Die Gedanken sind frei
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Wie sich der Überwachungsstaat DDR anfühlte, können wir uns dank des packenden Films «Das Leben der Anderen» über einen Stasi-Agenten und die von ihm ausspionierte DDR-Künstlerszene gut vorstellen. Wer sich in diesen erinnerungsträchtigen Zeiten auch dafür interessiert, wie der Überwachungsstaat Schweiz damals funktionierte, kann dies in einer Ausstellung in der Zürcher Zentralbibliothek zum Leben von Theo Pinkus, dem Schweizer «Fichenkönig», sehen. Pikanterweise wurde der Schweizer Buchhändler und Kommunist wegen seiner häufigen Reisen in die DDR sowohl vom Ministerium für Staatssicherheit als auch vom Schweizer Staatsschutz überwacht. In der Ausstellung hat man die Fichen und Akten beider Dienste auf den Boden geklebt, wohl damit man sich an ihnen die Füsse abwischen kann. Schade nur, dass man dabei nicht hoch erhobenen Hauptes, sondern mit dem gesenkten Kopf einer Sünderin herumschlurfen muss, um sie zu lesen. Es lohnt sich allemal: Diese doppelt gespiegelte, unter der Geheimdienstlupe verzerrte Biografie bietet sehr originelle Einblicke in das Selbstverständnis der jeweiligen Systeme.
Theo Pinkus (Deckname «Schweiz») wurde bei seinen häufigen Besuchen in der DDR von der Stasi auf Schritt und Tritt beschattet. Man fürchtete seinen staatszersetzenden Einfluss. «Schweiz» bezeichne die Partei der Arbeit als eine Sekte unverbesserlicher dogmatischer Starrköpfe und stelle die bürgerliche Demokratie der Schweiz als Vorbild auch für die sozialistischen Staaten hin, war in seinen Akten notiert. Dem Schweizer Staatsschutz schien Pinkus so gefährlich, dass er ihn von 1936 bis 1989 überwachte, sein Telefon abhörte, seine Briefe öffnete und sein Postscheckkonto kontrollierte.
Dass die überwachten BürgerInnen hüben und drüben schliesslich ihre Geheimdienstakten einsehen konnten, verdanken wir dem Mauerfall und dem Kopp-Skandal. Höchst erfreulich, dass damit die beiden staatlichen Überwachungssysteme auf die schmachvollste Art endeten, die es für einen Geheimdienst gibt: Die Zeugnisse ihrer obskuren Arbeit kamen ans Tageslicht.
Ein Unterschied zwischen den beiden Systemen war, dass die Stasi die DDR-BürgerInnen dazu zwingen oder erpressen konnte, für sie zu spionieren, während die Schweizer Bundespolizei auf die freiwillige Mitarbeit rechtschaffener Leute zählen durfte. Und dank der unfreundlichen Übernahme der zerbröselten DDR durch die siegreiche BRD konnte sich der Westen an den Ostintellektuellen zwei Jahrzehnte lang rächen und sie als IM (Informelle Stasi-Mitarbeiter) entlarven, während bei uns barmherzigerweise die Namen der besorgten Nachbarn und Kolleginnen, die die Polizei über verdächtige Beobachtungen informiert hatten, verdeckt blieben.
«Die DDR verschwand, als sie anfing, interessant zu werden», schrieb der ostdeutsche Schriftsteller Volker Braun vor ein paar Tagen in der NZZ. Die Schweiz verschwand nicht, sie verpasste sich bloss ein zeitgemässeres Feindbild und modernisierte ihren Staatsschutz.
Fast schon antiquiert wirkt es, wenn heute die PR-Firma Farner im Dienst der Waffenindustrie eine Spitzelin ans GSoA-Treffen schickt oder Nestlé sich der Securitas bedient. Denn heute schreiben wir mithilfe von Cumulus, Facebook und Google unsere Fichen ja weitgehend selber. «Jürg Bühler vom Dienst für Analyse und Prävention hat dich als Freundin hinzugefügt.»
Ruth Wysseier ist fichierte WOZ-Redaktorin und Winzerin.
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