Punkte zählen

Von Benjamin Shuler

Rechtzeitig zu Beginn der Diätsaison 2010 überraschte der Abnehmkonzern Weight Watchers mit der Ankündigung, dass die Diätwilligen beim berühmten Punktesystem zukünftig nicht mehr die Kalorien zählen müssen, sondern neu den Sättigungswert der Nahrungsmittel. Oder im Weight-Watchers-Jargon: ProPoints statt Diätpunkte. Damit orientiert sich das Unternehmen an neueren Erkenntnissen der Ernährungsforschung, wonach Nahrungsmittel mit hohem Eiweiss- und Ballaststoffgehalt nicht nur besser und nachhaltiger sättigen, sondern dem Körper beim Verdauen auch mehr Energie entziehen und dadurch wiederum beim Abnehmen unterstützen. Nun fragen sich Hunderttausende von KundInnen, ob sie sich in der Vergangenheit an einem ineffizienten System orientiert haben.

Doch das Grundprinzip von Weight Watchers, das leicht zwanghaft anmutende Addieren von Punkten, bleibt erhalten. Und damit auch das Erfolgsrezept des börsennotierten Unternehmens: Anstatt sich auf die Bedürfnisse und Signale ihres Körpers zu sensibilisieren, können sich Weight-Watchers-KundInnen auch in Zukunft an einem objektiv anmutenden Zahlensystem festhalten. Und so wird es auch in Zukunft Hunderttausende geben, die vor der Mahlzeit anstelle des Tischgebets gläubig ausrechnen, für wie viele Punkte sie noch essen dürfen.

Weight Watchers wurde 1963 im US-Bundesstaat New York gegründet, das Unternehmen hat bis heute in dreissig Länder expandiert. Das Unternehmen gehört seit 1999 zum grössten Teil der luxemburgischen Investmentholding Artal Luxembourg SA. Der Schweizer Sitz des Diätkonzerns ist in Genf. Hierzulande hat sich vor allem Coop mit Weight Watchers profiliert: Coop vertreibt rund 300 Produkte unter der Marke Weight Watchers und erzielt damit einen Jahresumsatz von über 130 Millionen Franken.

Zweifellos sind sowohl das alte als auch das neue Weight-Watchers-­Sys­tem seriöser und wirksamer als die unsäglichen «Zehn Kilo in einem Monat abnehmen»-Diäten, welche gerade im Januar den Absatz von Frauen­zeitschriften puschen sollen. Aber ebenso zweifellos ist das oberste Ziel des Weight-Watchers-Konzerns nicht der Erfolg ihrer KundInnen, sondern sein eigener. Böse Zungen behaupten, dass mit Weight Watchers vor allem das Portemonnaie der KundInnen abnehme. Tatsächlich ist Weight Watchers ein ausgeklügeltes System, das KundInnen möglichst lange an das Unternehmen binden soll, mit einer reichen Palette an Angeboten, vom regelmässigen Weight-Watchers-Treffen unter der Leitung von Coachs über (überteuerte) Weight-Watchers-Lebensmittel im Supermarkt bis hin zu Infomaterial in allen erdenklichen Formen.

Auf dem kontinentaleuropäischen Markt nennt Weight Watchers die Kalorienzählerei als veraltet und überholt. Das hindert den Konzern nicht daran, ausgerechnet in seinem Stammland genau dieses System beizubehalten: KundInnen in den USA zählen nach wie vor gläubig Kalorien.

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