22.04.2004

Versteckt im «Land der Demokratie»

Der 26-jährige Murat Hayat lebt seit einem halben Jahr ohne Papiere in der Schweiz. Wie schlägt er sich im Alltag durch?

Von Sina Bühler

«Angst? Nein, ich habe keine Angst. Ich darf keine Angst haben. Angst ist gefährlich.» Dabei gäbe es für Murat Hayat * genügend Gründe, ängstlich zu sein. Denn seit vergangenem Oktober lebt der 26-jährige Zypriote illegal in der Schweiz. Schlepper brachten ihn 1998 in einem Boot nach Italien, von wo er nach Deutschland weiterreiste. Nachdem sein Asylgesuch dort abgelehnt worden war, versteckte er sich zwei Jahre lang bei seiner Schwester. «Niemand kam, um mich auszuweisen», sagt er. Und doch wollte er weg. Lieber ein erneutes Asylgesuch in einem anderen europäischen Land stellen, als versteckt zu leben, sagte er sich. «Sich verstecken zu müssen, das ist schlimm.» Hayat konnte damals nicht wissen, dass ihm das auch in der Schweiz passieren würde. Nach seiner Einreise in die Schweiz bleibt er auch in Zürich zuerst versteckt. Dann stellt er in Basel einen Asylantrag und wird nach Fribourg gebracht. Der gelernte Maschinenmechaniker arbeitet am Bahnhof und in einer Fabrik. Dann wird er zuerst arbeits-, später papierlos. Denn nach drei Jahren in der Schweiz kam der negative Asylbescheid. «Am 9. Oktober 2003 erhielt ich den Brief aus Bern», sagt Hayat.

Er legt drei Mal Rekurs ein und die Behörde lehnt drei Mal ab. Sie zitieren ihn nach Bern, wohin er auch fährt. «Ich hatte eine Woche Zeit, dann sollte ich mit gepacktem Koffer wieder in Bern sein», sagt er. Diesmal erscheint er nicht. Zwei Wochen geht er nicht nach Hause zu seiner Freundin. Schnell zog sie um, und seither lebt er bei ihr «au noir».
Trotz allem Optimismus, trotz der Lebensfreude, die Hayat ausstrahlt, trotz seiner «immer noch privilegierten Situation», wie er selber sagt, sehr glück­lich­ sei er nicht. Und er frage sich schon, wie lange er noch durchhalte. Den ganzen Tag verbringe er in der Wohnung, schaue fern, lese, warte: «Psychisch macht einen das fertig.»

Ohne Papiere keine Heirat

Weshalb bleibt Hayat dennoch hier? «Ich kann im Moment nicht zurück nach Zypern.» Hayat, der Armenier, lebte seit seiner Geburt im türkischen Teil Zyperns. Er ist Anhänger der TKP-ML, der marxistisch-leninistischen Partei. Weil er eine verbotene Zeitung verteilte, wurde er verhaftet. Die Polizei zog seine Identitätskarte ein, fotografierte und registrierte ihn. Hayat kam frei, wurde wieder verhaftet. Und wieder. Dann entschloss er sich, aus Zypern wegzugehen. Damals war er neunzehn Jahre alt. Würde Hayat heute in sein Heimatland zurückkehren, wäre er wohl wieder den gleichen Schikanen ausgesetzt. «Im Moment werden dort meine Brüder von der Polizei gesucht – meinetwegen», sagt er.
Und deshalb sagt Hayat: «Ich habe es gut in der Schweiz.» Er kann bei seiner Freundin leben, einer Assyrerin aus dem Irak. Sie hat eine Aufenthaltsbewilligung, ist anerkannter Flüchtling. Und sie hat Arbeit. «Darum habe ich genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und jemanden, der mir hilft», sagt der Zypriote. Von seinen Verwandten lebe niemand in der Schweiz, aber wenigstens könne er mit seiner Freundin zusammen sein. Sie wollen heiraten, falls das irgendwann möglich sein wird. Im Moment ist es das nicht. Das Aufgebot müsse drei Monate im Voraus bestellt werden. Das Paar hatte die Heirat gerade beschlossen, dann sei Hayats Ausweisungsbescheid dazwischen gekommen. «Und ohne Papiere keine Heirat.» Er zuckt mit den Schultern. Und fügt schnell hinzu: «Im Moment kann ich nicht heiraten, aber ich möchte bald eine Familie gründen.»

