nach dem Aufstehen Rösti gegessen, wie es meine Mutter als Kind auf dem Bauernhof noch gewohnt gewesen war.

Auf dem Heimweg von der Krim besuchte ich in Wien eine Ausstellung über das Alltagsleben in der DDR. Natürlich wirkten die Möbel, Küchengeräte und Konserven – zumindest für verwöhnte WestlerInnen im Jahr 1999 – ärmlich und bieder, aber warum das so war, wurde in der Ausstellung kaum thematisiert. So wurde es zur Stilfrage. Entsprechend hämisch waren viele Kommentare im Gästebuch. Zum Glück gibts diesen geschmacklosen Staat nicht mehr, war der Tenor. Ein Schweizer Besucher traf dagegen den Nagel auf den Kopf: Diese Plattenbauten sähen auch nicht anders aus als die Blöcke in Schwamendingen, schrieb er – mit dem Unterschied, dass dort viele BewohnerInnen die Hälfte des Einkommens für die Miete aufwenden müssten und nicht wie in der DDR unter zehn Prozent.

Ich fuhr nach Hause. Und konnte tagelang fast nichts essen. Mein Körper sträubte sich gegen das Schweizer Brot, gegen Müesli am Morgen. Ich vermisste den Dill, die Randensuppe mit dem Sauerrahm, das schwere, dunkle Kastenbrot, die Hackfleischkrapfen von Simferopol. Und vor allem das Gulasch zum Zmorgen.

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