Hätte er heute schon eine Familie, er würde nicht versteckt leben. Er hätte sich vielleicht ausweisen lassen, wäre weitergereist. Seinen Kindern würde er ein Leben als Sans-Papiers nicht zumuten wollen. Und vielleicht bessere sich ja die Situation in Zypern. Hayat schlägt die NZZ auf, deutet auf einen Bericht über die Situation in seinem Heimatland: «So schnell geht es nicht, aber ich träume davon, dass diese Grenze verschwindet.» Mit dem Zeigfinger fährt Hayat über die Grenzlinie auf dem Zypern-Kärtchen. Zypern sollte wie die Schweiz organisiert sein, «wie das Land der Demokratie», wie er sagt.

Beziehungen vermeiden

Dass er sich auch im «Land der Demokratie» den Behörden würde entziehen müssen, das hatte er nicht geglaubt. Dass es sogar noch schlimmer werden könne, dass er sich vor den meisten Menschen würde verbergen müssen, erst recht nicht. Darum findet Hayat auch keine Arbeit. «Als Papierloser geht das nur über Beziehungen», sagt er. Und Beziehungen vermeidet er: Den Kontakt mit legalen AufenthalterInnen, weil er nicht weiss, wem er trauen kann. Kontakt mit Illegalen ohnehin, weil sie selbst schon gefährdet seien. Einmal in der Woche allerdings trifft sich das Fribourger «Collectif des sans-papiers» in einer Kirche und bespricht Aktionen, mögliche Besetzungen und ganz konkrete Hilfeleistungen. Eine enge Freundschaft pflegt er nur mit Kamil. Der Kurde, der nach mehreren Verhaftungen und Folterungen aus der Türkei flüchtete, ist ein anerkannter Flüchtling. Ab und zu treffen sie sich in der Stadt. Auch heute hat Kamil seinen Freund begleitet. Doch den grössten Teil des Tages verbringt Hayat in seiner Wohnung.

Polizisten freundlich grüssen

«Ich nehme mir den halben Nachmittag Zeit, um das Abendessen für mich und meine Freundin vorzubereiten.» Hayat lächelt. Er wirkt nicht wie ein 26-Jähriger. Vielleicht ist es der Bart, der ihn zehn Jahre älter aussehen lässt, vielleicht der dunkelgrüngraubraune unmodische Strickpulli. Vielleicht ist es die Art, wie er über seine Sorgen spricht und dabei die Probleme anderer wichtiger als seine eigenen nimmt. «Was anders ist, wenn man keine Aufenthalts­bewilligung hat?», wiederholt er eine Frage und bleibt dann lange stumm. Schliesslich antwortet er: «Ich habe keine Papiere.» Und keine Krankenversicherung? Ja, er dürfe halt nicht krank werden. Und wenns etwas Kleines sei, dann gebe es in der Region einen Arzt, der Sans-Papiers behandle. Wenigstens habe er keine Kinder, betont er wieder. «N’est-ce pas, Kamil? Kinder sind ständig krank.» Er könne sogar ein Bus-Abo kaufen, jeden Monat. Die Grundkarte löste er als Asylbewerber, und sie bleibt bis 2006 gültig. «Doch so lange werde ich kaum in der Schweiz bleiben», sagt Hayat.

Gerät er nie in Polizeikontrollen? Hayat klopft lachend auf den Holztisch. «Bisher musste ich meinen Ausweis nicht zeigen», antwortet er. Vielleicht, weil er jedes Mal in einer Gruppe gewesen sei und die anderen gültige Papiere hatten: «Einmal habe ich ihnen meine Postcard gezeigt und gesagt, der Ausweis sei daheim. Da haben sie mich laufen lassen.» Er spreche Deutsch und Französisch und schaue den Polizisten gerade in die Augen, zittere nicht, sei selbstsicher. Angst sei gefährlich, wiederholt Hayat. Gefährlich für die Psyche; und ganz konkret gefährlich. Ängstliche Menschen verhalten sich auffällig, werden genauer kontrolliert. Hayat grüsst Polizisten ganz freundlich. Und drückt ihnen lächelnd Flyer mit einem Aufruf zur Fribourger Sans-Papiers-Demonstration in die Hand.

* Name geändert

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